«Dieser Autismus führt in die Sackgasse»

Swissmem-Präsident Hans Hess redet den Managern von kleinen und mittleren Unternehmen ins Gewissen. Die Firmen nutzten das Wissen nicht, das an den Hochschulen verfügbar wäre.

Die Schweizer Industrie: Beunruhigende Zahlen, noch immer. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Schweizer Industrie: Beunruhigende Zahlen, noch immer. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Rita Flubacher@tagesanzeiger

Die Meldungen aus der Industrie stimmen optimistisch: Der Schaffhauser Konzern Georg Fischer vermeldet eine Gewinnsteigerung um 14 Prozent. Noch schneller als der Umsatz wuchs der ­Betriebsgewinn. Und für dieses Jahr ­erwartet der Hersteller von Rohrleitungen, Autokomponenten und Hochpräzisionsmaschinen, dass sich die Geschäfte noch weiter verbessern.

Oerlikon ist in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt. Mit Blick auf das laufende Jahr erwartet der Industriekonzern einen Anstieg bei Auftragseingang und Umsatz.

Der Branchenverband Swissmem spricht davon, dass die Zukunftserwartungen seiner Mitglieder «recht optimistisch» sind. 49 Prozent der befragten Firmen würden 2017 mit zunehmenden Aufträgen aus dem Ausland rechnen. Wachstumsimpulse werden vor allem aus Deutschland, Nordamerika und China erwartet. Nur 14 Prozent befürchten einen Bestellungsrückgang, erklärte Swissmem-Direktor Peter Dietrich an der Jahres­medienkonferenz am Dienstag.

Deutliche Worte an die KMUs

Damit war der Vorrat an guten Nachrichten beim Branchenverband fast schon ausgeschöpft. Noch immer dominiert der Frankenschock das Denken der Verbandsvertreter und vieler seiner Mitglieder. Laut Umfrage schrieben 23 Prozent der Unternehmen 2016 einen Betriebsverlust. Bei weiteren 34 Prozent liegt die Betriebsgewinnmarge zwischen null und fünf Prozent. Bei diesen insgesamt 57 Prozent der Befragten reichen die Mittel nicht oder nicht in ausreichendem Masse aus, um «in die Zukunft zu investieren», wie sich Swissmem ausdrückt. «Diese Zahlen sind beunruhigend», kommentierte Swissmem-Präsident Hans Hess.

Bevor Hess jedoch seinen Forderungskatalog an die Politik stellte, redete er ­seinen Mitgliedern auf eher ungewohnte Weise ins Gewissen. Er ermutige die Unternehmen ausdrücklich, «die bestehenden Möglichkeiten des Wissens- und Technologietransfers besser zu nutzen». Dann wurde der Präsident deutlicher: Laut einer noch unveröffentlichten Studie der Uni St. Gallen erarbeiten nur 30 Prozent der Schweizer Industriebetriebe ihre Produkt- und Serviceinnovationen in Kooperation mit Hochschulen und Forschungsinstituten. Fast 40 Prozent der Firmen nutzten laut Hess das Wissen nicht, welches in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft vorhanden wäre.

«Im Zeitalter der Vernetzung, Digitalisierung und der Synergien, welche die Verschmelzung diverser wissenschaftlicher Disziplinen eröffnen, führt dieser Autismus in die Sackgasse», kritisierte der Präsident. ­Adressat seiner ungewohnt deutlichen Worte: die KMU. Für Swissmem ist das keine vernachlässigbare Klientel. Kleine und mittlere Unternehmen machen 86 Prozent der angeschlossenen Firmen aus. Der Autismus-Vorwurf wiegt besonders schwer, weil die Schweiz gerade ­wegen ihrer Hochschulen und Forschungsinstitute zu den innovativsten Ländern der Welt gehört.

Von der Hochschule zum KMU

Die Kritik von Hess könnte den Schluss nahelegen, dass der Ball bei den KMU liegen müsste. Doch gefehlt: Hess sieht den Weg umgekehrt. Die Innovationskraft müsse in die KMU-Wirtschaft hineingetragen werden. «Ich erwarte vom Staat keine Subventionen», sagte er zwar. Ob seine Forderung kostenneutral ist, bleibt abzuwarten. Der Bund müsse zusätzliche Massnahmen zur Innovationsförderung prüfen, um den Wissenstransfers von den Hochschulen in die KMU-Wirtschaft zu verbreitern.

Dass es KMU gibt, die diese und noch andere Herausforderungen allein meistern, zeigt das Beispiel der Solothurner Firma Agathon. Sie stellt Schleifmaschinen her sowie Stanzblöcke und Führungselemente. Abnehmer sind Auto­mobil-, Luft- und Raumfahrt, Windkraft-, Schienen- und Uhrenindustrie. 95 Prozent gehen in den Export, wie Michael Merkle an der Swissmem-Veranstaltung erklärt. 2015 hatte Merkle zusammen mit einem Agathon-Manager das Unternehmen von der Gründerfamilie erworben – just zu jenem Zeitpunkt, als die Nationalbank den Mindestkurs gegenüber dem Euro aufhob. Ein Stahlbad für die Firma und ihre neuen Besitzer, dem sie mit einem Bündel von Massnahmen ­begegneten.

Und heute? Die gesamte Produktion findet noch immer am Standort Bellach in der Nähe von Solothurn statt, wo 200 der 220 Angestellten arbeiten. Man befinde sich hier in einem Innovations-Cluster mit anderen Hightechfirmen, die Hochschulen in Ost und West seien gut erreichbar. Laut Merkle sei Agathon eines der ersten Unternehmen bei der Digitalisierung gewesen. «Verrückte Ideen kann man bei uns äussern und auch umsetzen.»

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