Alle gegen Google

Die Konkurrenz von Google Chrome setzt zum Gegenschlag an: Firefox und Co. versprechen mehr Datenschutz und Surftempo.

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Matthias Schüssler@MrClicko

Die Browserkriege sind nichts, was Historiker bewegen würde. Doch in der Geschichtsschreibung des Internets nehmen sie einen grossen Platz ein. Denn es stecken Dynamik und Drama in den Geschehnissen. Es gibt wechselnde Fronten, abgestürzte Dominatoren und ein mögliches Comeback einer alten Grossmacht. Da war Netscape. Dieser alte Haudegen stellte in den Anfängen für viele den Inbegriff des World Wide Web dar. Doch mit einer misslichen Logistik (ausbleibende Updates) überliess er Ende der 1990er-Jahre dem Internet Explorer das Feld fast kampflos.

Doch das Zweckbündnis des Internet Explorers mit seinen Nutzern war nicht von Dauer. Viele Surfer wandten sich ab, als Mitte der Nullerjahre Netscape aus seiner Asche wiederauferstand – erst unter dem passenden Namen Phoenix. Aus Phoenix wurde Firefox, und er vermochte bis 2009 Microsoft ein Drittel der Nutzer abzujagen.

Im gleichen Jahr trat ein Aussenseiter auf den Plan. Google als neue Supermacht versprach: keine Sperenzchen, sondern Tempo und ein unkompliziertes Surferlebnis. Chrome setzte vom Fleck weg zu einem bis heute andauernden Siegeszug an. Er hat heute 60 Prozent Marktanteil. Alle anderen mussten zurückstecken, und Microsoft hat den Internet Explorer 2015 in den Veteranenstand versetzt. Der Nachfolger Edge hat bisher keine Meriten eingeheimst.

Kein Ruckeln, kein Brimborium

Diese Woche setzt Firefox zum Comeback an – bereits zum zweiten Mal nach der Phoenix-Ära: Unter dem Namen Quantum erscheint heute eine von Altlasten befreite neue Version des Browsers. Sie hat das erklärte Ziel, Nutzer von Chrome zurückzugewinnen: Die neue Version soll schneller sein, weniger Speicher benötigen und optisch unauffällig sein. Denn die höchste Tugend eines Browsers ist heute, auch die komplexesten Websites schnell und ohne Ruckeln anzuzeigen und selbst bei maximalem Multimedia-Brimborium den Akku von Mobilgeräten zu schonen.

Google hat alte Tugenden verloren, das kritisieren selbst die Fans. Einer von ihnen bemängelte auf der Social-Media-Plattform Quora, Chrome sei nicht mehr das «flinke Biest von 2011»: «Heute ist er eine bizarre App-Plattform, die man zufällig auch noch als Browser benutzen kann.» Der Mann spielt darauf an, dass Googles Browser auch Apps ausführen kann und so fast wie ein Betriebssystem im Betriebssystem funktioniert.

«Google schont die Datensammler»

Eine Sekundärtugend der aktuellen Browser ist die Sicherheit und der Datenschutz. Auch da rückt sich Firefox in ein gutes Licht: «Wir sind stolz darauf, als gemeinnützige Organisation dafür einzutreten, dass das Internet gesund, offen und für alle zugänglich bleibt», lobt sich die Mozilla-Stiftung, die den offenen Browser entwickelt. Das ist gegen Chrome gemünzt. Im Bereich steht Google als grosser Daten-Akkumulator unvermeidlicherweise in der Kritik. «Google schont die Datensammler», bemängelt die digitale Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation.

Während die anderen Browser Firefox, Safari, Opera und Brave ihren Nutzern Schutzmöglichkeiten vor der Nachverfolgung durch die sogenannten Tracker im Netz geben würden, ignoriere Google die tiefergehenden Probleme des Datenschutzes, klagen die Bürgerrechtler: Google Chrome will nächstes Jahr lästige Werbung automatisch ausfiltern. Doch das Verfolgen der Surfer über viele Webseiten im Netz hinweg will Google nicht unterbinden. Doch im Moment sieht es nicht danach aus, als ob diese Haltung Googles dominante Rolle in den Browserkriegen gefährden würde.

Zum Smartphone und zurück

Was die Funktionen angeht, sind sich die Browser inzwischen sehr ähnlich: «Ein Kopf-an-Kopf-Rennen», schrieb Pcworld.com im August. Ein wichtiges Komfort- und Unterscheidungsmerkmal ist das Zusammenspiel der Versionen für den Desktop mit den Smartphone-Varianten. Bei dieser Disziplin brillieren Firefox und Chrome: Über die Synchronisation stehen am Mobilgerät die gleichen Lesezeichen und der Surfverlauf zur Verfügung wie am Windows-PC und Mac. Mit der «An Gerät senden»-Funktion lässt sich bei Firefox eine Website ohne Aufwand an einem anderen Gerät öffnen. Bei Microsoft ist über die «Continue on PC»-App fürs iPhone und Android immerhin möglich, eine Adresse vom Smartphone an den Windows-10-Computer zu schicken. Im Apple-Universum verbindet die «Handoff»-Funktion die Macs und die mobilen Geräte.

Die Aussenseiter punkten entweder durch flexible Anpassungsmöglichkeiten (Opera) oder durch besonderen Schutz der Privatsphäre (Brave).

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