Für Anonymität, gegen Stammtischniveau

Was kann man gegen Verfasser von unsachlichen oder böswilligen Kommentaren im Netz tun? Der bekannte Medienunternehmer Nick Denton startet eine Qualitätsoffensive gegen ungebetene User.

Hält von den Leserreaktionen wenig: Nick Denton, Gründer des Blog-Netzwerkes Gawker Media. Bild: Facebook.com

Hält von den Leserreaktionen wenig: Nick Denton, Gründer des Blog-Netzwerkes Gawker Media. Bild: Facebook.com

«Wir wachen auf und verbinden uns miteinander. Menschliche Gemeinschaften entstehen aus Diskursen», romantisierten einst die Autoren der Internetbibel Cluetrain-Manifest während des Dotcom-Booms. Man setzte grosse Hoffnung in die neue Technik, weil sich die Vorstellung verbreitete, dass das World Wide Web nun jene Kommunikation erlaube, die im Zeitalter der Massenmedien unmöglich war.

15 Jahre später findet Nick Denton diese Idee nur noch «lächerlich». Der Brite ist Gründer von Gawker Media, Amerikas erfolgreichstem Blogging-Unternehmen. Die kontroverse Aussage machte der ehemalige Journalist der «Financial Times» anlässlich des Start-up-Festivals South by Southwest Interactive 2012. Im Interview mit CNN zieht Denton eine ernüchternde Bilanz: «Die ursprüngliche Idee des Internets liess sich bis heute nicht umsetzen. Leider haben die User auch keinen Ehrgeiz, etwas daran zu ändern.»

Denton spricht von toxischen Kommentaren

Denton spricht von seinen Erfahrungen als Unternehmer. Sein Blog-Netzwerk gilt in der Medienwelt als Musterbeispiel dafür, wie publizistische Produkte im Internet erfolgreich sein können. Dazu gehört auch der Diskurs mit der Leserschaft. Denton zeigt sich allerdings zunehmend enttäuscht von der Intelligenz der Masse. Die Vorstellung davon, die User könnten mit Kommentaren Autorenbeiträge aufwerten, hält Denton für einen Witz.

Über die Resonanz im Web kann der Medienunternehmer nur den Kopf schütteln. Was er auf seinen Seiten lese, sei so schlecht, dass er mittlerweile schon gar nicht mehr eingreife. «Ich lese die Kommentare nicht mehr. Auf zwei gute Beiträge, die durchaus interessant und kritisch sind, kommen acht, die mit dem Thema nichts zu tun haben», erklärt er. Denton bezeichnet die Mehrheit der Leser-Feedbacks als «toxisch».

Für den Onlineverleger ist die Situation äusserst paradox. Je bekannter seine Blogswürden, desto schwieriger sei es, die Kommentare zu kontrollieren. Zwangsläufig würden sie «schmutziger». Es sei aber auch so, dass auf reichweitenschwachen Websites weniger oft und gut kommentiert werde wie auf publikumsstarken Angeboten.

Journalisten sollen keine Kommentarforen moderieren

Gibt es eine Lösung des Problems? Denton hat eine klare Vorstellung, wie man mit sogenannten Trollen, Verfassern von unsachlichen oder abstossenden Kommentaren, umgehen sollte. So sagt Denton beispielsweise, dass Journalisten nichts in den Leserspalten zu suchen hätten. Der Autor des Artikels sollte seine Zeit für das Verfassen von Beiträgen aufwenden und sie nicht mit Moderieren verschwenden.

Überraschenderweise ist Denton überzeugt, dass man anonyme Kommentarschreiber nicht verbannen dürfe: «Ich bin der Auffassung, dass Anonymität das Herzstück des Internets ist.» Das ist allerdings die einzige Freiheit, die er den Usern auf seinen Plattformen zugesteht. So will Denton den Lesern nicht mehr Macht geben durch sogenannte Votings, mit deren Hilfe sie Kommentare gewichten können. «Ich glaube nicht an einen demokratischen Prozess, wenn es zu Diskussionen kommt», sagt Denton und illustriert dies mit einem Beispiel. So habe eine Autorin kürzlich über den Chef der Firma American Apparel geschrieben, der angeblich Frauen am Arbeitsplatz sexuell belästigt habe. Denton hätte es begrüsst, wenn sich der CEO in den Kommentarspalten verteidigt hätte. Das sei allerdings unmöglich gewesen, da 90 Prozent der User dem Firmenchef den Prozess gemacht hätten.

Die Konsequenz: Denton plant nun quasi einen VIP-Club auf seinen Websites. So will er bald nur noch eine handverlesene Gruppe von Usern kommentieren lassen. Das würde den Artikel aufwerten und es Personen wie dem American-Apparel-Chefs erlauben, sich in der Öffentlichkeit zu äussern. «Ich will die Experten, die an solchen Diskussionen teilnehmen», sagt Denton. Den Stammtisch will er künftig ausschliessen.

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