Kaum zu flicken

Weil ein Youtuber einen iMac zerlegt und dabei beschädigt hat, verweigert ihm Apple die Instandsetzung. Der Fall bestärkt jene, die ein «Recht auf Reparatur» fordern.

Nicht zur Nachahmung empfohlen: Der iMac Pro in seine Einzelteile zerlegt. Foto: iFixit

Nicht zur Nachahmung empfohlen: Der iMac Pro in seine Einzelteile zerlegt. Foto: iFixit

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Der Fall ist ein echter Aufreger in den sozialen Medien: Apple verweigere angeblich die Reparatur eines brandneuen iMac Pro, behaupteten die Betreiber eines Onlinevideokanals. Beim Dreh gab es ein Versehen, wodurch sich der Hochleistungscomputer in teuren Elektroschrott verwandelte. Youtuber Linus Sebastian und sein Team hatten den iMac für ihr Video zerlegt und beim Zusammenbau das Display zerbrochen. Wie genau das Malheur passiert ist, das erklärte Sebastian nicht im Detail. Jedenfalls haben auch eine Platine und die Stromversorgung Schaden genommen.

Reparatur abgelehnt: Um diesen iMac Pro geht es. Video: Youtube/Linus Tech Tips

Der iMac Pro ist seit kurzem auf dem Markt. Der Preis startet bei 5782 Franken und lässt sich in der maximalen Ausbaustufe auf über 15'000 Franken hochtreiben. Apple verweigert die Reparatur, weil der Youtuber selbst Hand ans Gerät gelegt hatte. Der Konzern führt Reparaturen nur durch, wenn sämtliche Eingriffe durch autorisierte Techniker vorgenommen werden. Bei anderen Service­dienstleistern ist eine Reparatur nicht möglich, weil sie keine Zertifizierung für den iMac Pro haben und Ersatzteile schwer zu beschaffen sind. Selbst eine Reparatur in Eigenregie ist keine Option, da Apple Austauschkomponenten nicht direkt an die Endkunden verkauft.

Die Situation dürfte mit der Zeit besser werden, nachdem die lokalen Ser­vice­dienst­leister sich die Zertifizierung für die iMac-Pro-Reparatur aneignen konnten. Dennoch ruft Apples Haltung Irritation hervor: Ist es tatsächlich so, dass man als Anwender des Computers keinerlei Modifikationen der Hardware vornehmen darf, wenn man nicht riskieren will, dass Apple eine Reparatur verweigert? Für viele Nutzer ist es selbstverständlich, eigenhändig das Gehäuse zu öffnen. Nicht nur, um Probleme zu beheben, sondern auch für Aufrüstungen. Wer technisch ein bisschen versiert ist, baut günstig mehr Arbeitsspeicher ein oder ersetzt eine herkömmliche Festplatte durch ein Solid-State-Drive. Solche Massnahmen wirken bei älteren Computern wahre Wunder, was das Arbeitstempo angeht.

Immer schwerer zu flicken

Doch das Aufrüsten und Reparieren der Geräte ist in den letzten Jahren schwierig geworden. Das liegt nicht allein an strikten Regeln, so wie Apple sie im Fall des Youtubers Linus Sebastian ins Feld führt. Es gibt auch technische Gründe: Wegen der zunehmend kompakten Bauweise sind Komponenten schwerer zugänglich. Das kann dazu führen, dass Geräte auch für an sich einfache Eingriffe vollständig zerlegt werden müssen. Akkus, Speicherbausteine und Datenspeicher sind immer öfter verklebt und verlötet. Sie lassen sich nur schwer herausnehmen, und bei unsachgemässer Demontage drohen irreparable Schäden an der Gesamtmaschine.

Es kommen auch des Öfteren proprietäre Bauteile zum Einsatz, für die sich nur schwer Ersatz finden lässt. Das gilt sogar für die Montage. Apple setzt bei den iPhones und Macbooks sogenannte Pentalob-Schrauben ein, die auch Huawei beim P9 und P10 verwendet. Sie haben ein blumenförmiges Profil und lassen sich mit normalen Kreuzschlitz- oder Torx-Schraubenziehern nicht auf- und zudrehen.


Video: Attac-Flashmob vor dem Apple-Store in Frankfurt

«Rückt die Steuern raus!», riefen die Teilnehmer eines Flashmobs vor dem Apple-Store in Frankfurt, März 2018. Video: Reuters


Als Apple sie beim iPhone 4 auf breiter Basis zu nutzen begann, obwohl sie keinen offensichtlichen Nutzen gegenüber herkömmlichen Schrauben haben, nannte iFixit.com das einen «diabolischen Plan» mit nur einem Zweck: «Den Nutzer von seiner eigenen Hardware fernzuhalten.» iFixit stellt seit 2003 Reparaturanleitungen bereit und verkauft Ersatzteile und Werkzeug. Die iFixit-Experten zerlegen neue Geräte und bewerten die Reparierbarkeit mit einer Note von 1 bis 10, von fast gar nicht bis sehr leicht reparierbar.

