Kaufen Sie noch oder streamen Sie schon?

Immer mehr Webdienste setzen auf Abos. Wie die Entwicklung unseren Medienkonsum verändern wird.

Abonnieren statt kaufen: Ein junger Mann streamt auf seinem Laptop einen Film. Foto: iStock

Abonnieren statt kaufen: Ein junger Mann streamt auf seinem Laptop einen Film. Foto: iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Fünf Franken hier, zwei Franken da und dann noch zwanzig Franken für diesen einen Dienst. Für sich betrachtet, kosten Abos eigentlich gar nicht so viel. Doch wenn man alle Abos zusammenrechnet, stellt man fest: Es ist eben doch mehr als der sprichwörtliche Kaffee oder das eine Mittagessen pro Monat.

Für Firmen und Unternehmen sind Abo-Modelle eine lukrative Einnahmequelle geworden. Apple zum Beispiel hat im eigenen Ökosystem inzwischen 270 Millionen Abo-Kunden. Das sind 100 Millionen Kunden mehr als noch vor einem Jahr.

Auch kleine App-Entwickler setzen immer häufiger auf Abos statt Einmalzahlungen. Eines der prominentesten Beispiele ist 1password. Der Passwortverwalter synchronisiert gegen eine Monatsgebühr alle Passwörter über verschiedene Geräte hinweg. Dank einem Abo kann man den Dienst auf allen Geräten nutzen und muss die App nicht für jede Plattform erneut kaufen.

Umfrage

Wie viele Webdienste und Apps haben Sie abonniert?






Der Hauptvorteil für Nutzer liegt allerdings darin, dass Entwickler dank regelmässigen Einkünften einen Anreiz haben, ihre Dienste weiterzuentwickeln und auf dem neuesten Stand zu halten. Als Nutzer muss man aufpassen und seine Abos konstant im Blick behalten. Anders als bei einer Zeitung oder einem Printmagazin wird man nicht jedes Mal ans Abo erinnert, wenn eine neue Ausgabe im Briefkasten eintrifft. Dass man für eine App bezahlt, kann schon mal vergessen gehen. Genauso, wie auch eine App einmal vergessen geht und verstaubt. Darum lohnt sich gelegentlich ein Blick in die Abo-Verwaltung von iOS und Android, wenn ein Abo dort erfasst wird.

Kommen Rundum-Angebote?

Besonders komfortabel ist die aktuelle Situation nicht. Und es dürfte noch komplizierter werden. Am deutlichsten sieht man das Problem bei den Film- und Serien-Streamingdiensten. Die eine Serie gibt es nur bei Netflix, die andere hat Amazon, und bald kommen noch Angebote von Apple und Disney dazu. Anders als bei der Musik, wo die Konkurrenten Spotify und Apple Music nahezu identische Angebote haben, profilieren sich Netflix und Co. mit Eigenproduktionen.

Als Konsument wird es immer schwieriger, sich für den richtigen Dienst zu entscheiden. Die Möglichkeit, mehrere Streaminganbieter in einem Abo zu bündeln, wie es US-Kabelnetzbetreiber früher mit sogenannten Bundles gemacht haben, wäre eine bequemere, aber auch teure und nicht immer für alle Bedürfnisse ideale Lösung. Punktuelle Kooperationen wie zum Beispiel zwischen Netflix und Spotify für ein Musik-und-Video-Abo wären eine niederschwelligere Option. Die zwei Dienste würden sich gut ergänzen.

Bilder: Schritt für Schritt zum Netflix-Download

Gespannt sein darf man, wie Apple dereinst seine Abos organisiert. Wird der Techkonzern Musik und die in Produktion befindlichen eigenen TV-Inhalte getrennt anbieten, oder kommt schon bald das Apple-Rundum-Abo mit Serien, Filmen, Musik, News, Magazinen und Cloudspeicher? Noch einen Schritt weitergedacht, wäre auch ein Modell denkbar, bei dem ein Apple-Abo auch gleich Apps und andere Dienste und Inhalte mit einschliesst. Statt direkt die Entwickler und Hersteller zu entlöhnen, würde Apple das Geld verteilen. Je häufiger eine App geöffnet wird, desto mehr Geld geht an den jeweiligen Entwickler. In voller Konsequenz könnte man sich sogar Abos vorstellen, die zusätzlich neue Geräte beinhalten. Mit dem iPhone-Upgrade-Programm hat Apple in einigen Ländern bereits ein Angebot, bei dem man gegen eine Monatsgebühr jährlich das neuste iPhone bekommt.

