«Das Gegenteil von dem, was das Klischee sagt»

Nachgefragt

Die App «Pokémon Go» ist ein riesiger Erfolg. Matthias Sala entwickelt mit seiner Firma seit Jahren solche Spiele, die in der realen Welt spielen. Was sagt er zu Nintendos Hit?

«Mixed Reality»-Spiele locken die Videogame-Freaks vor die Türe.

«Mixed Reality»-Spiele locken die Videogame-Freaks vor die Türe.

(Bild: Keystone Julian Smith)

Matthias Schüssler@MrClicko

Hat dich das Phänomen «Pokémon Go» überrascht? Du entwickelst schon seit Jahren ähnlich gelagerte Spiele.Ich bin positiv überrascht, dass ein solch phänomenaler Erfolg daraus wurde. Er übertrifft alle Superlative. Dies ist sicher auf die starke Marke zurückzuführen – alle haben Freude an Pokémon. Generell ist es toll, dass diese Spiele, bei denen man mit seinem Smartphone in der realen Welt spielt, nun eine breite Öffentlichkeit finden. Dass die Leute sehen, dass es toll ist. Vorher war das eine Nische.

Wie gross ist der Neid, dass jetzt nicht euer Spiel so abhebt?Wir haben kein «Pokémon». Das ist eine tolle Marke. Wir waren mit unserem Spiel für den Zoo Zürich vor bald zehn Jahren sehr früh dran. Neid empfinde ich aber nicht. Es ist eine Chance: Wir entwickeln auch weiterhin unsere Spiele, sogar mit grossem Erfolg, wie die «Gross. Stadt. Jagd.» für Mercedes-Benz. Die Leute verstehen mit zunehmender Bekanntheit des Genres, wie es funktioniert. Wir müssen es nicht mehr erklären, beweisen und überzeugen. Wir können uns jetzt auf die Spiele konzentrieren.

Der Erfolg hilft euren Spielen, auch wenn ihr erklären müsst, dass ihr schon vor «Pokémon Go» solche Spiele gemacht habt?Wer der Erste war, ist nicht so wichtig. Wahrscheinlich waren auch wir nicht die Ersten. Es gab schon im Jahr 2000 Konzepte und Prototypen. Wir waren von Anfang an dabei und haben spannende Pionierarbeit geleistet.

Warum hebt «Pokémon Go» jetzt ab? Ist es die Technik, die nun reif genug ist?Als wir angefangen haben, existierte noch kein iPhone. Manche Telefone konnten Java-Apps ausführen. Das war technisch eine Herausforderung. Ich glaube aber nicht, dass das der ausschlaggebende Punkt war. Damals waren die Leute bereits mit einfacheren Klickspielen zu begeistern. Was hat man damals gespielt? Dinge wie «Doodle Jump»! Heute ist die Zeit reif für kompliziertere, anspruchsvollere Missionen.

Ich spiele heute noch «Doodle Jump».Du bist ein Spezialfall. Aber Spass beiseite. Unser Zoo-Spiel konnten überraschend viele Leute auf ihren damaligen Handys installieren. Dass es nicht so genau geortet hat, war nicht so schlimm. Es war ja keine Notfall-App, bei der die Rettung von der Genauigkeit abhing. Wichtig war nicht die Technik – sondern, dass sich die Leute darauf einlassen.

Warum tun sie es jetzt?Es ist ein globaler Effekt. Jeder kennt Pokémon, das dient als Türöffner. Ähnlich war es bei «Warcraft», die eine globale Anhängerschaft aufbaute. Dann kam «World of Warcraft» und ebnete Online-Multiplayer-Spielen den Weg. Online-Gaming wurde breitentauglich.

Ihr nennt das Vermischen von Spiel und echter Welt «Mixed Reality». Warum fasziniert das die Leute? Warum trifft es jetzt den Nerv?(lacht) Wenn ich das wüsste! Ich glaube, die Leute sind inzwischen mit den Möglichkeiten ihrer Telefone und des Internets vertraut. Das kommt jetzt zum Tragen.

Hast du die Erfahrung gemacht, dass die Verknüpfung von realer Welt und Game-Welt neue Nutzer anzieht und für Leute eine Einstiegsmöglichkeit darstellt, die mit Videospielen sonst nichts anfangen können?Stimmt, die Vertrautheit der physischen Welt, sie senkt die Einstiegshürde. Ob mehr Leute deswegen spielen, weiss ich nicht.

Auf alle Fälle kann man nicht mehr sagen, dass die Videogamer bloss zu Hause vor dem Bildschirm hocken.Das finde ich sehr bezeichnend – dass es jetzt die Nachrichten gibt, dass Jugendliche wegen dem Game stundenlang draussen herumspazieren. Nun bringen die Spiele die Leute dazu, nach draussen zu gehen und dort Dinge zu entdecken. Das ist das Gegenteil von dem, was das Klischee besagt: Ein 16-Jähriger, der im Nationalpark die Gegend erkundet. Natürlich freut mich das als Game-Designer.

DerBund.ch/Newsnet

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