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Corona-Fallzahlen steigen«Sehr besorgniserregend»

Die Schweiz gehört weltweit zu jenen Ländern mit der gegenwärtig schnellsten Steigung an Neuinfektionen mit dem Coronavirus – die zweite Welle ist da. Was Sie jetzt wissen müssen.

«Wir müssen die richtige Balance finden.» Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga verkündete am Mittwoch die Massnahmen des Bundesrats zur Prävention einer zweiten Welle des Coronavirus.
«Wir müssen die richtige Balance finden.» Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga verkündete am Mittwoch die Massnahmen des Bundesrats zur Prävention einer zweiten Welle des Coronavirus.
Foto: Anthony Anex (Keystone)

Das Ganze von vorn.

Vier Bundesräte auf einer Bühne, der Ton wieder getragen, besorgt, ernst. Wie damals, als es noch dunkel und kalt und März war.

«Wir können das Ende der Einschränkungen nur geniessen, wenn wir die richtige Balance finden», sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Eine Balance zwischen Vorsicht und Lockerheit, zwischen Vorschriften und Eigenverantwortung, zwischen Bund und Kantonen.

Das Coronavirus ist nicht verschwunden. Es meldet sich im Moment sogar recht deutlich wieder zurück. In der ganzen Schweiz wurden in den vergangenen 24 Stunden 137 Ansteckungen mit Covid-19 gemeldet es ist die erste dreistellige Ansteckungszahl seit langer Zeit. Die neuen Brennpunkte: Zürich, Aargau und St. Gallen.

«Es gibt Kantone mit null Fällen und andere mit ziemlich vielen.»

Bundesrat Alain Berset

Die Datenauswertung des Interaktiv-Teams von Tamedia zeigt: Die zweite Welle des Coronavirus hat in der Schweiz bereits Anfang Juni begonnen. Seit Monatsbeginn verzeichnete die Schweiz knapp 1000 neue bestätigte Fälle. Dabei hat sich das Wachstum der Fallzahlen in den letzten Tagen beschleunigt.

In den vergangenen sieben Tagen gab es in der Schweiz 473 neue Fälle, das sind 138 Prozent mehr als noch in der Vorwoche. Damit gehört die Schweiz weltweit zu jenen Ländern mit der schnellsten epidemiologischen Steigung an Neuinfektionen.

«Sehr besorgniserregend»

Deutlich gestiegen ist auch die Reproduktionszahl R, also die Anzahl Personen, die ein mit dem Coronavirus Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Diese Reproduktionszahl liegt seit Mitte Juni wieder signifikant über dem kritischen Wert von 1. Bei der letzten möglichen Schätzung am 22. Juni lag sie bei 1,66. Das bedeutet, dass 100 infizierte Personen im Durchschnitt 166 Personen anstecken. Gemäss Taskforce-Mitglied und ETH-Professorin Tanja Stadler ist diese Entwicklung «sehr besorgniserregend».

Beim Bundesamt für Gesundheit ist von dieser Besorgnis noch nicht viel zu spüren. Stefan Kuster, der Nachfolger von Daniel Koch beim BAG, antwortete auf die Frage, wie er die epidemiologische Lage mit über 100 Fällen einschätzt, so: «Wir beobachten diese Zahlen mit Argusaugen und stellen diesen Anstieg fest.» Die Zahlen müssten immer in Relation mit der Anzahl Tests angesehen werden. Der Anteil positiver Tests sei immer noch sehr klein. «Aber es ist klar, es braucht diese Beobachtung über einen gewissen Zeitraum, um diesen Trend beurteilen zu können.»

Auch Alain Berset warnte vor einer zu hohen Gewichtung der täglichen Fallzahlen auf nationaler Ebene. «Es gibt Kantone mit null Fällen und andere mit ziemlich vielen.»

Ein Hin und Her

Die Aussage des Gesundheitsministers erinnerte an seinen Auftritt vom Montag, als er gemeinsam mit dem Basler Regierungsrat Lukas Engelberger, Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz, auf dem Podium sass. Dabei ging es zuerst um das Kompetenzgerangel zwischen Bund und Kantonen nach Beendigung der ausserordentlichen Lage und erst danach um die epidemiologische Situation. Engelberger wünschte sich eine nationale Maskenpflicht. Berset sprach vom Föderalismus und übergab die Verantwortung demonstrativ den Kantonen.

Der Auftritt hatte Konsequenzen. Wissenschaftler forderten demonstrativ und lautstark eine Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr. Die Kantone Bern und Genf wollten diesen Mittwoch eine regionale Maskenpflicht beschliessen, und schliesslich wurde auch der Druck der Medien grösser. «Die Dynamik ist unübersehbar», sagte Engelberger am Dienstag.

«Mit der Maske schützen wir uns selber und unsere Mitmenschen.»

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga

Und so ist von der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen bereits wieder nichts mehr zu spüren auch wenn Gesundheitsminister Alain Berset sagt: «Das Wichtigste ist, dass die Kantone das Virus unter dem Deckel halten.» In Sachen Masken übernimmt nun wieder der Bund. «Wir haben beschlossen, die Prävention zu stärken. Dazu gehört eine Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr», sagte Bundespräsidentin Sommaruga. «Mit der Maske schützen wir uns selber und unsere Mitmenschen.»

Die Pflicht gilt erst ab nächstem Montag bis dahin will der Bundesrat die entsprechende Verordnung formalisieren und mit den verschiedenen Akteuren im öffentlichen Verkehr das Gespräch suchen. Bereits klar sind die Regeln, die ab Montag gelten.

Kritische Fragen: Lieber nicht

Selbst das Factsheet in der Maskenfrage umweht den Hauch einer Verwedelung. Und auch der Bundesrat machte an der Pressekonferenz den Eindruck, dass ihm nicht nach kritischen Fragen war. Er wich ihnen eher aus. Ob die Lockerungen vielleicht zu früh waren? Ob der Bundesrat nicht besser auf die wissenschaftliche Taskforce hätte hören sollen, die vor zu weitgehenden Öffnungen gewarnt hatte?

«Wir hören vielen Leuten zu», antwortete Bundesrat Alain Berset auf die Frage, hörbar genervt. «Am Schluss machen wir eine politische Synthese. Wir regieren ein Land. Wir müssen Entscheide fällen. Es gibt am Ende keine absolute Sicherheit, dass es funktioniert.»