Einfach digital lesen

Längere Artikel auf einem Bildschirm zu lesen ist oft mühsam. Apps bieten Hilfe und schicken sich an, Lesegewohnheiten grundlegend zu verändern. Ein Überblick.

Digitales Lesen ist Übungssache: ein Model an der New York Fashion Week. Foto: Reuters

Digitales Lesen ist Übungssache: ein Model an der New York Fashion Week. Foto: Reuters

Rafael Zeier@RafaelZeier

Lesen ist Übungssache. Wie man auf Papier liest, wissen wir. Das haben wir in der Schule x-fach geübt. Aber wie man digital liest, hat uns niemand gezeigt. Da sind wir alle blutige Anfänger und müssen uns auch nach all den Jahren immer noch an dieses im steten Wandel begriffene Medium herantasten. Nicht wenige Leser drucken sich darum elektronische Texte weiterhin lieber aus.

Aber nicht nur die Leser wurden von dieser technologischen Entwicklung regelrecht ins kalte Wasser geworfen, auch Autoren, Verleger und selbst Softwareentwickler. Wie kalt das Wasser auch heute noch ist, zeigt sich allein schon daran, wie unsicher alle Beteiligten immer noch agieren. Verlage experimentieren mit neuen Bezahlmodellen, Technologiekonzerne mit immer neuen Geräteklassen und Serviceangeboten.

In diesem Umfeld zu üben und sich neue Lesegewohnheiten anzueignen, ist mühsam und gelegentlich frustrierend – etwa wenn ein Service eingestellt wird. Dass es auch anders geht, sieht man bei den elektronischen Büchern. Da ist die Entwicklung schon weiter. In den letzten Jahren haben sich diverse Lesegeräte und digitale Buchhandlungen etabliert. Dass sich hier langsam eine neue Art zu lesen durchsetzt, sieht man deutlich, wenn man in einer Grossstadt die Pendler beim Lesen beobachtet. Es gibt aber immer noch Verbesserungspotenzial – etwa beim Bücherangebot, den verschiedenen Standards und nicht zuletzt den Preisen, wie das jüngste Urteil gegen Apple wegen Preisabsprachen zeigt.

Die Suche nach dem Lesestoff

Im Gegensatz zu den Büchern ist die Entwicklung bei den restlichen digitalen Textangeboten noch nicht so weit. Das erste Problem ist die Suche nach den gewünschten Texten. Das Angebot ist viel breiter und reicht von Newsportalen, digitalen Ausgaben von Printmedien bis zu Blogs. Die Umgewöhnung auf das Bildschirmlesen wird also durch den Zwang der Textsuche zusätzlich erschwert. Was früher Briefkasten, Kiosk, Buchladen und Bibliothek waren, ist heute übers ganze Internet verteilt. Verschiedene Bündelungsversuche sind bis jetzt nur beschränkt hilfreich.

Für kostenpflichtige Inhalte hat etwa Apple den Newsstand, eine Art Zeitungskiosk, entwickelt. Dort können iPad-Nutzer Ausgaben und Abonnements verschiedener Publikationen kaufen. Das ist für die Nutzer einfach, aber für die Verlage teuer. Denn Apple kassiert an jedem verkauften Abo mit. Kein Wunder, lancieren Verlage lieber eigene Angebote.

Mit der RSS-Technik bekommt man alle Artikel einer angeschlossenen Webseite automatisch in ein Postfach geliefert. So kann man, analog zum E-Mail-Postfach, einen Artikel nach dem anderen lesen und in Ordnern archivieren. Der bekannteste Dienst war der Google Reader, der aber kürzlich eingestellt wurde. Der Suchgigant will stattdessen in Zukunft auf soziale Netzwerke setzen, namentlich das hauseigene Google+.

Lesegerät und Archiv in einem

Noch besser geeignet für das Finden und Abonnieren von Lesestoff ist aber das breiter genutzte Twitter. Mit dem Kurznachrichtendienst kann man sich die wichtigsten Medien, Autoren und Experten abonnieren und wird informiert, wenn es einen neuen Artikel zu lesen gibt. Die nach wie vor geläufigste Methode, um an Lesestoff zu kommen, bleibt aber das eigenhändige Abklappern einzelner Websites.

Ist ein spannender Artikel gefunden, stellt sich vor dem Lesen eine Frage, die sich beim Papier so nicht stellt: Wie möchte ich diesen Text lesen? Nicht jeder liest einen längeren Artikel gerne an einem Bürocomputer oder auf einem Handy, und nicht immer hat man Zeit, einen Text fertig zu lesen. Die häufige Notlösung: Man schickt sich den Link zum Artikel selbst per Mail.

Verschiedene Dienste haben sich darauf spezialisiert, dieses Problem eleganter zu lösen. Sie heissen Instapaper, Readability und Pocket. Sie sind Lesegerät und Archiv in einem – und das quer über alle Computer, Tablets und Handys hinweg. Auf den mobilen Geräten installiert man die App, und auf dem Computer lädt man ein Programm herunter, das sich in den Browser einklinkt. Stösst man im Internet auf einen spannenden Artikel, kann man ihn per Klick an den jeweiligen Service schicken. Dort wird er zum späteren Lesen aufbereitet und gespeichert.

Werbefreier Lesegenuss

Öffnet man nun auf seinem Handy oder Tablet die App oder surft auf dem Computer zur Website des Dienstes, wartet der eben gespeicherte Artikel schon. Aber nicht nur das. Der Artikel wurde auch entschlackt. Werbung und sonstiges Beiwerk wird automatisch ausradiert. Übrig bleibt der reine Artikel ohne all die Ablenkungen, die moderne Websites mit sich bringen. Auf Knopfdruck verschwindet selbst das Menü, sodass auf dem Bildschirm nur der Text und das Artikelbild übrig bleiben. Auf Wunsch lassen sich zusätzlich die Schriftgrösse und Schriftart ändern. Für Pendler äusserst nützlich ist die Offlinefunktion dieser Apps. Auf dem Handy und dem Tablet werden die Artikel automatisch heruntergeladen und gespeichert. So kann man seine Artikel auch im Zug oder gar im Flugzeug lesen.

Leider hadern alle drei Apps mit PDF-Texten. Einzig Pocket kann PDFs in speziellen Fällen archivieren. Für welchen der drei Dienste man sich schlussendlich entscheidet, ist Geschmackssache. Die Unterschiede sind minimal. Allerdings konnte sich Pocket im Alltagstest mit seiner schlichten und intuitiven Bedienung etwas von der Konkurrenz absetzen.

Es wird auf jeden Fall spannend sein zu beobachten, wie sich diese Angebote weiterentwickeln. Mit der Kombination aus Offlinelesen und der entschlackten Ansicht bieten sie das bis dato angenehmste und papierähnlichste Leseerlebnis. Wenn sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren fortsetzt, könnte das digitale Lesen noch so manchen Papierleser für sich gewinnen.

DerBund.ch/Newsnet

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