Zwischen Begeisterung und Wahnsinn

Acht Smartphone-Spiele, mit denen uns eine Hassliebe verbindet, weil sie uns auf eine emotionale Achterbahnfahrt schicken.

«Warhammer»: Die kleinen Orks werden so schnell erwachsen! Screenshot: TA

«Warhammer»: Die kleinen Orks werden so schnell erwachsen! Screenshot: TA

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Chameleon Run: Rennen ohne Verschnaufpause

Über Abgründe hüpfen, Fallen ausweichen und sich ins Ziel retten: Die bewährte Formel des «Jump and Run» erfindet «Chameleon Run» nicht neu. Das Spiel verpackt sie nur äusserst geschickt und fügt eine grosse Portion Tempo hinzu. Es reicht nicht, den Hindernissen auszuweichen. Wie das Chamäleon aus dem Namen muss man seine Farbe ständig wechseln. Will man auf einer gelben Plattform landen, muss man gelb sein, sonst: Game over! Die Steuerung ist ganz auf Smartphones ausgerichtet. Es gibt nur zwei Knöpfe: einen, um zu springen, und einen für den Farbwechsel. Besonders nervenraubend: Donnert man gegen eine Wand, erwischt die falsche Farbe oder fällt in einen Abgrund, gibt es keine Verschnaufpause. Das Level startet sofort wieder von vorn. Meist ist man immer noch über seine Unachtsamkeit von eben so verärgert, dass man gleich die nächste begeht. Fällt man das dritte Mal in Folge in denselben Abgrund, ist die Versuchung gross, das Handy an die Wand zu knallen. Trotzdem probiert man es gleich noch einmal. Jetzt muss es doch klappen . . .

Android (1.90 Franken), iOS (2 Franken)

Alone: Hirn ausschalten!

Ihnen ist «Chameleon Run» zu schnell? Dann wird Sie «Alone» in den Wahnsinn treiben. Ziel des Spiels ist es, eine kleine Raumkapsel vorbei an Asteroiden und anderen Hindernissen zu steuern. Die Grafik ist minimalistisch gehalten und sähe toll aus. Nur hat man keine Zeit, sie zu würdigen. Passt man einen Sekundenbruchteil nicht auf, zerschellt die Raumkapsel an einem Hindernis: Bumm! Das Spiel ist derart rasant, dass man sich fragt, ob es überhaupt spielbar ist. Immerhin, mit der Zeit macht man Fortschritte und schafft es, erst ein paar Sekunden, später eine Minute zu überleben. Aber sicher ist man nie. Da die Levels variieren, hilft es nichts, sich die Strecke einzuprägen. Das einzige Erfolgsrezept: Hirn ausschalten und Finger machen lassen! Einmal kurz über die Route oder das nächste Level nachgedacht: Bumm!

Android (1.80 Franken), iOS (2 Franken)

Cash Royale: Für gute Karten Geld ausgeben

Ein paar Franken für eine gute App zahle ich gerne. Wenn ein vermeintliches Gratisspiel aber plötzlich Geld für neue Levels, Waffen oder Münzen verlangt, nervt das gewaltig. Trotzdem bin ich stark geblieben und habe für solche «Free to play»-Spiele kein Geld ausgegeben. Doch bei keinem Spiel war die Versuchung grösser als bei «Clash Royale». Kein Wunder, stecken hinter dem Spiel doch die Macher von «Clash Of Clans», einem der erfolgreichsten «Free to play»-Titel überhaupt. Es ist eine gelungene Mischung aus Kartenspiel, Echtzeitstrategie und Schach. Man tritt in Echtzeit gegen andere Spieler an. Ein Duell dauert weniger als fünf Minuten. Die zugelosten Gegner spielen etwa auf demselben Niveau. Trotzdem kommt es vor, dass man ein Duell nach dem anderen verliert. Bessere Karten sind dann nur ein paar Franken entfernt!

Android und iOS, gratis

Puzzlejuice: Ungewohnter geistiger Spagat

Ein Spiel fordert meistens eine bestimmte Fähigkeit eines Spielers: Geschicklichkeit, Kombinationsvermögen oder Reaktionsschnelle. «Puzzlejuice» ist eine Ausnahme – da braucht man nämlich geometrisches Vorstellungsvermögen und eine schnelle Wortfindungsgabe. Bei diesem Indie-Klassiker fallen, wie bei «Tetris», aus Quadraten gebildete Bausteine herunter. Diese Bausteine müssen so platziert werden, dass sich die Quadrate lückenlos aneinanderreihen. Anders als bei «Tetris» ist damit der Mist aber nicht geführt, und die komplettierten Zeilen verschwinden nicht. Bei «Puzzlejuice» werden stattdessen Buchstaben freigelegt, aus denen man Worte bilden muss. Erst wenn benachbarte Buchstaben zu einem (englischen) Begriff verbunden wurden, lösen sich die beteiligten Steine in Luft auf und machen Platz für neue, von oben herabfallende Formen. Dieses Spiel spornt einen zu einem ganz und gar ungewohnten geistigen Spagat an, der ebenso reizvoll wie anstrengend ist.

iOS, 2 Franken

Warhammer: Winzige Orks mit Suchtfaktor

«Warhammer» zeigt, zu welch beeindruckenden Grafikleistungen die neuen Handys fähig sind. Die Hersteller verwenden die App auch gerne zu Anschauungszwecken. Sie basiert auf der gleichnamigen Brettspielreihe. Man steuert einen gewaltigen Kampfroboter und kämpft gegen Horden winziger Orks. Die kleinen grünen Monster sind erst harmlos, rüsten sich aber zusehends zu ebenbürtigen Gegnern. Je weiter man fortschreitet, desto häufiger muss man ein Level mehrfach versuchen.

