Die zweite Vermählung von Laptop und Tablet

Vor einem Jahrzehnt scheiterte Microsoft mit dem Versuch, Laptop und Tablet in einem Gerät zusammenzuführen. Jetzt bringen der Softwarekonzern und mehrere PC-Hersteller neue Entwicklungen auf den Markt.

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Rafael Zeier@RafaelZeier

Gross waren die Erwartungen, als Bill Gates 2002 die Zukunft des Laptops vorstellte. Touchscreens seien die Zukunft. Damit hatte der damalige Microsoft-Chef zwar nicht unrecht, aber er war fünf Jahre zu früh. Die versprochene Zukunft begann erst 2007 mit dem ersten wirklich benutzerfreundlichen TouchscreenGerät: dem iPhone. Alle vorangegangenen Versuche scheiterten daran, dass die Technologie noch nicht so weit war, und am fehlenden Mehrwert.

Wenn man heute durch die LaptopRegale der Elektrofachmärkte schlendert, scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Zwischen den altbekannten Laptops stehen allerhand abenteuerliche Geräte, die an ihre Vorgänger von 2002 erinnern: halb Laptop, halb Tablet. Das Gerät von Asus hat zwei Bildschirme, bei denen von Samsung und Microsoft lassen sich Tastatur und Bildschirm trennen, und das neuste von Sony wird nicht zugeklappt, sondern zugeschoben, sodass sich der Bildschirm über die Tastatur legt und den Laptop in ein Tablet verwandelt.

Den Grund für das Comeback dieser Geräteklasse sieht man im nächsten Regal – und vor allem in den prall gefüllten Wühltruhen: iPads und AndroidTablets von allen möglichen Herstellern machen den Laptops die Verkaufsfläche streitig. Während bei den Laptops gelegentlich ein Kunde lustlos ein paar Tasten drückt, wird auf den Tablets gesurft, getippt und gespielt.

Eine Revolution von unten

Was sich im Elektrogeschäft um die Ecke im Kleinen beobachten lässt, versetzt eine ganze Branche in helle Aufregung. Vermeintlich simple Touchscreen-Geräte lassen die klassischen Computer in immer mehr Bereichen alt aussehen. Waren die Funktionen des ersten iPhones noch überschaubar, zeigte sich sein wahres Potenzial ein Jahr später mit der Einführung des App Store. Mit der Öffnung des iPhones für andere Softwarehersteller legte Apple den Grundstein für eine Revolution von unten. Das Handy wurde smarter und smarter. Nicht mehr nur zum Telefonieren oder SMS-Verschicken wurde immer häufiger zum Smartphone statt zum Computer gegriffen. Als ob das für die traditionellen Computerhersteller nicht schon bedrohlich genug gewesen wäre, entschied sich Google mit dem eigenen Betriebssystem Android für denselben Weg. Zahlreiche Hersteller, allen voran Samsung, zogen mit.

Ehemalige Exoten

Bei den grösseren Geschwistern der Touchscreen-Telefone, den Tablets, wiederholten Apple und Google ihre Strategie: Das iPad machte den Anfang, und Android-Geräte folgten. Die anfängliche Kritik, das iPad sei ein grosses iPhone, verstummte spätestens, als die ersten speziell für grössere Bildschirme entwickelten Apps auftauchten.

Waren Tablets zu Beginn die Exoten im Haushalt, hat sich das inzwischen gedreht. Immer mehr Aufgaben lassen sich am Tablet oder Smartphone besser und eleganter erledigen als am Computer. Einzig für wirklich lange E-Mails, die Steuererklärung oder Profi-Anwendungen wie Photoshop wird der Laptop noch hervorgeholt.

In ihrer Angst, den Tablet-Schnellzug zu verpassen, versuchen PC-Hersteller die Gunst der Kunden zurückzugewinnen. Die Vorreiterrolle hat Microsoft mit Windows 8 übernommen. Das Betriebssystem soll, wie schon vor elf Jahren, beide Welten vereinen: Tablet und Laptop. Touchscreen für das Tablet, Trackpad und Tastatur für den Laptop.

Auch wenn die Technologie inzwischen so weit ist, das Hauptproblem bleibt: Es reicht nicht, einen Laptop mit einem Touchscreen und ein paar neuen Scharnieren auszurüsten, wenn dies dem Nutzer keinen Mehrwert liefert. Alles, was man neu per Fingerstreich erledigen kann, konnte man schon vorher genauso effizient mit einem Klick.

Dazu kommt: Die ganze Nutzererfahrung macht keinen runden Eindruck. Nicht einmal Windows 8 lässt sich komplett im Touch-Modus bedienen. Immer wieder fällt man in die DesktopAnsicht mit ihren nicht fingertauglichen Knöpfen zurück. Noch deutlicher werden die Defizite bei solchen Programmen anderer Softwarehersteller, die noch nicht für die Touch-Bedienung optimiert wurden.

Testet man zwei der besonders vielversprechenden Hybrid-Geräte der neusten Generation, bestätigt sich dieses Bild, auch wenn die Hardware auf den ersten Blick gefällt. Der neue Vaio Duo 13 von Sony macht im Pendleralltag trotz seines eigenwilligen Aufziehmechanismus einen vertrauenswürdigen Eindruck. Microsofts Eigenentwicklung, der Surface Pro, hinterlässt mit seiner magnetischen Anklicktastatur trotz des für seine Grösse etwas hohen Gewichts ebenfalls einen soliden Eindruck.

Ein Hybrid wie ein Sportwagen

Im Alltagstest muss man sich nach der anfänglichen Begeisterung jedoch eingestehen: Der Touchscreen bietet keinen nennenswerten Mehrwert gegenüber einem normalen Laptop, und im TabletModus sind beide doch eher unhandlich. Wirft man zudem einen Blick auf das Preisschild (ab 1800 Franken für den Vaio und ab 1100 Franken für den Surface Pro mit Tastatur) wird klar, bei den getesteten Hybriden handelt es sich um die Sportwagen unter den PCs: hoher Preis und wenig Nutzen.

Die bessere und meist kostengünstigere Alternative bleibt weiterhin ein einfacher Laptop, der gut und gerne auch 4 bis 5 Jahre alt sein kann, und dazu ein iPad oder Android-Tablet. Das dürfte auch noch so lange so bleiben, bis Microsoft oder am Ende doch wieder Apple einen wirklichen Geistesblitz hat.

Tages-Anzeiger

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