Apple eignet sich besonders gut für so ein Super-Abo, da das Unternehmen kein Interesse an Gratisdiensten, Nutzerdaten und Werbung hat. Aber auch bei Google wäre ein Bündel-Abo mit Inhalten, Cloudspeicher und neuen Geräten denkbar. Einen Schritt weiter ist Amazon. Das Onlinewarenhaus hat mit Prime ein sehr weitreichendes Abo. Für 70 Euro im Jahr gibt es Gratisversand, TV- und Musikstreaming, kostenlose Ebooks usw. Nebst den Techkonzernen mischen auch Telecomanbieter immer häufiger mit Zusatzdiensten zu ihren Daten-Abos in dem Markt mit.

Gesetz der Bequemlichkeit

Noch ist die Abo-Landschaft reichlich zerstückelt und teilweise unkomfortabel. Doch in den unterschiedlichen Ansätzen von Techkonzernen und Nischenanbietern zeigt sich, wie wir in naher Zukunft für immer mehr Dienstleistungen und Produkte häppchenweise und regelmässig zahlen werden. Das Gesetz der Bequemlichkeit legt aber schon heute den Schluss nahe, dass wir dereinst ein paar wenige Sammel-Abos statt vieler verzettelter Einzelabos haben werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2018, 06:04 Uhr

Cloud-Speicher und Streaming

Meine Abonnemente

Auf diese Dienste möchte unser Redaktor nicht mehr verzichten müssen.

Office 365 (69.95 Fr. pro Jahr):
Ursprünglich habe ich das Microsoft-Abo abgeschlossen, weil ich die Programme Word, Excel und so weiter wollte. Inzwischen nutze ich die Programme kaum noch. Was ich aber sehr fleissig nutze, ist der im Abo inkludierte Onedrive-Cloudspeicher. Nur schon für den lohnt sich das Abo. Bei der Konkurrenz kostet 1 Terabyte mehr, und das Microsoft-Angebot harmoniert mit allen Plattformen vorzüglich. Ich sichere dort alle Fotos in voller Auflösung.

Ulysses (37 Fr. pro Jahr):
Die Schreib-App war einst meine teuerste iPad-App. Ulysses kostete mich damals 25 Franken. Inzwischen haben die Entwickler auf ein Abomodell um­gestellt. Als Nutzer der ersten Stunde ­bezahle ich pro Jahr 37 Franken. Neunutzer zahlen 49 Franken im Jahr oder 7 Franken pro Monat. Das ist unbestritten teuer. Aber ich liebe diese Schreib-App. Nahezu alle Artikel schreibe ich darin. Im Abo ist übrigens auch eine App für den Mac inbegriffen. Mangels Mac nützt mir die allerdings nichts.

Spotify (19.90 Fr. pro Monat):
Wir haben das teuerste Spotify-Abo. So können ich, meine Frau und die Schwiegereltern parallel und ohne Werbung Musik hören. Obwohl unser Abo letztes Jahr gehackt wurde, sind wir weiterhin bei Spotify. Wir würden zwar gerne zu Apple Music wechseln, aber solange man nicht alle Playlists und Statistiken mitnehmen kann, bleiben wir beim schwedischen Marktführer.

Netflix (15.90 Fr. pro Monat):
Seit wir unser Netflix-Abo haben, schauen wir nur noch bei Grossereignissen normales TV (gratis per Zattoo). Auch das Herunterladen von Filmen und Serien ist damit weitestgehend überflüssig geworden. Das Netflix-Angebot ist für uns mehr als ausreichend.

iCloud (200 GB, 3 Fr. pro Monat):
Jahr für Jahr bröckelt mein Widerstand gegen Apples-Speicher-Abos. Erst gab ich nach und schloss das 1-Franken- Abo ab. Inzwischen bin ich auf dem nächst grösseren. Der Komfort, das Gerät für Backups nicht an einen Laptop anschliessen zu müssen, ist mir das alleweil wert. Aber für meine Fotos reicht der Speicher hinten und vorne nicht. Die sichere ich bei Onedrive und Google.

Google Drive:
Bei den Recherchen für diesen Artikel ist mir aufgefallen, dass mein Google-Abo diesen Februar zusammen mit der hinterlegten Kreditkarte abgelaufen ist. Abgeschlossen hatte ich es vor Jahren, als mein Gmail-Konto die Limite zu sprengen drohte. Inzwischen wurden die ­Limiten heraufgesetzt, und die Gratis- Variante reicht offensichtlich.

