Kirchenpräsidium: Keine Richtungswahl

Ums Präsidium der Schweizer Reformierten kämpfen zwei valable Kandidaten: ein Mann, eine Frau.

Die reformierte Kirche muss sich ein unverwechselbares Profil geben. Foto: Keystone

Die reformierte Kirche muss sich ein unverwechselbares Profil geben. Foto: Keystone

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Am 17. Juni kommt es zur Kampfwahl ums nationale Spitzenamt der Reformierten. Das ist gut so, weil es die Kirche belebt und ihr die Möglichkeit gibt, zwischen zwei valablen Kandidaten zu wählen: dem bisherigen Ratspräsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds, dem Berner Pfarrer Gottfried Locher, und der Zürcher Pfarrerin Rita Famos.

Die Gegenkandidatin ist keine Alibifrau: Sie hat breite Erfahrung in der Seelsorge, in Personal­führung und in der Exekutive. Ihre Theologie gilt als konventionell und solide. Die Kandidatur kam aber zu kurzfristig, um ihre Ziele als Kirchenbunds-Präsidentin bekannt zu machen.

Doch war die Zeit noch nie so reif, eine Frau in ein kirchliches Spitzenamt zu wählen. Man nennt das Kairos, den günstigen Zeitpunkt. Die reformierte Kirche, die schon vor hundert Jahren die Frauenordination eingeführt hat, verdient endlich auch eine Frau als Leaderin. Das ist noch immer alles andere als selbstverständlich. Erst seit kurzem gibt es in den anglikanischen Kirchen Bischöfinnen, in den evangelischen Kirchen Deutschlands und Skandinaviens schon etwas länger. Die berühmteste, Margot Kässmann, leitete kurze Zeit die Evangelische Kirche Deutschlands, ehe eine Alkoholfahrt sie das Amt kostete.

Die Männerherrschaft der Religionen

Famos hätte das Zeug, länger einer nationalen Kirche vorzustehen. Damit würde sie den katholischen und orthodoxen Schwesterkirchen und natürlich der muslimischen Gemeinschaft zeigen, dass geistliche Führung nicht gottgegeben männlich ist. Ein kaum zu überschätzendes Zeichen: Es stellt die Männerherrschaft der monotheistischen Religionen infrage.

Es ist aber falsch, mit der «guten Frau» den «bösen Mann» auszuspielen, wie es einige Feministinnen tun. Gottfried Locher darf man nicht abschreiben. Dass er jetzt auf jahrealte Aussagen zu «befriedigten Männern» und zur «Feminisierung der Kirche» behaftet wird, riecht stark nach Kampagne.

Locher hat sich inzwischen für die «unglücklichen Aussagen» entschuldigt. Doch der eigenständig denkende Pfarrer hat auch sonst nicht immer das gesagt, was der politisch korrekte Mainstream von ihm erwartet. Er hat sich für ein Burkaverbot ausgesprochen oder für eine bischöflich verfasste Kirche. Dass ihm «Die Zeit» seinen – in hiesigen kirchlichen Exekutiven durchaus üblichen – Lohn samt Spesen vorhält, ist unbedarft.

«Die Volkskirche wird kleiner, älter und ärmer.»

Gewiss: Der Berner Theologe ist eine elegante Erscheinung, wohnt repräsentativ und kommt aus gutem Hause. Locher ist kein Pfarrer Sieber. Ein solcher würde auch nicht in das repräsentative Amt des Ratspräsidenten passen. Dort wäre die ständige Berufung auf Gottes Nähe und Zuspruch nach evangelikaler Manier fehl am Platz. Dort braucht es eine akademisch-reflektierte Person, die wie Locher intelligent argumentieren und auch Kritik und Desinteresse aus dem säkularen Umfeld abfangen kann.

Beide Kandidaten müssten den Glauben in schwieriger Zeit plausibel machen: Die Volkskirche von einst wird kleiner, ärmer und älter. Als Minderheitenkirche muss sie sich ein unverwechselbares Profil geben, ohne sich von den Strukturreformen Geist und Inhalte schmälern zu lassen. Darum will der Kirchenbund vom Dachverband selber zur Kirche werden.

Eine emanzipierte, moderne Frau

Wer ist diesem Strukturwandel besser gewachsen: Locher oder Famos? Am Sonntag entscheidet die 70-köpfige Abgeordnetenversammlung. Eine Richtungswahl aber ist es nicht: Beide Kandidaten sind bürgerlich (Famos’ Mann sitzt für die FDP im Ustermer Stadtrat), gebildet, erfahren auch im Pfarramt.

Famos nennt sich eine emanzipierte, moderne Frau, ist aber keine Vertreterin des links-feministischen Lagers. Eine solche hätte als Ratspräsidentin auch keine Chance. Betont Locher mehr das Bischöfliche an seinem Amt, gibt sich Famos stärker als Teamplayerin. Trotzdem ist auch sie mit dem Machtinstinkt ausgestattet, den es selbst in einer postpatriarchalen Kirche braucht, um ganz nach oben zu kommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 23:12 Uhr

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