Der Bundesrat im Kunstformat

Eine Google-App durchforstet Kunstmuseen und findet Porträts, die einem ähnlich sehen. Die Art-Selfies zeigen, wie Computer sehen.

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Rafael Zeier@RafaelZeier

Als Facebook noch neu und aufregend war – also vor über zehn Jahren –, gab es im Freundeskreis den Trend, das Profilfoto durch das eines Doppelgängers zu ersetzen. Der eine Kollege gleicht dem einen Einbrecher aus «Kevin – Allein zu Haus». Da wars einfach. Beim Autor dieses Artikels wurde es nach langer Suche und mit etwas Fantasie ein Foto des Schauspielers Guy Pearce.

Heute würde das bedeutend einfacher vonstattengehen. Computer können inzwischen nicht mehr nur Texte, Bücher, ja das ganze Internet nach Buchstaben und Wörtern durchsuchen. Sie haben gelernt, Bilder zu analysieren und deren Inhalt zu erkennen. Google Fotos ist ein Paradebeispiel. Der Dienst scannt alle hochgeladenen Fotos und verschlagwortet sie selbstständig. Auch immer mehr Handys können diesen Trick ohne spezielle Apps und Dienste. Beim iPhone etwa gibt es in der Galerie eine entsprechende Suchfunktion. Diese Bildersuchen funktionieren überraschend gut. Aber nicht perfekt. Es kommt vor, dass man eine Katze statt einem Hund gezeigt bekommt oder – auch schon erlebt – grüne Müllsäcke statt Oliven.

Wenn die eigenen Fotos nicht ausreichen, kann man auch das Web durchsuchen. Unter www.google.ch/imghp findet man im Suchbalken ein Kamera-Symbol. Damit kann man Fotos hochladen, und Google macht sich im ganzen katalogisierbaren Internet auf die Suche nach diesem oder einem ähnlichen Foto. Dieser Trick empfiehlt sich, wenn man wissen möchte, wo ein beeindruckendes Landschaftsfoto gemacht wurde oder ob ein Foto ein Unikat ist.

Monet online bestaunen

Die lustigste Spielerei rund um Bilderkennung kommt aber von einer anderen Abteilung aus dem Hause Google. Arts&Culture heisst das Projekt, das Kunstwerke digitalisiert und im Netz und in einer App zugänglich macht. Ganze Museen werden dabei abfotografiert. So kann man etwa Monets «Seerosen» in immenser Auflösung bestaunen.

Anfang des Jahres lancierte Arts & Culture eine neue Funktion: Wenn man ein Selfie schoss, suchte der Dienst in den gesammelten Kunstwerken nach einem Doppelgänger. Leider funktionierte das nur in den USA. Wollte man seinen Kunst-Zwilling finden, musste man sich per VPN-Diensten in die USA tricksen. 

Damit ist nun Schluss. Nun gibt es die Funktion endlich auch in der Schweiz. Zudem, verspricht Google, sei der Katalog an Gemälden noch mal erweitert worden. Um seinen Doppel­gänger zu finden, muss man auf dem Handy im App Store die Arts-&-Culture-App herunterladen. Dort findet man nebst all den virtuellen Museumsführungen die Selfie-Funktion. Dann muss man nur noch freundlich in die Kamera lachen, und schon bekommt man eine Handvoll Vorschläge.

Präzision könnte besser sein

Um die Funktion zu testen, haben wir die sieben Bundesräte als Vorlage genommen. Das klappte mal besser, mal schlechter. Auffällig ist auch, dass die Resultate nicht bei jedem Versuch dieselben sind. Das mag beim eigenen Gesicht daran liegen, dass man sich bewegt und die Kamera nicht immer gleich hält. 

Bei den Bundesräten mussten wir mit deren offiziellen Porträtfotos vorliebnehmen. Da würde man erwarten, dass die Ergebnisse von Versuch zu Versuch reproduzierbar sind. Tatsächlich schlug Google bei wiederholten Versuchen aber nicht immer dieselben Gesichter vor. Klar, das Kunst-Selfie ist eine Spielerei und keine wissenschaftlich präzise Angelegenheit. Trotzdem zeigt es sehr gut, was heute ohne lange Rechen- und Wartezeiten möglich ist.

Das Kunst-Selfie zeigt aber auch, auf was für ein Technologie-Arsenal Firmen, Staaten und andere Akteure heute zugreifen können. Ende Juli sorgte Amazons Dienst Rekognition für Schlagzeilen. Das 2016 lancierte Angebot hilft Behörden, auf Fotos oder Videos Straftäter zu erkennen. Eine Bürgerrechtsorga­nisation nutzte Rekognition dazu, 535 US-Kongressabgeordnete mit einer Datenbank von 25'000 Verhafteten abzugleichen. Die Software fand 28Übereinstimmungen. Alle stellten sich als falsch heraus. Amazon erklärte dies damit, dass die Trefferwahrscheinlichkeit falsch eingestellt worden sei. Trotzdem zeigt das Experiment genauso wie die Kunst-Selfies: Perfekt funktioniert die Gesichtserkennung noch nicht. Aber sie wird schnell besser.

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