Bitcoin braucht bald mehr Strom als Nigeria

Mit dem rasanten Kursanstieg schiesst auch der Stromverbrauch der Kryptowährung in die Höhe. Ihr ökologischer Fussabdruck wird zunehmend zum Problem.

Rasant wachsender Energieverbrauch: Mit dem Strom, den eine einzige Bitcoin-Transaktion heute benötigt, könnte man eine Woche lang ein Einfamilienhaus versorgen.

Rasant wachsender Energieverbrauch: Mit dem Strom, den eine einzige Bitcoin-Transaktion heute benötigt, könnte man eine Woche lang ein Einfamilienhaus versorgen. Bild: Dado Ruvic/Reuters

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In kaum eine andere Währung setzen Anleger derzeit mehr Hoffnung als in Bitcoin: Erst gestern knackte die weltweit gehypte Kryptowährung die 7000-Dollar-Marke und konnte ihren Wert damit innerhalb eines Jahres mehr als verzehnfachen. Während Bitcoin-Enthusiasten bisher vor allem die Vorteile der Kryptowährung betonten, zeichnet sich mit der wachsenden Popularität von Bitcoin eine bisher wenig beachtete Herausforderung ab: der zunehmende Stromverbrauch und der damit einhergehende ökologische Fussabdruck.

Anders als konventionelle Währungen werden Bitcoin nicht von Banken in Umlauf gebracht, sondern müssen von sogenannten Mineuren geschürft werden. Dazu müssen die Mineure mit Computern extrem komplexe Rechenaufgaben lösen, die den Erhalt des dezentralen Währungssystems garantieren. Diese Aufgaben erfordern sehr viel Rechenleistung. Doch der Aufwand lohnt sich: Professionelle Mineure investieren Millionen in potente Hardware, um Bitcoin zu schürfen. Und mit dem rasanten Anstieg des Bitcoin-Kurses schiesst auch die Menge an Strom in die Höhe, die Mineure in ihre Arbeit investieren können, ohne dabei Verluste zu schreiben.

Kryptoanalyst Alex de Vries hat basierend auf aktuellen Preisen berechnet, dass der jährliche Energieverbrauch von Mineuren bei rund 24 Terawattstunden liegen dürfte – was beinahe dem jährlichen Energieverbrauch von Nigeria entspricht, einem Land mit 186 Millionen Einwohnern. Zum Vergleich: Die Schweiz verbraucht jährlich rund 62 Terawattstunden Energie.

Ein rasant wachsendes Umweltproblem

Demnach benötigt jede einzelne der rund 300'000 Bitcoin-Transaktionen, die täglich getätigt werden, rund 215 Kilowattstunden Strom. Das ist genug Saft, um eine Woche lang ein ganzes Einfamilienhaus zu versorgen, zwei Tesla-Batterien aufzuladen, 1872 Liter Wasser zu kochen, oder ein Jahr lang einen Kühlschrank ans Stromnetz anzuschliessen.

Im Vergleich zu herkömmlichen digitalen Zahlungssystemen, wie etwa Visa, verbraucht Bitcoin pro Transaktion rund 45-mal so viel Energie. De Vries sieht darin ein rasant wachsendes Umweltproblem. Er analysierte die Daten einer mit Kohle betriebenen Bitcoin-Mine in der Mongolei und kam dabei zum Schluss, dass die Rechenanlage pro geschürfter Bitcoin 8000 bis 13'000 Kilogramm CO2 in die Atmosphäre emittiert – oder 24'000 bis 40'000 Kilogramm pro Stunde.

Ein Twitter-Nutzer führte die Berechnungen von de Vries weiter und bemerkte, dass die mongolische Anlage pro Stunde in etwa gleich viel CO2 ausstösst wie eine 203'000 Kilometer lange Autofahrt mit einem europäischen Auto.

Der steigende Bitcoin-Kurs geht also Hand in Hand mit einem zunehmenden Stromverbrauch, was in vielen Teilen der Welt noch immer mit einer wachsenden CO2-Belastung einhergeht. Die auf Misstrauen basierte Blockchain-Technologie sei von Natur aus ineffizient, sagt Arian Sanusi vom Chaos Computer Club Zürich gegenüber DerBund.ch/Newsnet auf Anfrage. Da es in der Blockchain-Technologie keine zentrale Buchführung gibt, müssen sämtliche Mineure an allen Transaktionen mitrechnen und sämtliche Transaktionen in allen Benutzerkonten mitgeführt werden.

«Der Stromverbrauch kann nur verringert werden, wenn sich Bitcoin vom dezentralen Blockchain-Konzept verabschiedet.»Arian Sanusi, Chaos Computer Club Zürich

Aufgrund des stark angestiegenen Bitcoin-Kurses sei es jedoch unwahrscheinlich, dass sich Mineure aus dem Geschäft zurückziehen, dafür sei es momentan schlicht zu lukrativ, sagt Sanusi.

Bilder: Bitcoin könnte Weltreservewährung werden

In der Dezentralisierung des Handels, der wohl mächtigsten Errungenschaft der Kryptowährung, liegt gleichzeitig auch ihre grösste Herausforderung. Um ein funktionierendes, dezentrales und vor allem sicheres Zahlungssystem zu errichten, musste Bitcoin seinen Mitgliedern eine ineffiziente und – wie sich langsam herausstellt – auch umweltschädliche Buchhaltung auferlegen. Vor dem Hintergrund steigender Meeresspiegel und wütender Wirbelstürme scheint es angebracht, den ökologischen Fussabdruck von Bitcoin einmal kritisch zu hinterfragen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2017, 17:22 Uhr

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