Social Media brauchen Grenzen

Facebook spiegelt falsche Neutralität vor. Schon seine Algorithmen sind politisch.

Wer wird ausgefiltert? Facebook-Angestellter in der kalifornischen Konzernzentrale. Foto: Jeff Chiu (AP, Keystone)

Wer wird ausgefiltert? Facebook-Angestellter in der kalifornischen Konzernzentrale. Foto: Jeff Chiu (AP, Keystone)

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Facebook ist parteiisch. Aber die grösste Informationsdrehscheibe der Welt ist nicht ein Ableger der Demokraten, wie die Republikaner kritisieren. Die Parteilichkeit von Facebook ist in Facebook selber begründet. Alles, was der Social-Media-Konzern unternimmt, will die 1650 Millionen Nutzer engagiert halten und sie zu werbe­freund­lichen Objekten gestalten. Facebook profitiert zusammen mit Google mehr als jedes andere Hightech-Unternehmen vom freien Markt, wo naive Nutzer als unfreiwillige Versuchsobjekte von Algorithmen gebraucht werden können. Angesichts des monopolartigen Charakters fragt sich, ob Facebook nicht Grenzen gesetzt werden müssen.

Gipfeltreffen im Silicon Valley

Die Frage der Parteilichkeit von Facebook war diese Woche Gegenstand eines ungewöhnlichen Treffens im Silicon Valley. Facebook-Chef Mark Zuckerberg und die operative Leiterin des Konzerns, Sheryl Sandberg, empfingen eine Delegation von konservativen Meinungsmachern zu einer Aussprache. Der Anlass waren Berichte, wonach Facebook den «Trending Topics» (eine Funktion, die es in Europa noch nicht gibt) einen politischen Filter einsetzte und konservative Stimmen weniger hoch gewichte als demokratische. Zwar war die Beweislage dünn, beruhte sie doch auf Aussagen einzelner Facebook-Mitarbeiter in der Onlinegerüchteküche Gizmodo. Zuckerberg dementierte diese Behauptungen ent­sprechend, was das Misstrauen der politischen Rechten aber wie erwartet noch mehr anheizte. Deshalb das Treffen. Es kamen so illustre Rand­figuren wie der von Fox News abgehalfterte Glenn Beck und Ex-Senator Jim DeMint, eine Tea-Party-Führungsfigur. Der Inhalt der Aussprache war vertraulich, doch erklärten die Unzufriedenen anschliessend, Mark Zuckerberg habe zugegeben, dass ein «Problem» bestehe. Der Facebook-Chef teilte nur mit, er wisse, dass viele Konservative ihm nicht trauten. «Ich will alles tun, dass unser Team die Integrität unserer Produkte aufrechterhält.» Solch dürre Worte lassen vermuten, dass nichts Substanzielles herausschaute. Kein Wunder: Der Verdacht der bewussten politischen Filterung ist nicht zu beweisen. Facebook müsste die dümmste Unternehmung der Welt sein, wenn sie das politisch, religiös, sozial und kulturell diverse Publikum mit irgendeinem Filter gegen sich aufbringen würde. Darüber hinaus ist die politische Neigung nicht der entscheidende Punkt der Debatte. Sheryl Sandberg war schlau genug, als sie vor fünf Jahren einen aktiven und einflussreichen Republikaner als Vizepräsident in die Führungstage von Facebook holte. Joel ­Kaplan ist Vizepräsident für politische Angelegenheiten und ein früherer Berater von George W. Bush. Er beteuert, ein politischer Filter sei bei Facebook nicht möglich. Wem dies nicht genügt, muss wissen, dass ein gewisser Peter Thiel im Verwaltungsrat von Facebook sitzt. Thiel hängt dem stark angeschimmelten libertären Ge­danken­gut einer Ayn Rand an und ist kürzlich als Anhänger von Donald Trump in Erscheinung getreten. Facebook muss politisch ausgewogen sein, will der Konzern die Nutzer in Indien, Russland, Brasilien und der Schweiz nicht ver­ärgern.

Dies aber heisst nicht, dass Facebook mit seiner Geschäftspraxis unparteiisch wäre. Im Gegenteil: Facebook setzt für die Gewichtung der Einträge auf der Website Algorithmen ein, die zum Ziel haben, alles, was «likeable» ist, nach oben zu stemmen. Einträge mit einem geringeren Allgemeininteresse gehen unter.

«Algorithmische Stille»

Zeynep Tufekci, Assistenzprofessorin an der University of North Carolina, hat herausgefunden, dass der Newsfeed von Facebook im August 2014 die Massenproteste nach der Ermordung von Michael Brown durch einen Polizisten in Ferguson sehr tief bewertet und praktisch zum Verschwinden gebracht hatte. Die Erklärung: Die Geschichte war nicht charmant genug, zu wenige Nutzer gaben ihr ein «like it». Sie fiel in eine Todesspirale der «algorithmischen Stille», wie Tufekci schreibt. Sie kochte nur hoch, weil sie auf Twitter Schwung gewann, wo kein Algorithmus eingesetzt wird. Ein Schluss liegt nahe. Facebook sollte aufhören, so zu tun, als ob die Trending Topics neutral produziert werden. Der Zweck ist aber nicht politischer Natur. Er ist darauf ausgerichtet, die Einträge der Nutzer so zu gewichten, dass sie eine starke Beachtung finden und werbe­mässig genutzt werden können.

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