So sieht Googles neues Betriebssystem aus

Das experimentelle «Fuchsia» soll auf Handys und Tablets laufen. Es lässt sich völlig anders bedienen als Android – und wirkt wie von Facebook inspiriert.

Daumen hoch? Das neue Betriebssystem von Google lässt sich wie der Newsfeed von Facebook bedienen. Fotos: Screenshot

Daumen hoch? Das neue Betriebssystem von Google lässt sich wie der Newsfeed von Facebook bedienen. Fotos: Screenshot

Auf Smartphones und Tablets dominieren die Betriebssysteme von Apple und Google, iOS und Android, den Markt. Aber Google denkt weiter. Das Unternehmen arbeitet schon länger an einem neuen Betriebssystem namens Fuchsia. Und das unterscheidet sich komplett von Android – von aussen und innen.

Fuchsias Entwicklung ist komplett öffentlich, denn Google veröffentlicht den Programmcode seit August 2016 für jeden einsehbar auf der Code-Plattform Github. Allerdings bestand das Betriebssystem bisher nur aus einer Kommandozeile, erst seit kurzem hat Fuchsia auch eine Benutzeroberfläche. Sie heisst Armadillo (auf Deutsch: Gürteltier), und lässt sich als App für Android-Smartphones zusammenbauen. Eine Anleitung für erfahrene Android-Nutzer gibt es bei Hotfix.net, allerdings wird ein neueres Smartphone empfohlen, da die App noch abstürzen oder stark ruckeln kann.

Die Demo-Version der Benutzeroberfläche kommt ohne die Homescreens aus, die für Android typisch sind. Stattdessen bietet Fuchsia eine lange, vertikale Liste, durch die sich Nutzer scrollen können, ähnlich Facebooks Newsfeed. Es gibt aber keine Likes oder Urlaubsbilder zu sehen. Stattdessen besteht der Fuchsia-Feed momentan aus drei Elementen: Einem Informations- und Einstellungsbereich, mehreren Demo-Apps und der erweiterten Suchfunktion Google Now.

Informationen, Einstellungen: prominent platziert

Im Zentrum des neuen Betriebssystem stehen Informationen über den Tag, den Benutzer und das Gerät: Standardmässig zeigt Fuchsia Profilbild (In der Demo ist es noch nicht das Bild des Nutzers), Wochentag, Uhrzeit, Ort und Akkustand an. Mit einem Fingertipp kommen genauere Angaben zu Akku, Wlan und Netzverbindung hinzu. Ausserdem können Nutzer Lautstärke und Helligkeit des Gerätes anpassen sowie den Flugmodus aktivieren oder die Bildschirmausrichtung ändern. Jedenfalls theoretisch. In der Demo-Version sind nur die Buttons dafür vorhanden, aber sie funktionieren noch nicht.

Alles auf einem Blick.

Neu sind diese Einstellungen nicht, Nutzer von Android finden sie in der Regel, wenn sie mehrfach auf dem Bildschirm von oben hinunterwischen. In Fuchsia sind sie allerdings prominenter platziert und einfacher zu erreichen. Denkbar ist, dass sich bald Benachrichtigungen dazugesellen, die bei Android ebenfalls durch Wischen von oben nach unten erreichbar sind.

Apps: Bewegen, Verschieben, Zusammenführen

Oberhalb des Informationszentrums sind in der Fuchsia-Demo Elemente mit leeren Apps platziert, durch die sich die Nutzer scrollen können. Tippen sie auf die einzelnen Elemente, öffnet sich die entsprechende App, allerdings sehen die Nutzer nur eine graue Fläche, mit der sie nicht viel tun können. Interessant wird es erst, wenn ein App-Element länger gedrückt bleibt: Es lässt sich verschieben und neu anordnen sowie mit anderen Apps kombinieren. Dazu muss es über ein anderes Element gezogen und dann losgelassen werden.

Die neue Tab-Funktion.

Das ist im Grunde auch schon momentan mit Android möglich, aber Fuchsia hat ein paar Besonderheiten: So können Apps über- oder nebeneinander platziert werden, damit der Nutzer sie gleichzeitig verwenden kann. Zum Beispiel, wenn er ein Video ansehen möchte, während er ein Dokument bearbeitet oder im Internet surft. Das kann bisher nur die neueste Android-Version, die noch nicht für alle Geräte verfügbar ist. Ausserdem gibt es eine Tab-Funktion, die es in keiner Android-Version gibt: Kombiniert man Apps miteinander, erscheint im oberen Bereich eine Tab-Leiste wie im Browser. Statt zwischen Webseiten können Nutzer so ganz einfach zwischen mehreren Apps hin und her springen. Dadurch lassen sich auch drei oder mehr Apps miteinander verbinden. Über einen weissen Punkt am unteren Bildschirmrand kommt der Nutzer aus der App zurück zum Fuchsia-Feed.

Google Now: Nur Platzhalter für Googles Assistenten?

Unterhalb des Informationszentrums finden Nutzer ein Eingabefeld für Suchbegriffe und Vorschläge im Karten-Stil. Die Aufmachung erinnert an die App Google Now, mit der das Unternehmen versucht, aus persönlichen Daten wie Standort oder Kalendereinträgen nützliche Informationen zu ziehen und Nutzern das Leben zu vereinfachen. Sie sollen auf einen Blick sehen, wie das Wetter wird, wann der Flieger geht und wie sie am einfachsten von A nach B kommen. Allerdings wurde Google Now bisher eher mässig angenommen.

Noch wird alles mit Platzhaltern gefüllt.

In der Demo ist von all dem noch nicht viel zu erahnen. Nutzer können zwar schon im Suchfeld herumtippen, allerdings treten dadurch nur einige zufällige Vorschläge zutage, die nichts mit der Eingabe zu tun haben. Tippt der Nutzer auf die Vorschläge, werden die leeren Demo-Apps gestartet. In Zukunft könnte Google dort seinen digitalen Assistenten – vergleichbar mit Siri auf dem iPhone – stärker integrieren und mit ihm irgendwann Google Now ablösen.

Ein System ohne Linux

Nicht nur an der Oberfläche, auch im Hintergrund läuft in Fuchsia alles anders ab. Das Android-Betriebssystem und Chrome OS von Google basieren auf dem Linux-Kernel. Ein Kernel ist die zentrale Einheit eines Betriebssystems, der im Hintergrund seine Arbeit verrichtet. Er stellt beispielsweise sicher, dass Hardware wie Festplatten oder Arbeitsspeicher reibungslos mit Software funktioniert. Auf dem Kernel baut alles auf.

Doch hinter Fuchsia steckt nicht Linux, sondern Magenta: Ein neuer Kernel, der von Google selbst entwickelt wurde. Damit ist das neue Betriebssystem keine Erweiterung von Android oder ein etwas verändertes Android, sondern ein völlig eigenständiges System. Was Google mit Fuchsia vorhat, ob es jemals Android ablösen wird und wie es am Ende aussehen wird, ist noch unklar. Auf der Entwicklerkonferenz I/O von Google vergangene Woche hat Dave Burke, der bei Android für Entwicklung verantwortlich ist, die Rolle von Fuchsia heruntergespielt: Es sei nur ein experimentelles Projekt, das noch in der Anfangsphase stecke. Aber bei Google werden aus Experimenten schnell Produkte für die Masse.

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