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Der PollerDieses Virus ist Kindergarten

Werden wir das verfluchte Jahr 2020 noch vermissen? Und gibt es eigentlich kein anderes Thema? Eine Kolumne von Dieter Stamm.

Foto: PD
Ein Bild aus normalen Zeiten: Die Wiener Philharmoniker spielen ihr Neujahrskonzert im Grossen Musikvereinssaal zu Wien. 
Foto: PD

Am Neujahrstag, um die Mittagszeit, standen wir auf dem Balkon eines alten Freundes und blickten auf eine menschenleere Strasse von Bümpliz. Aus dem Innern der Wohnung hörte man die Musik der Wiener Philharmoniker, die ihr Neujahrskonzert gaben.

Mein Freund ballte die Faust und rief gegen den Himmel: «Hau ab, du verfluchtes Jahr 2020!»

Neben ihm stand Frieda, seine Mutter. Sie blickte mich an, und ich wusste, was sie meinte. Ihr Sohn focht hin und wieder ganz spezielle Kämpfe aus.

«Jaja, lacht nur über mich», sagte mein Freund, obschon niemand gelacht hatte. «Aber ich meine es todernst.»

«Das ist es ja», sagte Frieda. Ich nickte, wobei mir nicht ganz klar war, ob über das, was mein Freund gesagt hatte, oder über die Worte seiner Mutter.

Die Stimmung war ein wenig gereizt, weil mein Freund von seiner Mutter – wie jedes Jahr – verlangt hatte, mit dem Rauchen aufzuhören, und ich mich auf ihre Seite geschlagen hatte: Ich halte nichts von Neujahrsvorsätzen.

«Oder war das etwa ein gutes Jahr?», fragte mein Freund.

«Was meinst du?», fragte Frieda zurück.

Er blicke sie fassungslos an. «Corona, Grossmutter», sagte er tonlos. «Reicht das etwa nicht?»

Im November hatten wir den 95. Geburtstag seiner Grossmutter gefeiert, was für einen Zwist innerhalb der Familie gesorgt hatte, weil mein Freund der Meinung gewesen war, dass man das Fest hätte verschieben müssen: zu gefährlich, zudem mit mehr als zehn Personen verboten. Zwei Wochen später war sie tot.

«Na ja», erwiderte Frieda. «Das eine hat mit dem anderen ja nichts zu tun.» Womit sie recht hatte. Die Grossmutter war eines Abends eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. «Besser konnte sie nicht sterben», sagte sie, «zum Glück haben wir das Fest noch gemacht.» Sie steckte sich eine Zigarette an. «Es kann immer der letzte Spass sein.»

Die Philharmoniker spielten jetzt die honigsüsse Niko-Polka, und Frieda begann mit einem Fuss zu wippen. Schön war es.

«Und wer weiss, vielleicht wirst du dein verfluchtes Jahr noch vermissen», fügte sie hinzu.

«Wie meinst du das denn wieder?», fragte mein Freund genervt.

«Keine Ahnung», erwiderte sie. «Corona ist im Vergleich zur Pest ja Kindergarten. Wer weiss, vielleicht kommt dieses Jahr ein Käfer, der nicht nur für die Schwachen gefährlich ist.»

Mein Freund schüttelte verständnislos den Kopf. Es war Zeit zu schlichten. «Ihr habt beide recht», warf ich ein. «Das Schlimme ist immer relativ, aber das Relative macht es für die Betroffenen nie besser.»

Aber niemand reagierte auf meinen Beitrag, und Frieda war noch nicht fertig.

«Oder die Geimpften und die Nichtimpfer zerfleischen sich», fuhr sie fort. «Dann hat dieses Virus zwar kein Massaker angerichtet, aber ein noch viel besseres Ziel erreicht: die Spaltung der Gesellschaft.»

Wir blickten alle in den Himmel, als ob es dort etwas zu sehen gäbe, und schwiegen. Warum nur sprachen wir immer wieder von diesem einen? Nichts an diesem Himmel war anders als an einem anderen, beliebigen Neujahrstag.

Dann klang die Polka der Wiener Philharmoniker aus, und niemand applaudierte. Nichts war wie an einem anderen, beliebigen Neujahrstag.

Als der Verfasser nach dem Ende des Neujahrskonzerts die Wohnung verliess, nahm er sich einen Vorsatz: Er würde nicht mehr über Corona reden, geschweige denn schreiben.