Die wollen doch nur spielen

Für Eltern ist es schwer zu ertragen, dass ihre Kinder in einer anderen, digitalen Welt leben – dem Smartphone-Kosmos. Aber ist das wirklich so schlimm?

Hingucker Venedig? Nicht, wenn das Smartphone etwas Interessanteres bietet. Foto: Getty Images

Hingucker Venedig? Nicht, wenn das Smartphone etwas Interessanteres bietet. Foto: Getty Images

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Bitte nicht schon wieder Champions League! Nicht um diese Zeit, kurz vor dem Ins-Bett-Gehen der Kinder. Stadionjubel brandet durchs Wohnzimmer, Ronaldo ist am Ball, dribbelt Mats Hummels aus. «Jetzt könnte es gefährlich werden!», schreit der TV-Reporter. Boah, beinahe ein Tor! Er mahnt die Gegner: «Es ist an den Kreativen, hier mal 'ne Idee zu entwickeln.»

Was hier läuft, ist natürlich nicht Champions League, es ist nicht mal richtiger Fussball, auch wenn die Plattitüden der Kommentatoren enorm vertraut klingen und die Spieler auf dem Platz optisch nichts von ihren Vorbildern unterscheidet. Bis auf eine Kleinigkeit: Sie sind nicht echt.

24 Stunden «Fifa 17»

Statt ins Bett zu gehen, hält der 13-jährige Paul einen Controller in der Hand und starrt auf den Fernsehschirm. Er spielt «Fifa 17», das Computerspiel, das alle seine Freunde auch spielen. Nach der Schule, vor dem Abendessen, nach den Hausaufgaben, vor dem Ins-Bett-gehen. Wenn man ihn liesse, würde er an manchen Tagen vermutlich durchgehend «Fifa 17» spielen, sofern er nicht gerade Youtube-Videos anguckt, auf denen zu sehen ist, wie andere Spieler «Fifa 17» spielen.

Haben wir es hier mit einem Opfer jener Eltern zu tun, die der Kinderpsychiater Michael Winterhoff meint, wenn er davon spricht, dass viele Erwachsene «die Launen ihrer Kinder immer weniger ertragen und ihnen einfach schnell das geben, was sie wollen, damit sie ruhig sind»? Da ist ja unbestreitbar etwas dran: Wie oft erlebt man Familien, die gemeinsam am Tisch eines Lokals sitzen, aber kein Wort miteinander reden, weil sich die Kinder mit ihren Handys in einer anderen, einer digitalen Welt bewegen.

Offenbar stehen für Kinder zwischen fünf und 13 Jahren das reale und das digitale Leben gleichberechtigt nebeneinander.

Andererseits: Paul ist nicht sozial auffällig und hat ausser Computerspielen noch jede Menge andere Interessen. Zum Beispiel spielt er selbst Fussball im Verein, liest Bücher und geht gerne ins Kino. Dass er und seine Freunde ständig vor der Playstation sitzen und immer neue Fifa-Partien abspulen, würden Medienwissenschaftler mit dem «Konzept der strukturellen Kopplung» erklären, was bedeutet: Ihr bevorzugter Medienkonsum hat etwas mit ihrem wirklichen Leben zu tun, in dem sie sich stark für Fussball interessieren. Umgekehrt könnte man sagen, dass ihr wirkliches Leben so stark an ihren Medienkonsum gekoppelt ist, wie es keine Generation vor ihnen erlebt hat.

Offenbar stehen für Kinder zwischen fünf und 13 Jahren das reale und das digitale Leben gleichberechtigt nebeneinander. Was keineswegs bedeutet, dass Kinder die simulierte und die reale Welt nicht mehr voneinander unterscheiden könnten. Aber sie wägen doch sehr kühl ab. Soll ich mit Oma und Opa heute Nachmittag einen Spaziergang in den Hirschgarten unternehmen oder lieber die Challenge beim Handyspiel «Clash of Clans» annehmen? Im Hirschgarten kann man die süssen kleinen Rehe anschauen, bei «Clash of Clans» gibt es die Chance, ein wichtiges gegnerisches Dorf zu erobern. Es besteht zumindest die Gefahr, dass ein Zehnjähriger den Spaziergang mit den Grosseltern für die weniger spannende Challenge hält.

Ist das schlimm? Viele Eltern sind besorgt, manche verzweifelt. Das Kind daddelt den ganzen Tag mit dem Handy, spielt am Computer, was sollen wir nur machen? Es ist das grosse Thema beim Elterntreff oder beim Grillabend im Garten. Während die Erwachsenen diskutieren, sitzen die Kinder zusammen - und zocken.

