Der Mammut-Bezwinger

Mit einer trivialen Facebook-Aktion zwang Andreas Freimüller den Outdoor-Spezialisten Mammut in die Knie. Jetzt knöpft er sich Sunrise vor. Wer ist dieser Mann?

Seine Waffe ist das Internet: Andreas Freimüller setzt mit Facebook Firmen wie Sunrise und Swiss Life unter Druck.

Seine Waffe ist das Internet: Andreas Freimüller setzt mit Facebook Firmen wie Sunrise und Swiss Life unter Druck.

(Bild: Christian Lüscher)

Christian Lüscher@luschair

Bart, graues Hemd, orange Fleecejacke: Andreas Freimüller sitzt unauffällig in einer Zürcher Starbucksfiliale und trinkt Wasser aus einer Flasche. Sieht so einer aus, der digitale Bewegungen ins Leben ruft und grosse Firmen unter Druck setzt?

Der 41-Jährige erzählt eine Anekdote. Während eines Segeltrips schimpfte ein Freund über den Wirtschaftsverband Economiesuisse, weil dieser das neue CO2-Gesetz bekämpft. Freimüller verstand den Unmut seines Kollegen und beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen.

Seine Recherche zeigte ihm, dass auch die bekannte Outdoormarke Mammut die Position von Econiomiesuisse unterstützte. Aus einer Laune heraus schrieb er auf der Facebook-Fanpage, es sei beschämend, dass sich das naturnahe Unternehmen aktiv gegen die Einführung eines CO2-Gesetzes engagiere. Dann gings schnell. Es folgte eine Lawine der Entrüstung. Innert Stunden hagelte es von der Community Kritik. Einzelne Exponenten riefen zum Boykott der Produkte auf. Noch am selben Tag reagierte Mammut und distanzierte sich vom Engagement. Ein Sieg der Naturfreunde. Freimüller war in den Schlagzeilen.

Innert Minuten Mammut unter Druck gesetzt

«Der Verlauf der Aktion überraschte mich», resümiert der 41-Jährige. Es sei zwar sein Ziel gewesen, dass Mammut von der Liste verschwindet. Die Schnelligkeit und Heftigkeit der Reaktionen wunderten selbst ihn, den erfahrenen Kommunikationsexperten. «Früher war es nicht möglich, innert drei Minuten so viele Menschen für ein Anliegen zu mobilisieren», sagt Freimüller. Das sei die grosse Stärke der sozialen Medien.

Seit zehn Jahren führt Freimüller als Geschäftsführer die PR-Agentur Kampagnenforum.ch. Zu seinen Mandanten gehören Parteien, die eher im linken Spektrum angesiedelt sind, oder Nichtregierungsorganisationen wie der WWF. Sein Job ist es, die Menschen mit beschränkten Mitteln wachzurütteln und Meinungen unters Volk zu bringen.

Mit Mammut ist ihm dies bestens gelungen. Mit diesem Erfolg gibt sich Freimüller jedoch nicht zufrieden. Letzte Woche nahm der Zürcher Sunrise ins Visier. Das Telekomunternehmen ist ebenfalls auf der Liste von Economiesuisse. «Es stinkt mir gewaltig, wenn Firmen uns Kunden für dumm verkaufen», wettert Freimüller. Das Unternehmen sei gegen das neue Co2-Gesetz, verpasse sich nach Aussen aber einen grünen Anstrich. Aus diesem Grund hat er auf Facebook die Gruppe «Weg von der CO2.ch-Liste» ins Leben gerufen. Freimüller geht sehr direkt vor. Er publiziert Videos mit der Botschaft «Liebe Sunrise, ich kündige!», er missbraucht Markenlogos, er verbreitet Kündigungsschreiben und er ruft die User via Mail dazu auf, die Pinnwand von Sunrise stetig mit kritischen Meinungen zu überhäufen. Das Ganze klappt noch nicht so, wie er sich das ursprünglich vorgestellt hat. «Ich gebe aber nicht auf», sagt Freimüller.

Sunrise-Manager verliert Beherrschung

Einen kleinen Sieg konnte er am Freitag verbuchen. Ein Sunrise-Manager verlor die Geduld mit dem kritischen Zeitgenossen. Er schoss auf Facebook scharf gegen die SP und beschuldigte die Partei der Störaktion. Er machte Freimüller wegen seiner Freundschaften zu SP-Politikern zum gekauften Rädelsführer. «Das zeigt, wie blank die Nerven bei Sunrise liegen», meint Freimüller. Inzwischen wurde der Manager zurückgepfiffen. Auf Geheiss von oben entschuldigte er sich für seinen Ausrutscher.

Freimüllers Aktivismus hat lange Tradition. Seit seiner Jugend ist er in Sachen Umweltschutz auf Mission. Er hat sich schon mit mächtigeren Gegnern angelegt als Sunrise. In der russischen Arktis schoss ihm während einer Aktion für Greenpeace die russische Küstenwache mit einem Geschütz vor den Bug. Verletzt wurde zum Glück niemand. Im Ärmelkanal hätte ein japanischer Heilkopterträger beinahe sein Schiff versenkt, weil sein Boot einen Plutoniumtransport auf dem Weg nach Japan beschatten wollte. Die Aktivistenzeiten sind allerdings vorbei. Ruhiger ist Freimüllers Leben heute, auch weil er demnächst Vater wird: «Ich riskiere mein Leben nicht mehr für solche Aktionen.»

Nicht im Dienst von Kunden

Deshalb setzt er sich mit seiner Agentur für Umweltanliegen ein. Dass er auf Facebook im Interesse von Parteien oder Organisationen handle, weist er weit von sich. Hinter seiner Bewegung stecke keine grandiose Planung. Geld sei keines im Spiel.

Als Scharfmacher würde sich Freimüller übrigens nicht bezeichnen. Im Gegenteil: Er findet sogar, dass er die Debatten sachlich angehe und das Gespräch suche. Das sehen seine Kontrahenten bei Economiesuisse anders. Dort spricht man von Freimüller, als sei er ein Krawallmacher, der an einer sachlich geführten Diskussion nicht interessiert ist. Freimüller kann die Kritik nicht nachvollziehen und hat eine Erklärung für diese Wahrnehmung parat: «Viele Manager denken noch in Web-1.0-Schemen und verstehen die Mechanismen, die Stärke und die Dynamik von sozialen Medien nicht.»

Was plant Freimüller als nächstes? Das wisse er noch nicht. Er habe schliesslich keinen Auftrag. Er schliesst aber nicht aus, dass er nach Sunrise auch den Versicherer Swiss Life an die Kandare nehmen und die inkongruente Nachhaltigkeitspolitik im Netz thematisieren wird. Ruhe will er auf keinen Fall geben. Dafür ist ihm die Umwelt zu wichtig.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt