Sind Sie auch gefangen im Update-Hamsterrad?

«Bitte aktualisieren»: Jeder App- und Gadget-Nutzer kennt den täglichen Update-Ärger. Das müsste nicht sein.

Warten gehört für App-Nutzer zum Alltag.

Warten gehört für App-Nutzer zum Alltag.

(Bild: Scott Schiller (CC BY 2.0))

Jan Rothenberger@janro

In allen Zukunftsvisionen einer computerisierten Welt kommt eines zuverlässig nie vor: das Software-Update. Weder muss Spock seine Tricorder-Software aktualisieren, noch verlangt R2-D2 je Netzzugang, um einen Sicherheitspatch nachzuladen. Dabei ist das Update-Hamsterrad das wohl prägendste Problem in unserem Umgang mit Computertechnik heute. Und es macht keine Anstalten zu verschwinden.

Wie Software heute aktualisiert wird, sorgt für Sicherheitsprobleme, Bugs und Nutzerquälerei. Direkt spürbar ist vor allem Letzteres. Auf einem typischen Rechner läuft eine Vielzahl unterschiedlicher Programme. Vom PDF-Reader bis zum Virenscanner – all diese Applikationen wollen laufend aktualisiert werden. Browser wie Chrome und Firefox gehen inzwischen auf die 50. Version zu – Zwischenupdates nicht mitgezählt. Und Windows-Nutzer quälten sich jahrelang mit Internet-Explorer-Patches. Von notorischen Kandidaten wie Flash und Java ganz zu schweigen. Das Problem macht vor Apps nicht halt. Zwar laufen die App-Updates vergleichsweise automatisch ab. Doch die schiere Menge an Aktualisierungen ist für Nutzer nicht selten frustrierend. Tage mit einem halben Dutzend Updates sind keine Seltenheit.

«Bitte starten Sie den Rechner neu»

Wartezeiten bei automatischen Updates sind hier noch das Geringste, was Nutzer im Computer-Alltag ärgert. Mozilla plagte Anwender immer gern damit, beim Start Updates einzuspielen – und ungefragt alte Plug-ins zu deaktivieren. Sich durch unzählige Update-Dialogfenster zu klicken, ist eine lästige Aufgabe, die viel Software dem Nutzer aufbürdet. Besonders ärgerlich ist es, wenn eine Update-Überprüfung nicht mit der automatischen Aktualisierung endet, sondern den Nutzer bloss auf eine Downloadseite des Anbieters verweist. Nach dem Motto «Mach doch selbst» muss dieser dann persönlich Hand anlegen, selbst die passende Installationsdatei herunterladen und öffnen. Und beim Betriebssystem-Update ist der erzwungene Neustart des Systems seit jeher ein notorisches Ärgernis.

Solche Widrigkeiten haben potenziell desaströse Folgen, denn sie halten Nutzer davon ab, Updates zu installieren. Wenn sich Kunden über Updates ärgern, läuft der Anbieter Gefahr, dass sie diese künftig überspringen. Das kann brandgefährlich sein, wenn Updates nicht bloss auf den Funktionsumfang zielen, sondern Sicherheitslücken schliessen. Dass für die Nutzer meist nicht erkennbar ist, welche Updates wirklich wichtig sind und welche unnötig, verschärft die Situation: Auf den Durchschnittsnutzer wirkt die Update-Flut verwirrend und undurchsichtig. Die Entwickler verpassen es, Software-Änderungen transparent zu erklären und dem Nutzer klar zu sagen, wann ein Update wirklich nottut.

Gruss vom Software-Friedhof

Daniel Roethlisberger, Sicherheitsspezialist bei Switch, sagt kurz und knapp: «Wer Updates aufschiebt, lebt jeden Tag etwas gefährlicher.» Der Experte rät dringend dazu, jeweils die neuste Software zu nutzen. Sonst machen Nutzer sich angreifbar für Schadsoftware. Update-Ärger und Sicherheitsprobleme hängen untrennbar zusammen.

Noch gefährlicher ist für die Nutzer aber das Ausbleiben von Updates. Gemäss Netmarketshare ist Windows XP noch immer das dritthäufigste Betriebssystem. Microsoft unterstützt XP aber bereits seit zwei Jahren nicht mehr und hat die Aktualisierungen eingestellt – kritische Sicherheitslücken werden nicht mehr geschlossen. Auch wenn die Verbreitungsstatistik mit Vorsicht zu geniessen ist: Sicher ist, dass Millionen XP-Rechner weltweit attraktive Ziele für Hacker sind.

Neues Handy statt Update

Android kämpft mit einem ähnlichen Problem: Die Hersteller vernachlässigen ältere Geräte sträflich. Fast immer ist es nach 12–24 Monaten vorbei mit den Aktualisierungen, und die Smartphone-Unternehmen geben Googles neuste Androidversionen nicht mehr an die Kunden weiter. Ob und wie lang ein Gerät mit Updates rechnen kann, ist wenig transparent und für die Nutzer schwer bis gar nicht herauszufinden. Wer also Wert legt auf die neuste Software, wird zu neuer Hardware gezwungen, auch wenn Smartphone oder Tablet noch längst nicht zum alten Eisen gehören würden.

Ärgerlich für jeden pflichtbewussten und Update-willigen Nutzer: Nicht selten sind die Aktualisierungen selbst neue Fehlerquellen. Besonders kundenunfreundlich wird es, wenn den Nutzer gefangen ist zwischen der Sorge um Sicherheitslücken und Meldungen über fehlerhafte Updates.

Wenn der Patch das Problem ist

Prominentes Beispiel dafür ist der jüngste Ärger um Apples iOS-Version 9.3. Das Update verursachte für zahlreiche Nutzer mehr Probleme, als es löste, und sorgte weltweit für Reklamationen. Massen von iPhone-Nutzern konnten nach der Aktualisierung Links nicht mehr öffnen, dies unter anderem in Apps wie Safari, Facebook oder Booking.com. Apple bekam das Problem erst nach mehreren Anläufen in den Griff. Auch Microsoft bekundet hier immer wieder Mühe. So sorgt gerade wieder das April-Update für Windows 10 für Beschwerdenbeim Microsoft-Support.

Eine einfache Lösung für den Update-Ärger ist nicht in Sicht. Das Problem ist nicht nur eines der immer grösseren Komplexität von Systemen. Mitschuld ist der Opportunismus der Entwickler: Zum einen wird oft vorschnell unfertige und unsichere Software an die Kunden verteilt. Zum anderen sind Aktualisierungen zu günstig: Wäre es mit hohen Kosten verbunden, Software-Updates auszuliefern, zwänge das die Anbieter zu weniger und qualitativ hochwertigeren Releases. Software müsste vorab ausführlicher getestet werden.

Hier bald Besserung zu erwarten, ist aber unrealistisch. Das ist und bleibt nicht nur ein Ärgernis für die Nutzer, sondern ist eine Hypothek für unsere Informationsgesellschaft, die immer mehr ihres privaten und beruflichen Lebens Computersystemen anvertraut. Es fehlt eine Selbstverpflichtung der Software-Hersteller, hier eine kundenfreundlichere und nachhaltigere Update-Politik zu verfolgen.

Uns interessiert Ihre Meinung: Was sind Ihre schlimmsten Erfahrungen? Und wie gehen Sie mit dem Update-Ärger um?

DerBund.ch/Newsnet

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