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Neue TestmethodeJeder zwanzigste Genfer war schon vom Coronavirus betroffen

Die erste Studie mit Bluttests in der Schweiz, erhoben bei 800 Genferinnen und Genfern, gibt entscheidende Hinweise zur Verbreitung der Epidemie.

Blut statt Abstrich: Die neue Methode zeigt überraschende Ergebnisse.
Blut statt Abstrich: Die neue Methode zeigt überraschende Ergebnisse.
Foto: Daniel Joubert (Reuters)

Seit Wochen versuchen Experten einzuschätzen, wie viele Menschen mit dem neuen Coronavirus infiziert sind. Heute liegt nun endlich eine allererste sogenannte serologische Studie in der Schweiz vor. Sie zeigt, dass sich in Genf schon ungefähr 5,5 Prozent der Bevölkerung angesteckt haben.

Das entspricht etwa 27000 Personen im Kanton. Und ist fast sechsmal mehr als die Anzahl Fälle, die bisher durch Labortests bestätigt worden sind. Gleichzeitig verdeutlicht das Resultat, dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung immer noch nicht betroffen war und dadurch weiterhin anfällig ist für das Virus. Auf der Grundlage der Daten aus Genf kann ferner geschätzt werden, dass in der gesamten Schweiz zwischen 100'000 und 200’00 Menschen bereits mit Sars CoV-2 infiziert waren.

Bluttest statt Abstrich

Bisher wurden Personen mit Symptomen getestet, mit einem Abstrich, der dann im Labor ausgewertet wurde. Im Gegensatz dazu weist die neue Testmethode spezifische Antikörper im Blut nach. Und zeigt so, ob die Person jemals von Covid-19 betroffen war oder nicht.

Der Vorteil liegt darin, dass der Test auch anschlägt, wenn die Person bereits seit mehreren Wochen geheilt ist. Und selbst dann, wenn sie nie wirklich typische Symptome entwickelt hat. Die Genfer Studie begann am 6. April 2020 und läuft noch bis Ende Mai, mit insgesamt 5600 Personen. Heute wurden aber bereits erste Ergebnisse veröffentlicht.

760 Menschen hatten die Genfer Universitätsspitäler zur Blutabnahme eingeladen. Die ersten Daten aus dieser repräsentativen Stichprobe zeigen jetzt also eine geschätzte Seroprävalenz in der Bevölkerung von 5,5 Prozent bei Erwachsenen und Kindern lag die Quote in etwa gleich hoch. Diese Zahl ist jedoch mit Vorsicht zu geniessen. Denn die Varianz, also die Spanne, in der das Resultat geschätzt wird, ist gross (3,3 bis 7,7 Prozent). Den Autoren der Studie zufolge «handelt es sich um eine Minimalschätzung, die wahrscheinlich mit zahlreichen Unsicherheiten verbunden ist». Insbesondere sei offen, welche Zeit es braucht, um eine Immunität zu entwickeln und die Dynamik der Epidemie einzuschätzen.

Bis zu 200 Tests pro Stunde

Ausserdem dauert es nach der Infektion zwei bis drei Wochen, bis man genügend Antikörper entwickelt hat, um sie mit diesen Tests nachzuweisen. So konnten die Genfer Forscher beobachten, wie die Zahl der Menschen mit Antikörpern während der zweiwöchigen Testphase zunahm. Daher erwarten sie nun, dass die Seroprävalenz in der Bevölkerung in den kommenden Wochen weiter steigt. Zudem zeigen die Resultate, dass man selbst im Kanton Genf, der stark von Covid-19 betroffen ist, noch weit von einer Herdenimmunität entfernt ist, bei welcher die Zahl bereits Infizierter die Ausbreitung des Virus stoppen würde.

Auch mehrere andere Kantone haben mittlerweile Studien aufgegleist, um die Seroprävalenz von Sars-CoV-2 in der Bevölkerung genau zu untersuchen. Nun dürften sie von Genf profitieren. Dort haben die Forscher eine Plattform aufgebaut, die 200 Tests pro Stunde ermöglicht.