Die negative Sicht der Dinge dominiert

97 Prozent der Kinder spielen laut einer aktuellen Studie aus den USA mit Computern und Handys. In der Schweiz dürfte das ähnlich sein. Immer neue Alarmmeldungen erreichen die Eltern, zuletzt eine Studie, nach der angeblich 8,4 Prozent der Jungen und jungen Männer computersüchtig seien. Wo man auch hinschaut: In den Medien und in der Medienwissenschaft überwiegt die negative Sicht der Dinge.

Computersüchtig – wohl nicht: Ein Videogamer. Foto: Getty Images

Wer bei Google die Stichworte «Medienkonsum» und «Kinder» eingibt, stösst auf seitenweise Artikel mit Titeln wie «Zu viel Smartphone macht Kinder krank» oder «Medienkonsum gefährlicher als angenommen». Unter vielen dieser Berichte stehen Hunderte Kommentare besorgter Eltern. Kürzlich warnte ausgerechnet Tony Fadell, einer der Entwickler des iPhones, vor der suchterzeugenden Wirkung von Smartphones. Am schlimmsten, so Fadell, sei es bei Kindern. Nehme man ihnen das Handy weg, ist es, «als würde man ihnen ein Stück ihres Selbst entreissen».

Das ist der Punkt, den man verstehen muss. Die digitale Welt ist ihre Welt. Kinder erleben in verschärftem Mass, was der polnische Autor und Musiker Piotr Czerski für seine Generation sagt: «Wir benutzen das Internet nicht, wir leben darin und damit.» In einem Artikel für «Zeit online» erklärte Czerski das so: «Das Internet ist für uns kein ,Ort' und kein ,virtueller Raum'. Für uns ist das Internet keine Erweiterung unserer Wirklichkeit, sondern ein Teil von ihr: eine unsichtbare, aber jederzeit präsente Schicht, die mit der körperlichen Umgebung verflochten ist.» Wenn der das schon so sagt – der Mann ist 36 –, wie würden es dann Kinder formulieren? Vielleicht so wie der 10-jährige Daniel: «Nee, leben ohne Handy kann ich mir nicht vorstellen.»

Wenn sich Erwachsene ins Café setzen, legen sie immer als Erstes das Smartphone vor sich auf den Tisch.

Für Erwachsene, die ihre eigene Sozialisation zum Massstab nehmen, ist das schwer zu begreifen. Auch sie leben natürlich mit der digitalen Welt, arbeiten am Desktop, verabreden sich per Facebook und Whatsapp, und wenn sie sich ins Café setzen, legen sie immer als Erstes das Smartphone vor sich auf den Tisch. Aber es ist doch anders. Digitale Medien dienen dem Zeitvertreib oder dem Gelderwerb, sie sind dem realen Leben untergeordnet. Ein Treffen im Biergarten, finden Erwachsene, ist besser als ein Chat.

Und die Kinder? «Sie liegen im Heu und hüpfen im Heuhaufen. Sie klettern auf Berge und suchen nach Schätzen, sie verziehen Rüben und verkaufen Kirschen. Sie tanzen um den Mittsommerbaum, sie lesen dem alten Grossvater aus der Zeitung vor, sie fahren Weihnachten zum Festessen zu Tante Jenny und laufen Schlittschuh und fallen in den See. Die Hauptsache ist, dass ständig was passiert, und das tut es.»

Sehnsuchtsort jeder glücklichen Kindheit, so meinen immer noch viele Erwachsene: Szene aus der Verfilmung von «Wir Kinder von Bullerbü».

So wie Astrid Lindgren das Leben in Bullerbü beschreibt, dem Sehnsuchtsort jeder glücklichen Kindheit, fühlt es sich für die Älteren richtig an, wenn auch romantisch idealisiert. Auch ihre eigene Kindheit verbinden viele assoziativ mit Spielen auf der grossen Wiese, Lesen unter der Bettdecke, mit dem Flirren des Sommers im Gegenlicht. Sind unsere Kinder, so fragen sich manche Eltern, zu solchen Gefühlen überhaupt noch fähig? Erleben sie nicht alles aus zweiter Hand, wenn sie dauernd nur auf ihren Geräten herumtippen?

Jeder, der sich regelmässig mit Familien austauscht, kennt solche Geschichten: Urlaub in Italien, ein Tag in Venedig ist eingeplant. Man hat Reiseführer gelesen, die Kinder mit der aufregenden Geschichte der Stadt konfrontiert, Fotos gezeigt, die unglaublich tolle Atmosphäre auf der Piazza San Marco beschworen. Und dann fährt die Familie mit dem Motorschiff den Canal Grande entlang, vorbei an prunkvollen Palazzi, die Rialtobrücke kommt in Sicht. Und die Kinder? Schauen auf ihre Handys. «Ja, ich tu's weg, Mama, gleich, noch eine Minute...»

