Der PC verändert sich, aber er stirbt nicht

1977 wurde der Personal Computer zum Massenphänomen. Und Experten sind sich einig: Die PC-Ära ist längst nicht zu Ende.

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Wann genau die Ära des Personal Computer begonnen hat, ist nicht eindeutig bestimmt. Der «Tages-Anzeiger» datierte sie vor zehn Jahren auf das Jahr 1981. Damals brachte IBM das Modell 5150 auf den Markt – den Urvater des noch heute in Gebrauch befindlichen «IBM-kompatiblen» PC. Robert Weiss hingegen hat den Startschuss schon fünf Jahre früher gehört. Weiss ist die Schweizer Computerkoryphäe der ersten Stunde und beschreibt, wie 1977 die Heimcomputer den Massenmarkt erreicht haben: In San Francisco fand im April dieses Jahres eine Messe statt, die sich zur wichtigsten Veranstaltung für die neue Industrie entwickeln sollte.

Im Buch «One more thing» von Charlotte Erdmann ist deren Entstehungsgeschichte wie folgt beschrieben: «Jim Warren, Herausgeber des ‹Dr. Dobbs Journal› und Mitglied des Homebrew Computer Clubs, besuchte 1976 eine Computermesse in Atlantic City, auf der anderen Seite Amerikas. Nach seiner Rückkehr fragte er seinen Freund Bob Reiling, der gerade die Chefredaktion des ‹Homebrew Newsletter› übernommen hatte, warum um alles in der Welt eine Computermesse am anderen Ende Amerikas stattfinden müsse, wenn alle schlauen Köpfe der Computerwelt und damit das Zentrum der Mikrocomputer-Welt doch hier an der Westküste sässen?»

Die Gründerzeit war von Idealismus geprägt

Sie beschlossen, in San Francisco eine eigene Veranstaltung ins Leben zu rufen: Die West Coast Computer Faire war ursprünglich als Non-Profit-Veranstaltung gedacht. Doch die Besucherzahlen stiegen derart rapide, dass Warren und Reiling für die Organisation ein Unternehmen gründeten. Viele Aussteller, die die Beschäftigung mit dem Computer damals idealistisch betrachteten, waren darüber entsetzt.

An dieser Messe war die Firma Apple besonders prominent vertreten, da deren Gründer Steve Jobs gute Beziehungen zu Warren und Reiling hatte. Apple zeigte drei Exemplare seines neuen Modells, des Apple II, wobei die acht Mitarbeiter bis zur letzten Minute daran arbeiteten, den Messestand und die Vorführgeräte auf Vordermann zu bringen.

Dass Computerexperte Robert Weiss den Start der PC-Ära an dieser Veranstaltung festmacht, ist ein geschickter Schachzug: Er vermeidet nämlich die heikle Diskussion um die Frage, welchem von den vielen damals gebauten Computern die Ehre zukommt, als erster Personal Computer zu gelten. Kandidaten gibt es viele – und welchen man kürt, hängt davon ab, wie man einen PC definiert: Wie teuer darf das Gerät höchstens sein? Welche Ausstattungsmerkmale sind zu erfüllen? Sollte es beispielsweise Bildschirm und Tastatur aufweisen und fertig montiert sein, oder zählen auch Bausätze? Viele der günstigen Heimcomputer mussten vom Benutzer mittels separater Komponenten wie Tastatur, Bildschirm und Gehäuse zum fertigen System montiert werden.

Was muss ein PC können?

Der Apple I von 1976 war ein solcher Do-it-yourself-Computer. Und auch der Altair 8800 von 1975 wurde von seinem Hersteller mit dem Label «Personal Computer» versehen, obwohl er weder Bildschirm noch Tastatur hatte, sondern über Kippschalter bedient wurde und seine Berechnungen mittels Lämpchen anzeigte. Ein heisser Anwärter für den ersten PC ist auf alle Fälle der Commodore PET, der auch an der West Coast Computer Faire zu sehen war. Er wurde komplett ausgeliefert, war bezahlbar und fand auch in Europa Verbreitung.

