Experten fordern die Zerschlagung von Facebook

Facebook sammelt gigantische Mengen an Nutzerdaten und steht dafür in der Kritik. Immer mehr Stimmen fordern eine strengere Regulierung des Internetkonzerns.

Suchtpotential: 1,37 Milliarden Menschen loggen sich am Tag bei Facebook ein.

Suchtpotential: 1,37 Milliarden Menschen loggen sich am Tag bei Facebook ein. Bild: Rolf Vennenbernd/Keystone

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Marc Benioff, 53, ist nicht nur von seiner Physiognomie her ein Schwergewicht. Der Chef des Milliarden-Unternehmens Salesforce ist einer der wichtigsten Manager im Silicon Valley, sein Wort hat Gewicht. Ausgerechnet er rechnet nun mit Facebook ab. Soziale Netzwerke seien wie Zigaretten: «Sie machen süchtig, und sie tun einem nicht gut», sagt Benioff am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Deshalb, so der Salesforce-Mann, müsse es auch eine Regulierung geben wie bei der Tabakindustrie. «Ganz klar, ich denke, Technologie hat süchtig machende Eigenschaften, um die wir uns kümmern müssen», so Benioff. Die Regierungen müssten sich einschalten. So offen hat bislang noch kein führender Manager aus dem Silicon Valley harte Massnahmen gegen Facebook gefordert.

Apple-Chef Tim Cook hatte sich vor Kurzem noch vorsichtiger geäussert. Immerhin: Er möchte nicht, dass sein Neffe auf einem sozialen Netzwerk aktiv ist, sagte er. Doch die Kritik an dem Unternehmen, das 2004 vom damaligen Studenten Mark Zuckerberg gegründet wurde und inzwischen zwei Milliarden Nutzer weltweit hat, wird heftiger - und die Reaktionen des Unternehmens hilfloser. Am Donnerstag entschied der Europäische Gerichtshof in Luxemburg, dass der österreichische Datenschutz-Aktivist Max Schrems in seiner Heimat gegen Facebook klagen darf.

Scott Galloway, Professor an der New York University, kritisierte vor einigen Tagen auf der Digitalkonferenz DLD in München, dass die vier grossen Technologieunternehmen - neben Facebook Amazon, Apple und Google - mittlerweile so mächtig seien, dass Wettbewerb massiv verhindert werde. «Wir müssen etwas tun», sagte Galloway und forderte die Zerschlagung. Besonders Facebook sei in Gefahr und könne in drei Teile gespalten werden: in das soziale Netzwerk, den Nachrichtendienst Whatsapp und die Foto-App Instagram, Letztere hatte Facebook übernommen.

Sorge um den Wettbewerb hat auch das Bundeskartellamt in Bonn, das derzeit ein Verfahren gegen Facebook führt und kurz vor Weihnachten eine Art Abmahnung verschickt hat. «Facebook macht von Internetnutzern ein echtes Profiling, fast im kriminaltechnischen Sinn», kritisierte vor vier Wochen Andreas Mundt, Präsident des Kartellamts. Es gehe um Daten, die für viele wirklich individuell seien und nicht ohne Weiteres zusammengeführt werden dürften. Facebook missbrauche derzeit ganz klar seine Marktmacht.

Unmut löste zudem Facebooks jüngster Strategiewandel aus. Den Nutzern sollen wieder mehr Beiträge von Freunden und Verwandten und weniger von Medien und Firmen angezeigt werden, teilte das Unternehmen mit. Die Mitglieder sollen nun selbst entscheiden, was seriös ist. Rupert Murdoch, 86, der unter anderem das Wall Street Journal und die Londoner Times verlegt, hat vorgeschlagen, dass Facebook Medienkonzernen Gebühren für die Verbreitung ihrer Inhalte überweisen soll. Die Medien-Inhalte steigerten den Wert von Facebook, aber die Anbieter würden dafür nicht angemessen entlohnt. «Wenn Facebook vertrauenswürdige Verlage anerkennen will, sollte es ihnen eine ähnliche Gebühr bezahlen, wie sie bei Kabelunternehmen üblich ist», sagte Murdoch. Deutsche Verleger begrüssten den Vorstoss.