Squarespace (140 CHF pro Jahr):
Seit bald einem Jahr habe ich einen kleinen Blog. Ich nenne ihn mein offenes Notizbuch. In erster Linie nutze ich das Zeipad, so heisst der Blog, um zu experimentieren und mein Englisch à jour zu halten. Im Hintergrund nutze ich Squarespace. Der Dienst erlaubt es Laien wie mir ohne viel Aufwand eine schöne Webseite zu machen. Billig ist das nicht. Aber die Bedienung ist so gut und bequem, dass ich gerne ein Auge zudrücke. (zei)

Mieten statt kaufen

Wenn die Software nicht arbeiten mag

Bei abonnierten Programmen kann es zu unerwarteten Streiks kommen.

Adobe ist eines der grossen Softwarehäuser, das Standardprogramme für die Produktion von gedruckten und digitalen Medien herstellt. Photoshop und die anderen zur Creative Cloud gehörenden Programme gibt es seit 2013 nur noch zur Miete. Adobe hatte damals voll und ganz auf das Abomodell gesetzt. Die Kaufversionen der Produkte wurden gleich ganz abgeschafft. Das hat natürlich für Unmut gesorgt. Viele professionelle Anwender hatten die Befürchtung, sie könnten bei einer Panne mit ihrem Abo oder der Internetverbindung plötzlich ohne ihre digitalen Werkzeuge dastehen – natürlich exakt in dem Moment, wenn eine Deadline droht und ihnen ein Kunde im Nacken sitzt.

Adobe hatte damals abgewiegelt: Die Lizenz werde bei monatlichen Zahlern in Abständen von 30 Tagen überprüft, bei Jahresabonnenten nur alle 99 Tage. Dazwischen könne man die Software auch problemlos offline verwenden.

Das klingt theoretisch überzeugend. In der Praxis zeigt sich, dass die Bedenken nicht unbegründet sind. Ein Serverausfall von etwa einem Tag hatte im Mai 2014 manche Abonnenten auf dem falschen Fuss erwischt. Die Empfehlung war damals, sich notfalls mit den Demoversionen der Produkte zu behelfen.

Doch auch ohne Serverpannen hat das Abomodell seine Tücken. Zwei persönliche Schreckmomente mit Adobes Creative Cloud:


  • Da heisst es aus heiterem Himmel, die Lizenz würde in wenigen Tagen ablaufen; eine Erneuerung sei unumgänglich. Das wird dann zum Problem, wenn der Softwareverantwortliche des Teams gerade in den Ferien weilt und die Firmenkreditkarte abgelaufen ist.

  • Auch unerfreulich: Wenn die Software plötzlich meldet, für die weitere Nutzung sei umgehend eine Neuanmeldung nötig – und diese sogleich mit einem Hinweis auf «fehlende Internetkonnektivität» verweigert. Da steht man wie der Esel am Berg, wenn alle anderen Programme keinerlei Verbindungsprobleme haben. Adobes Hotline verweist auf ein ellenlanges Supportdokument, das die schliesslich rettende Massnahme leider mit keinem Wort erwähnt: nämlich, die Windows-Firewall für die Dauer der Abo-Überprüfung abzuschalten.



Fazit:Ein gemietetes Programm ist nicht so zuverlässig wie eine Kaufsoftware, egal wie sorgfältig der Hersteller auch operiert. Kommt hinzu: Viele Nutzer möchten allein zum Schutz ihrer Privatsphäre lieber mit einem Produkt arbeiten, das keine Verbindung zu den Servern des Herstellers benötigt und das auch offline bestens funktioniert.

Nur Mietprogramme anzubieten, wird legitimen Kundenbedürfnissen nicht gerecht. Matthias Schüssler

Artikel zum Thema

Was tun, wenn Programme plötzlich streiken?

«Diese App kann nicht ausgeführt werden»: System-Updates können ältere Programme funktionsunfähig machen. Wie Sie dieses Problem lösen und ihm vorbeugen. Mehr...

So erkennen Sie Apps, die den Download wert sind

Video Wir verraten unsere Tricks, wie Sie Apps entlarven, die Ihnen Geld aus der Tasche ziehen wollen. Mehr...

Eine Ode an den Editor

Glosse Eines der grossartigsten Windows-Programme wurde in 26 Jahren kaum verändert. Und das ist gut so. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Gut verpackt: Im Logistikzentrum von Amazon in Hemel Hempstead (England) warten Unmengen an Paketen auf die Auslieferung. (14. November 2018)
(Bild: Leon Neal/Getty Images) Mehr...