Die Messe von Warren und Reiling sorgte auch in den folgenden Jahren für den Aufschwung des PC. Viele Neuerungen, die den jungen Wirtschaftszweig prägen sollten, waren zuerst in San Francisco zu sehen: Die erste Tabellenkalkulation Visicalc (1979) oder 1981 den ersten mobilen Computer. Das war der Osborne 1, der im Vergleich mit heutigen Laptops allerdings nicht nur bei der Ausstattung (64 KB Arbeitsspeicher und ein Bildschirm in der Grösse eines Handy-Displays), sondern auch in Sachen Tragbarkeit schlecht abschneidet: 11 Kilo war er schwer, was ihm den Übernamen luggable computer oder deutsch «Schlepptop» eintrug.

Auch das Smartphone ist ein PC

Die Leistungsdaten sind seither exponentiell gestiegen. Dennoch lässt sich die heutige Hardware direkt auf jene ersten Modelle zurückführen, die damals in Abgrenzung zu den Grossrechnern persönliche Computer genannt wurden. Das würdigte vor kurzem Tech-Journalist Walt Mossberg in einem Beitrag, in dem er auch das Smartphone und das Tablet in diese Reihe setzt: Die mobilen Geräte sind heute die PC der ersten Wahl.

Dieser Einschätzung pflichtet der Schweizer Branchenexperte Robert Weiss zu: Im privaten Umfeld, bei Mail, Surfen und Gamen, könne das Smartphone den PC in vielen Fällen ersetzen. «Ich selber benutze ihn aber immer noch, und zwar wegen der Eingriffsmöglichkeiten ins Betriebssystem. Da habe ich viel mehr Möglichkeiten, wenn etwas nicht ganz so läuft wie geplant», sagt Weiss. Und er schätzt auch die Geschwindigkeit, die Bildschirmgrösse und das Multitasking. Und «die weltweiten Zahlen zeigen ganz klar, dass der PC, Desktop oder Laptop, nach wie vor grosse Bedeutung am Arbeitsplatz hat», verteidigt Weiss den klassischen Computer. Auch wenn diese immer seltener autonom arbeiten, sondern oft nur noch nur als Bindeglied zur Cloud dienen, würde Weiss sie nicht zum alten Eisen zählen.

Vom PC zur Wissensmaschine

Der PC ist nicht tot, sondern lebt als Smartphone weiter. Walt Mossberg zitiert in seinem Artikel das legendäre, 1998 eingestellte «Byte»-Magazin. Es hat den Apple II als ersten Haushaltscomputer bezeichnet, der wie ein Mixer oder ein Toaster nach dem Kauf bloss eingesteckt und benutzt werden müsse. «Und das, obwohl dieser Computer eine Befehlszeile hatte, einen Kassettenrekorder zum Speichern und Laden von Programmen und Daten verwendete und nur mit viel Erfahrung beherrscht werden konnte», wie Mossberg süffisant anmerkt.

Der PC hat sich nach 40 Jahren gewandelt, ist aber nicht obsolet geworden. Auch der Mac, das iPad und Android haben uns nicht das gebracht, was Mossberg die «Information appliance» nennt: digitale Wissensgeräte, die ohne Handbuch und ohne Training benutzt werden können. Die werden wir in 10, 15 Jahren benutzen, wenn die digitalen Assistenten den Kinderschuhen entwachsen sind. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.04.2017, 08:33 Uhr

Wie die Computer entstanden sind

Ein zweiteiliges Plakat zeigt die technische Entwicklung von der Frühzeit bis heute.

Nicht nur die Geschichte des PC, sondern die ganze digitale Evolution soll hier dokumentiert werden: Das zweiteilige Poster, das der Schweizer Computerexperte Robert Weiss zusammen mit seinem Sohn Micha produziert hat, ist 2,3 Quadratmeter gross und umfasst mehrere Tausend Einträge. In den Bereichen Hardware, Unternehmen, Software, Bauelemente, Kommunikation und Lifestyle werden die wichtigen Erfindungen, Durchbrüche, Köpfe und Ereignisse beschrieben und über die Rubrik Zeitgeschichte auch mit dem allgemeinen Weltgeschehen synchronisiert.

Das Doppelplakat kann unter www.computerposter.ch für 34 Franken (plus 21 Franken Versandkosten) bestellt werden. Unter computerposter.ch/download.html findet man die beiden Teile zum kostenlosen Download als PDF.

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