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Adobe zieht Venezuela den Software-Stecker

Wegen eines Dekrets von US-Präsident Trump kündigt das Softwareunternehmen Adobe seinen Nutzern in Venezuela die Software-Abos und sperrt den Zugang zu Diensten.

Matthias Schüssler
Kein Wölkchen über Venezuela: Die Kreativen dieses Landes dürfen keine amerikanische Cloud-Software mehr verwenden.
Kein Wölkchen über Venezuela: Die Kreativen dieses Landes dürfen keine amerikanische Cloud-Software mehr verwenden.
Lucy Nicholson, Reuters

Am 5. August 2019 hat US-Präsident Donald Trump ein Dekret unterschrieben, das es amerikanischen Unternehmen verbietet, mit Venezuela Handel zu betreiben. Diese Verfügung zeigt heute fatale Auswirkungen auf alle Venezolaner, die mit amerikanischer Software ihr Auskommen verdienen. Das kalifornische Unternehmen Adobe hat seine Kunden mit einem Schreiben informiert, es werde nicht weiter Zugang zu Diensten und Software anbieten.

Die Betroffenen haben noch bis zum 28. Oktober die Möglichkeit, ihre Daten herunterzuladen. «Nach dem 28. Oktober werden Sie keinen Zugang mehr zum Nutzerkonto, zu Adobe.com und zu Software oder Diensten von Adobe haben», schrieb der Konzern in einem am Montag veröffentlichten Supportdokument. Gemäss den Angaben dort dürfen die unsanft hinauskomplimentierten Kunden noch nicht einmal auf eine Rückerstattung der Abogebühren hoffen: «Wir sind dazu nicht in der Lage» Trumps Dekret würde sämtliche Finanztransaktionen verbieten, auch Kostenerstattungen.

Das ist äusserst einschneidend: Adobe ist nicht nur für die Bildbearbeitungssoftware Photoshop bekannt, sondern stellt auch Programme für die Produktion von Büchern, Zeitungen, Drucksachen, Video und Audio her. «Diese Nachricht ist nicht nur eine Katastrophe für Gestalter und Freelancer, sondern auch für NGOs und Medienunternehmen», kommentiert «The Verge». Die Newsplattform hat in einem Beitrag verzweifelte Tweets von Betroffenen aufgegriffen. Gabriela Yanez, eine venezolanische Gestalterin, schreibt: «Ich habe keine Lösung gefunden, ich werde alles verlieren, was in meinem Behance-Konto und bei anderen Diensten gespeichert ist.»

Behance ist Adobes Plattform für Kreative, die dort ihre Arbeiten präsentieren und Kunden akquirieren. «Wir müssen neu anfangen. Für venezolanische Bürger, Flüchtlinge und Immigranten... Das ist einfach unfair», endet Yanez ihren Tweet.

«Nationalität als Strafe»

Auch andere sehen das so: Daniel Arzola ist Künstler und schreibt, diese Massnahme verschlimmere den Albtraum, in dieser Zeit in Venezuela zu leben. Die «Nationalität ist zur Strafe geworden». Gesperrt werden auch Venezolaner ausserhalb ihres Heimatlandes, allein aufgrund der Nationalität.

Adobe setzt seit 2011 auf ein Mietmodell in der Cloud. Das trägt den Namen Creative Cloud und setzt voraus, dass die Nutzer die Programme auf Monats- oder Jahresbasis mieten. Die neuen Versionen werden seit 2012 nicht mehr ohne Abo angeboten, und Adobe hat den Vertrieb der klassischen Kaufprogramme 2017 endgültig eingestellt. Damit zeigt sich, wie gross die Abhängigkeit der Nutzer mit der Cloud geworden ist. Ein klassisches Kaufprogramm, so wie es noch in den Nullerjahren üblich war, würde sich weiter benutzen lassen, selbst wenn der Hersteller es nicht mehr offiziell unterstützt. Doch ein Mietprogramm funktioniert ohne den Serverzugang nicht.

Adobe schreibt auf Anfrage, man bedauere die Unannehmlichkeiten und werde die Situation weiterhin verfolgen und gegebenenfalls wieder informieren. Doch solange Trump sein Dekret nicht zurückzieht, wird das den Venezolanern nicht helfen. Eine Lösung wäre gewesen, für solche Situationen Kaufversionen der Programme anzubieten, die auch offline funktionieren würden. Ob das in Erwägung gezogen worden ist, wollte Adobe nicht kommentieren.

Das ist die zweite «Executive Order» von Trump, die Schockwellen durch die Tech-Welt schickt. Im Mai 2019 hatte der US-Präsident den nationalen Notstand erklärt und Geschäfte mit «gegnerischen» Staaten verboten. In der Folge darf Google nicht mehr mit dem chinesischen Telecom-Unternehmen Huawei zusammenarbeiten. Nach Protesten hat die Regierung den Bann für bestehende Geräte ausgesetzt. Doch die neuen Topgeräte Mate 30 und Mate 30 Pro müssen ohne den App Store und ohne die wichtigen Google Apps wie Youtube, Maps und Gmail auskommen.

Die Ausweichmöglichkeiten

Während Huawei Ausweichmöglichkeiten hat und einen eigenen App-Store aufbaut, ist der kurzfristige Ersatz der Adobe-Programme schwierig: Sie sind weit verbreitet und in den Unternehmen in komplexe Arbeitsabläufe eingebunden. Aber es gibt Alternativen: Das britische Unternehmen Serif entwickelt seit 2014 die Affinity-Produktreihe, die auf Gestalter und Medienproduzenten zugeschnitten ist, die ohne Cloud und ohne Software-Abo arbeiten möchten.

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