Irgendwann fühlt man sich wie Bill Murray in «Täglich grüsst das Murmeltier»: Jede Gefahr und jeder Gegner ist bestens bekannt. Wäre der Ehrgeiz nicht so gross und das nächste Level nicht so verlockend, man würde nach dem x-ten Versuch frustriert aufgeben. Aber es spricht für das Spiel, dass man einfach nicht aufhören kann. Hat man ein Level schliesslich überstanden, kommt das nächste, und der ganze Ärger beginnt von neuem. Auch hier verleiten kostenpflichtige Upgrades für seinen Roboter dazu, richtiges Geld auszugeben.

Android und iOS, gratis

Crossy Road: Dummes, liebenswertes Spiel

Was für eine banale Spielidee: «Crossy Road» verlangt von einem, eine Strasse zu überqueren, ohne dabei überfahren zu werden. Als ob man dieses Abenteuer nicht jeden Tag vor jedem Fussgängerstreifen dieser Stadt erleben könnte! Ab und zu gibt es auch ein Bahngleis zu überqueren – und den Schnellzug zu überleben. Und zur Abwechslung einen Fluss mit vorbeitreibenden Baumstämmen.

Und trotzdem kann man aus unerfindlichen Gründen nicht von diesem Spiel lassen. Ist es die freundliche Klötzchengrafik? Sind es die Dutzenden sympathischen Spielfiguren, die man durch die aufgesammelten Münzen oder über einen In-App-Kauf ersteht? Ist es die Liebe zum Detail, wenn man als koreanischer Rockstar über die Strasse rockt, als Schnecke eine Schleimspur hinterlässt und als Gespenst genauso wie als Zombie überfahren wird? «Crossy Road» liebt man einfach, ohne zu verstehen, weshalb.

iOS, gratis

Criminal Case: Entspannte Verbrecherjagd

Wir Krimifans wünschen uns nichts sehnlicher, als unseren Scharfsinn einmal selbst an einem Tatort unter Beweis zu stellen. Das verspricht «Criminal Case»: Als frischgebackener Detective des Polizeidezernats von Grimsborough sichert man Beweisstücke, führt forensische Untersuchungen durch, befragt die Verdächtigen und lässt sich nach einer erfolgreichen Verhaftung auch noch als Freund und Helfer feiern.

Allerdings: Das Spiel verlangt weniger kriminalistisches Talent als vielmehr ein flinkes Auge und ein gutes Erinnerungsvermögen. Zur Hauptsache besteht die Ermittlungsarbeit darin, an den Tatorten die aufgezählten Gegenstände aufzufinden und anzutippen: Je schneller, desto besser. Eingestreut sind Dialoge zum Fallverlauf und kleinere Mini-Spiele. Das Spiel stammt von Facebook und ist seit kurzem auch für Android erhältlich und weniger eine detektivische Herausforderung als vielmehr ein lockerer, nicht allzu ernst zu nehmender Zeitvertreib – und ist gerade deswegen so gefährlich. Denn auch die Macher dieses Spiels wollen einen dazu bringen, echtes Geld auszugeben: Während der Tatortvisiten verbraucht man seine Energie, die man durch käufliche Snacks wieder auffüllen kann.

iOS und Android, gratis, In-App-Käufe

Dirac: Auf zur Kurzschlusshandlung!

Ein gutes Spiel hat die Macht, sowohl grenzenlose Euphorie als auch abgrundtiefe Minderwertigkeitsgefühle zu induzieren – je nachdem, ob es gut oder nicht so gut läuft. «Dirac» ist so ein Titel, der einen einmal himmelhoch jauchzend, ein anderes Mal zu Tode betrübt zurücklässt. Als Wissenschaftler hat man ein geheimnisvolles Molekül unter dem Mikroskop, das pulsiert und Elektronen mit positiver Ladung (in Rot) und mit negativer Ladung (in Blau) ausstösst.

Um die Emissionen einzudämmen, müssen Elektronen der gleichen Farbe per Finger verbunden werden – aber ohne dass die Verbindungslinien das Molekül selbst kreuzen oder mit einem Elektron der anderen Ladung kollidieren. Je mehr Elektronen man innerhalb der Verbindungslinien einschliesst, desto grösser die Punktzahl. Doch weil die Elektronen kontinuierlich nach aussen streben, wächst auch das Risiko, alle Elektronen zu verlieren. So entsteht ein Zeitdruck, der einen stupenden Kontrast zu der sphärischen Musik und dem entspannten Pulsieren des Moleküls ­bildet.

iOS und Android, 2 Franken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2016, 20:37 Uhr

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