Während die meisten iPhone-Modelle einigermassen gut abschneiden, sind die neueren Macbook-Modelle laut iFixit kaum zu flicken. Ähnlich lautet das Verdikt bei den Surface-Modellen von Mi­crosoft. Dass auch moderne Geräte reparaturfreundlich sein können, beweisen andererseits vor allem Dell und HP.

Recht auf Reparatur

Instandsetzungen durch Drittanbieter können unerwartete Probleme nach sich ziehen. Anfang April wurden Probleme mit iPhones bekannt, deren Display nach einem Defekt nicht von Apple selbst ausgetauscht worden waren. Nach dem Update des Betriebssystems auf iOS 11.3 funktionierte die Touch-Screen-Bedienung nicht mehr. Das ist nicht das erste Problem dieser Art. Apple hat zwar in der Vergangenheit schnell reagiert. Dennoch hat sich bei vielen Nutzern die Überzeugung durchgesetzt, Defekte lieber von Apple selbst zu einem höheren Preis beheben zu lassen, um böse Überraschungen zu vermeiden.

Auch für an sich einfache Eingriffe müssen Geräte immer häufiger komplett auseinandergebaut und zerlegt werden.

Was den Fall des Youtubers Linus Sebastian angeht, halten manche Apples Verweigerungshaltung nicht für rechtens. Die US-amerikanische Handelskommission (FCC) hat im April sechs grosse Techunternehmen für den Versuch gerüffelt, die Garantieleistungen einzuschränken. Die Namen der gemassregelten Konzerne hat die FCC nicht bekannt gegeben. Doch die «Washington Post» vermutet, dass nebst Apple auch Sony und Microsoft dazugehören: Diese Unternehmen seien von Konsumentenschützern schon öfter kritisiert worden, zum Beispiel für die «Versiegelung» von Geräten. Sie wird mittels Klebern vorgenommen, die beim Öffnen von Geräten entfernt werden müssen. Das macht angeblich die Garantie zunichte. Doch solche Methoden verstossen gegen ein Bundesgesetz, das irreführende Ausschlussklauseln in Garantien verbietet, hat die FCC nun klargestellt.


Bilder: Das iPad und der Stift


Immer mehr US-Bundesstaaten planen auch Gesetze, die explizit ein «Recht auf Reparatur» festschreiben. Das tue not, erklärt das iFixit-Portal: «Du hast es gekauft. Und darum hast du auch das Recht, es zu verbessern.» Daher lautet die Forderung, dass die Hersteller nicht nur Ersatzteile anbieten müssen, sondern alle Informationen für die Instandsetzung bereithalten sollten.

Es gibt auch Leute, die Apple verteidigen. Ein Autor der News-Website 9to5mac.com schreibt, er betreue seit 2009 Mac-Computer im schulischen Umfeld: «Ja, die Reparaturen sind seit 2012 und dem hochintegrierten Macbook Air viel schwieriger geworden. Doch gleichzeitig ist die Zahl der Defekte massiv zurückgegangen.» Die (oft klemmende) Tastatur des neuen Macbook Pro ausgenommen, sind Computer nach diesem Erfahrungsbericht heute so zuverlässig wie noch nie. Gehe man pfleglich mit seiner Hardware um, komme man wahrscheinlich nicht in die Verlegenheit, einen Defekt beheben lassen zu müssen, behauptet 9to5mac.com.

Bastelfreundliche Computer

Ob diese positive Erfahrung verallgemeinert werden kann, bleibt offen. Was die Aufrüstbarkeit angeht, hat sie objektiv an Bedeutung verloren. Die System­anforderungen der Betriebssysteme sind in den letzten Jahren kaum mehr gestiegen. Windows 10 ist bescheiden genug, um nicht allzu anspruchsvolle Programme auch auf alter Hardware angemessen schnell auszuführen. Das wird vermutlich so bleiben.

Darum gilt: Wer heute ein ultrakompaktes und damit mutmasslich schlecht aufrüstbares Gerät kauft, sollte bei der Kapazität von Festplatte und Arbeitsspeicher die langfristigen Bedürfnisse im Auge behalten. Und wer die Finger nicht vom Innenleben seiner Computer lassen kann, findet ausserhalb der Apple-Welt weiterhin bastelfreundliche Modelle vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.05.2018, 20:27 Uhr

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