Das Versionen-Chaos geht weiter

Android M bringt eine Menge Verbesserungen mit. Ungelöst bleibt aber das Update-Problem des Betriebssystems.

Verloren im Wirrwarr: Ein Teilnehmer eines Google Events begutachtet zahlreiche Smartphones. Bild: AP/Tony Avelar

Verloren im Wirrwarr: Ein Teilnehmer eines Google Events begutachtet zahlreiche Smartphones. Bild: AP/Tony Avelar

Jan Rothenberger@janro

Eine ganze Menge kleiner Schmankerl bringt sie mit, die neuste Android-Version, und eine grosse Sache: Googles neue «Immer und überall»-Suchfunktion Now on Tap. Auf den ersten Blick ein Nebenschauplatz, tut sie etwas Entscheidendes: Mit ihr durchdringt Google jeden Bereich von Smartphones und Tablets und bringt sich dort ins Spiel, wo bislang die Apps regierten. Anstatt «nur» im Hintergrund aktiv zu sein, schiebt sich Google auf seiner Plattform wieder ganz nach vorne. Nämlich als Suche für alle Inhalte, die der Nutzer mit sich herumträgt, bis hin zum Chatverlauf. Für Google ist der Nutzen offensichtlich: Seine Suche wird noch mehr Fenster zur Welt als ohnehin schon. Dabei geht der Konzern auch ein Problem der aktuellen Gerätewelt an: Apps werden zu abgeschlossenen Datensilos, denen die Nutzer Informationen nur noch per Copy/Paste entreissen können.

Das Grundproblem bleibt

Androids grösster Haken aber bleibt ungelöst: das Tohuwabohu an unterschiedlichen Versionen, die kursieren. Immer weniger haben Nutzer den Überblick, was auf ihrem Smartphone läuft. Und auch beim aktuellen Update zeigt sich wieder: Herauszufinden, ob und wann Gerät X ein Update erhält, wird zur anstrengenden Detektivarbeit. Die Hersteller geben sich kaum Mühe, älteren Geräten die neuste Version weiterzugeben. Nicht nur kommen damit viele Nutzer nicht in den Genuss der neusten Funktionen, es setzt sie auch Sicherheitslücken aus, wie kürzlich dem Stagefright-Bug, der Millionen von Geräten immer noch kaperbar macht. Google tut zu wenig, um die Hersteller auf häufigere Updates einzuschwören. Doch genau dies wäre für eine nachhaltigere Nutzung unserer Geräte zentral.

Das bringt das neue Android

Die neuste Version von Googles mobiler Plattform steht in den Startlöchern. Android 6 oder Android M (Codename Marshmallow) ist als Update für erste Geräte verfügbar und wird bis Anfang 2016 Stück für Stück auf den aktuellsten Smartphones ankommen.

Herzstück und grösste Neuerung von Android M ist die aufgebohrte Version von Google Now. Wegbeschreibungen, Restaurantvorschläge, Termine: Mit Now versucht Google schon länger, Nutzern ohne deren Zutun hilfreiche Informationen anzuzeigen. Bisher steckten diese Infohäppchen im Now-Bildschirm, der sich wie eine App aufrufen liess. Mit «Now on Tap» («Now auf Knopfdruck») macht Google dessen Funktionen nun überall auf dem Smartphone verfügbar – sie lassen sich aus jeder App heraus aufrufen. Das geht per langen Druck auf den Home-Knopf: Now on Tap scannt dann den aktuellen Bildschirminhalt und liefert Suchergebnisse dazu (siehe Bildstrecke).

Copy-Paste überflüssig machen

Now on Tap spart so massiv Zeit und funktioniert bei E-Mail- oder Chatunterhaltungen genauso wie auf Webseiten. Findet die Suche eine Telefonnummer oder Adresse auf dem Schirm, kann der Nutzer beides ohne den Umweg über Copy-Paste auswählen, etwa für einen Anruf oder zur Ortssuche in Google Maps. Die Suchergebnisse öffnen sich dabei direkt in der passenden App. Ein Beispiel: Now on Tap findet einen Kinofilm und lässt diesen direkt in der Film-App IMDB nachschlagen, die Fanpage in Facebook aufrufen oder in Youtube Clips anzeigen. Wermutstropfen: Now on Tap kommt mit deutschen Inhalten noch nicht wirklich zurecht. Um es trotzdem bereits jetzt zu aktivieren, muss man Androids Spracheinstellungen auf Englisch wechseln.

