«Es ging um die Opfer, aber auch um uns»

Von den Pariser Anschlägen bis zum Germanwings-Absturz: Das Gedenken nach öffentlichen Tragödien sorgt in den sozialen Medien immer wieder für Streit.

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Jan Rothenberger@janro

Im Anschluss an den Pariser Terror wechselt eine Kollegin ihr Facebook-Profilbild auf Blau-Weiss-Rot. Darunter kommentiert jemand: «150 Tote in Paris am 13.11.2015 – 3275 Ertrunkene vor Griechenland bisher im Jahr 2015.» Ähnliches wiederholte sich tausendfach in den letzten Wochen – Bekundungen von Betroffenheit trafen auf Zurechtweisung. Bei der neuen, digitalen Trauer geht Facebook seinen Nutzern zur Hand. Im Fall nationaler Tragödien wie den Pariser Anschlägen können Nutzer ihr Profilbild mit einer Flagge versehen, quasi virtuelles Trauergewand tragen.

Die häufige Reaktion darauf: Trauer um eine Gruppe von Menschen, nicht aber eine andere sei verlogen. Dasselbe erlebte man auch in persönlichen Diskussionen, so gilt Social-Media-Trauer oft als unangemessen, oberflächlich. Geht es nur um Selbstdarstellung? Darüber wird ebenfalls gestritten. Umgekehrt wird, wer sich über die Flaggenprofile lustig macht, im Facebook-Kommentar rasch kritisiert, als pietätlos oder gefühllos.

Es gibt viele Artikel, die den Kritikern beispringen. Tenor: Der Profilbildwechsel helfe den Parisern rein gar nichts, sei bloss eine leere Geste.

«150 Tote in Paris am 13. November – 3275 Ertrunkene vor Griechenland bisher im Jahr 2015»Facebook-Kommentar

Für den Netzkultur-Blog der «Süddeutschen Zeitung» ist die Kritik an neuen Netz-Ritualen anmassend – was wir sehen, seien halt erste Gehversuche für Trauer online: «Es gibt keine Vorgängergeneration, die vorlebt, wie das geht.» Die Autorin schreibt, man käme ja auch nicht «auf die Idee, sich neben denjenigen mit der Kerze zu hocken und ihm oder ihr zu erklären, warum das denn nun Unsinn sei».

Digtale Kerzen und Blumen

«Das ist nichts grundlegend Neues», sagt Dr. Nina Jakoby, Soziologin an der Universität Zürich. Dass traditionelle Trauersymbole wie Kerzen, Blumen oder Flaggen ihren Weg ins Internet finden, sehe man immer wieder. Jakoby hat sich mit der Trauerkultur im Netz beschäftigt, unter anderem mit Onlinefriedhöfen oder Trauerwebsites, die seit den Anfangszeiten des Internets Onlinegedenken ermöglichen.

Neu dabei ist laut Jakoby, dass Menschen im Netz über die Angemessenheit von Betroffenheit breit diskutierten – eine Folge der sozialen Medien. «Das hat damit zu tun, dass die Grenzen zur Selbstdarstellung fliessend sind», so Jakoby. Sie sieht hier einen explosiven Mix von Emotionen am Werk: «Wir sehen Gefühle von Empathie, Betroffenheit, Mitgefühl, Solidarität oder eigene Ängste. Im Zentrum steht oft nicht das persönliche Verlustgefühl, das Trauer ja eigentlich ist.» Daran liege es, dass die Angemessenheit eher Thema werde als bei privater Anteilnahme.

Angst vor dem Shitstorm

Solidaritätspostings sind nichts rein Persönliches, sondern oft politisch. Anteilnahme dieser Art kann online auch in Wut umschlagen. Angesichts öffentlicher Tragödien scheint Betroffenheit Pflicht, weitermachen, als sei nichts geschehen, verboten. Ein Social-Media-Manager erzählt von besorgten Kundenanrufen am Morgen nach den Pariser Anschlägen. Kein Unternehmen wollte Werbeposts auf seiner Facebook-Page für die nächsten Tage», sagt er. Zu gross sei die Angst vor Negativkommentaren gewesen. Der Hintergrund ist klar – die trauernde Mehrheit fordert ein, dass respektvoll geschwiegen wird. Wer dagegen verstösst, riskiert einen Shitstorm.

Längst haben Unternehmen den Trauerimperativ in ihre PR-Planung einkalkuliert. Nach dem Germanwings-Absturz entfärbte die Lufthansa ihr Profilbild auf Twitter. Andere Fluglinien folgten auf dem Fuss. Google heftete sich auf seiner Suchseite eine schwarze Schleife an. Flaggen, Schwarztragen, Trauerflor: Die Gesten orientieren sich an dem, was auch eine Privatperson an Zeichen setzen würde.

Solch ein Verhalten liegt für Jakoby nahe: «Das Internet ist ein Medium der Darstellung, gerade auch von Werten.» Das sei besonders heikel für Unternehmen, da sich an kommerziellen Interessen leicht Kritik entzünde und man möglichst wenig Angriffsfläche bieten wolle: «Der Vorwurf von Kosten-Nutzen-Überlegungen ist schnell zur Hand.»

Wir sind auf der Suche

Für den Netz-Kolumnisten Sascha Lobo gibt es bisher keinen akzeptierten Umgang mit der Trauer im Netz. Nach dem Germanwings-Crash bilanzierte er eine «digitale Suchbewegung der Verzweiflung». Diese sei «ebenso unbeholfen, wie der Umgang mit dem Tod».

Ob sich mit der Zeit eine breit akzeptierte Betroffenheitskultur im Netz herausbildet, sei offen, sagt Nina Jakoby. «Zu hoffen ist, dass es mehr Toleranz für individuelles Gedenken online und offline gibt.» Wie nach Paris seien Posts nach öffentlichen Tragödien aber in erster Linie eine Suche nach Gruppenzugehörigkeit, nach Wir-Gefühl. Jakoby: «Es ging um die Opfer, aber auch um uns selbst.»

DerBund.ch/Newsnet

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