Ein Anlass zum Verzweifeln ist das nicht. Denn erstens stecken die Kinder ihre Geräte dann doch irgendwann weg und nehmen die Schönheit ihrer Umgebung wahr. Und zweitens muss man wohl einfach zur Kenntnis nehmen: Widerstand ist zwecklos, zumindest der fundamentale. Und auch unsinnig, denn die Allgegenwart des Digitalen ist ja real, sie lässt sich nicht wegreden und nicht verbieten.

Die Erwachsenen machen es vor

Dass Kinder sich als Teil dieser Welt begreifen, ist logisch. Die heutige Kindheit unterscheidet sich vollkommen von jeder früheren, und das liegt an der Rolle der Medien – und auch daran, wie die Erwachsenen mit Medien umgehen. Beim Frühstück erleben Kinder, wie Eltern ihre Mails checken, die Sprechstunde googeln und online den Arzttermin vereinbaren.

In vielen Wohnzimmern stehen heute keine Bücherregale mehr, es dominiert ein riesiger Bildschirm, dazu die Spielekonsole und hier und da auch schon ein Sprachsteuerungsgerät wie «Alexa», mit dem die ganze Familie kommuniziert («Alexa, wann macht das Freibad auf?»). Besonders Progressive optimieren ihre Wohnung zum «Smart Home», in dem der Kühlschrank automatisch Nachschub bestellt, wenn die Tiefkühlpizza aus ist.

Was Kinder machen, fühlen, denken, sprechen, wird von Medien bestimmt.

Und in einer solchen Welt sollen Kinder davon träumen, im Heuhaufen zu hüpfen? In der Schule und vor allem in der Freizeit dreht sich alles um Computerspiele, Chats, Videos und Musik. «Der Kommunikationsalltag ist von Medien derart durchdrungen, dass diese an der Konstruktion sozialer Welt genuin mitwirken», sagt etwa Sonja Gauguin, Professorin für Medienkompetenz. Weniger geschwollen ausgedrückt bedeutet das: Was Kinder machen, fühlen, denken, sprechen, wird von Medien bestimmt. Wundert es jemanden, dass reales und virtuelles Erleben sich bei ihnen immer weiter annähern?

Was gerade besorgte Eltern oft übersehen: Längst nicht alles, was in den Spielen und Filmen auf die Kleinen einstürzt, ist blosser Konsum. Vieles fordert Kreativität, Fantasie, Teamgeist. Es ist lohnend, sich von den Kindern einmal erklären zu lassen, was sie denn an ihrem aktuellen Spiel so faszinierend finden. Oder es selbst einmal auszuprobieren. Wer gegen den eigenen Sohn bei «Fifa 17» heillos untergegangen ist, begegnet Computerspielen plötzlich mit grösserem Respekt. Wer die Tochter beobachtet, mit welcher Leidenschaft und Kreativität sie bei «Minecraft» ein Hochhaus baut, wird nicht mehr leichtfertig von Verblödung reden.

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Auf der anderen Seite ist natürlich unbestreitbar, was Digitalkritiker wie Michael Winterhoff beklagen. Oft kapitulieren Eltern vor dem ständigen Wunsch der Kinder nach Bespassung mit Handy oder Tablet. Statistiken belegen, dass Kinder auf den übermässigen Konsum digitaler Medien mit Unkonzentriertheit, Hyperaktivität oder Sprachentwicklungsstörungen reagieren. Die Frage ist: Was bedeutet «übermässiger Konsum»?

Kinder haben eines ihren Eltern voraus

Die Medieninitiative «Schau hin!» gibt einen recht vernünftigen und realistischen Richtwert vor. Zwischen dem sechsten und neunten Lebensjahr: eine Stunde am Stück. Danach zehn Minuten pro Lebensjahr. Es ist also normal, wenn ein Zwölfjähriger zwei Stunden vor seinen Geräten sitzt. Für manchen Erziehungsberechtigten, der sein Kind schon panisch auf dem Weg zur Computersucht sieht, sind solche Zahlen beruhigend. Die Experten von «Schau hin!» konstatieren auch: «Entgegen dem weit verbreiteten Alarmismus ist der Anteil Jugendlicher mit exzessiver Mediennutzung relativ klein.» Und selbst diese sei «oft vorübergehend».

Und, wer weiss, vielleicht bekommen die Kinder vom realen Leben doch mehr mit, als die Erwachsenen glauben. Die Teenager aus dem Motorschiff in Venedig jedenfalls berichteten ihren Freunden nach dem Urlaub so lebendig von den Kanälen und Gondeln dieser Stadt, als würde es sich um ein spannendes Computerspiel handeln. Denn eines haben sie ihren Eltern voraus: Sie ersparen sich den Stress, das eine gut und das andere böse zu finden. Sie sind die Grenzgänger zwischen realer und virtueller Welt. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 06.08.2017, 19:06 Uhr

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