Wir haben Now on Tap in verschiedenen Kontexten ausprobiert. Das Fazit ist gemischt. Das Erkennen von Adressen, bekannten Personen oder Filmtiteln funktionierte ausgezeichnet. Geht es um andere Personen oder abstrakte Suchbegriffe, tut sich Now on Tap dagegen schwer und versagt oft dabei, nützliche Informationen zu liefern. Hier muss Google noch nachbessern. Andernfalls droht Now on Tap ein ähnliches Schicksal wie Apples Siri – enttäuschte Nutzer, die nach anfänglicher Begeisterung die Finger davon lassen.

Die Privatsphäre-Kommandozentrale

Das zweite grosse Update kümmert sich um die Privatsphäre. Hier sind die neuen App-Berechtigungen so etwas wie eine kleine Revolution. In den Einstellungen lässt sich nun endlich nachschlagen, welche App sich welche Rechte herausnimmt. So zeigt Android neu an, wie viele Apps beispielsweise Zugang zum Mikrofon oder Adressbuch verlangen. Der Nutzer kann diese Berechtigungen Einzelnen erteilen oder wieder entziehen – wie es Windows 10, iOS oder der Android-Konkurrent Cyanogen schon vormachen. Während Nutzer bislang bei der Installation einer App entscheiden mussten, alle Berechtigungen zu erteilen oder auf die App zu verzichten, lässt sich nun jede Anwendung installieren und fragt bei der ersten Verwendung gezielt nach den jeweils benötigten Rechten. Das ist ein grosser Schritt nach vorne und kommt den Nutzern besonders bei datenhungrigen Apps zugute.

Detailverbesserungen und etwas Politur machen die übrigen Neuerungen aus. Längere Akkulaufzeit verspricht eine Art Schlafmodus: Damit soll Android M im Standby Strom sparen. Die nötige Software für die Integration von Fingerabdruckscannern gehört neu standardmässig zu Android. Dasselbe gilt für die Bezahlplattform Android Pay, die allerdings noch nicht in Europa verfügbar ist. Copy-Paste wird bequemer, statt kryptischer Symbole zeigt Android neu Textfelder mit den Worten Kopieren, Ausschneiden und Einfügen an. Ein verbessertes App-Verzeichnis rundet die Änderungen an der Oberfläche ab.

Fazit: Grösstenteils gelungen

Insgesamt ist es kein weltbewegendes, aber erfreuliches Update. Weder beim Design noch bei den Funktionen stellt Google Android auf den Kopf. Neben vielen kleinen Verbesserungen zeigt sich vor allem die tiefe Integration der Now-Suche bis in die Apps hinein als praktisch und zeitsparend, wenn auch noch verbesserungsfähig. Allerdings sollte man sich als Nutzer im Klaren sein, dass die Verwendung von Now on Tap die Weitergabe von persönlichen Daten an Google eher verstärkt. Datenschutz-sensible Nutzer werden wohl Now on Tap wie zuvor schon Google Now aussen vor lassen.

Nebulöser Update-Kalender

Wie immer liefert Google sein neustes Android zuerst auf den hauseigenen Nexus-Geräten aus, wo sich Android M in Reinform ausprobieren lässt. Die übrigen Hersteller bringen ihre angepassten Versionen erst mit Verzögerung heraus, und dies meist nur auf der aktuell neuesten Gerätegeneration. Auf solchen Modellen wird Android M nicht das puristische Google-Erlebnis bieten wie etwa auf unserem für den Test genutzten Nexus 5, sondern läuft unter der Haube, adaptiert auf die Oberfläche des jeweiligen Herstellers.

Aktuell sehen die erwarteten Update-Kandidaten für die wichtigsten Hersteller folgendermassen aus (ohne Gewähr):

  • Samsung (unbestätigt): Galaxy Note 4 und 5, Note Edge, Galaxy S5 und S6 (Neo, Edge und Edge+), Galaxy Tab S und S2
  • Asus: Nexus 7 (2014) und 9
  • HTC: One E8, E9, ME, M8 und M9 (Eye, +), One Butterfly 3, Desire 816, 820, 829
  • LG: G3, G4, G Flex 2, Nexus 5 und 9
  • Motorola: Moto X Style, Play 2015, Play Dual-Sim, Moto G (2015) und X (2014), Nexus 6, Moto G und G 4G LTE (2014)
  • Sony: Xperia Z2, Z2 Tablet, Xperia Z3 (auch +, Compact und Tablet Compact), Xperia Z4 Tablet, Xperia Z5 (Compact und Premium), Xperia M5, C5 Ultra, C4, M4 Aqua
  • Huawei: P8 und Mate S

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