1,37 Milliarden Menschen loggen sich am Tag bei Facebook ein.

Kritik gibt es auch an Facebooks Umgang mit Hassmeldungen und mit klar strafbaren Inhalten. Deutschland hat sogar ein Gesetz, das Netz-DG, erlassen, das soziale Netzwerke wie Facebook dazu verpflichtet, solche Inhalte zu löschen. Viel Unmut hatte in den USA die Rolle hervorgerufen, die Facebook 2016 im US-Wahlkampf gespielt hatte, als russische Propagandafabriken unter anderem Werbung zugunsten des republikanischen Bewerbers an 150 Millionen US-Nutzer von Facebook und Instagram ausgespielt hatten.

Es sind Zahlen wie diese, die Facebook vor vielen anderen Macht und Einfluss verleihen. Zahlen, die einen schwindelig machen: 1,37 Milliarden Menschen loggen sich an einem durchschnittlichen Tag bei Facebook ein, fast ein Fünftel der Weltbevölkerung. Mehr als ein Viertel aller Menschen auf dem Planeten hat ein Facebook-Konto und schaut mindestens einmal pro Monat bei dem sozialen Netzwerk vorbei. Die Zahlen wachsen und wachsen. Und damit auch die Verantwortung. Doch wird ihr das Unternehmen gerecht?

Facebook-Nutzer zahlen mit wertvollen persönlichen Daten statt mit Geld. Foto: Eraldo Peres (Keystone)

«Facebook ist kein digitales Wild-West», sagte Elliot Schrage, Kommunikations- und Politik-Chef des sozialen Netzwerks, in dieser Woche in München. In den vergangenen Jahren habe das Unternehmen zu viel in Neues investiert, gibt er zu, und zu wenig gegen Missbrauch und Hetze getan. Das werde sich nun ändern: «Wir müssen mehr zum Schutz unserer Gemeinschaft tun.» Denn der Druck nimmt zu.

Schon von Anfang an zahlen Facebook-Nutzer mit wertvollen persönlichen Daten statt mit Geld. Das hält viele jedoch nicht davon ab, sich anzumelden. Aus den vielen Daten, die der Konzern sammelt, lassen sich mit immer raffinierteren Analysemethoden Erkenntnisse gewinnen, die für das Unternehmen von höchstem Wert sind. Indem die Nutzer Details aus ihrem Leben preisgeben, ermöglichen sie es Facebook, Zielgruppen für Werbekunden zu schaffen. Und so immer besser zu verstehen, welche Interessen die Kunden haben. Facebook erfasst sogar Internetnutzer, die nicht bei Facebook sind. «Wer weiss denn schon, dass er von Facebook getrackt wird, auch wenn er gar kein Konto dort hat?», fragt Kartellamtspräsident Mundt.

Viele lassen das Unternehmen auch in ihr Adressbuch gucken

Auf vielen Webseiten befinden sich sogenannte Like-Buttons, Knöpfe also, durch deren Druck man bekunden kann, dass einem etwas gefällt oder missfällt. Auch wenn man ihn gar nicht drückt: Der Knopf dient Facebook dennoch als Zähler dafür, dass von einem bestimmten Gerät aus eine bestimmte Internetseite abgerufen wurde. Viele lassen das Unternehmen auch in ihr Adressbuch auf PC oder Smartphone gucken - auch darüber geraten Internetnutzer, ob sie wollen oder nicht, in die Datensammlung des Konzerns.

Facebook ist nicht der einzige Datensammler. Auch Amazon und Google horten massenhaft Daten über die Nutzer ihrer zahlreichen Dienste. Smartphones mit Googles Betriebssystem Android liefern Bewegungsdaten, die Suchen im Internet ermöglichen Aufschlüsse auch über intime Details wie Krankheiten. Als grösster Werbeanbieter im Netz kann Google seine Nutzer auch ausserhalb seiner eigenen Seiten vielfach verfolgen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2018, 12:19 Uhr

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