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Kommentar zur KonzernverantwortungDie Wirtschaft hat ein gröberes Problem

Das Vertrauen in die Konzerne ist erschreckend klein. Trotz Nein zur Initiative müssen sie in mehr Goodwill investieren. Aber auch die Hilfswerke haben Grund zur Selbstkritik.

Die Kampagne zur Konzernverantwortungsinitiative war beispiellos: Plakate in Bern.
Die Kampagne zur Konzernverantwortungsinitiative war beispiellos: Plakate in Bern.
Foto: Anthony Anex (Keystone)

Dass eine Initiative, die Schweizer Unternehmen zu ethischem Handeln draussen in der Welt zwingen will, beim Stimmvolk eine Mehrheit findet und nur am Ständemehr scheitert, das ist eine Sensation. Bisher genügte es, vor Verlust von Arbeitsplätzen zu warnenund schon blieben Volksbegehren mit globaler Perspektive ohne jede Chance.

Ob Ökologie, wirtschaftliche Fairness, gesellschaftspolitische Liberalisierung: Was einst vor allem Grüne, Linke und Linksliberale umtrieb, wird zum Anliegen breiterer Bevölkerungsgruppen. Die Schweiz ist gerade dabei, sich zu verändern. Will die Wirtschaft nicht immer wieder kollektiv am Pranger stehen, muss sie nach diesem Abstimmungssonntag in den Spiegel schauen.

Der Graben zwischen KMU und internationalen Grosskonzernen ist tief, zwischen Gewerbeverband und Economiesuisse liegen Welten. Trotz heterogener Interessen müssen sich die Spitzenverbände wieder einig werden, welches in der Welt von heute die Erfolgsfaktoren des Wirtschaftsstandorts Schweiz sind – und geschlossen und glaubwürdig für diese einstehen. Mehr Sensibilität dafür, dass sich die Erwartungen an die Unternehmen ändern und in der direkten Demokratie ein guter Draht zum Volk trotz Globalisierung entscheidend bleibt, wäre ein Anfang.

Es wäre fahrlässig, wenn die Konzerne ihren Abstimmungssieg missverstünden.

Besonders fahrlässig wäre es, wenn die betroffenen Konzerne den Abstimmungssieg missverstünden – und jetzt, wo der Scheinwerfer nicht mehr voll auf sie gerichtet ist, ihre Bekenntnisse zu Menschenrechten und Umweltschutz schon nicht mehr zählten. Das käme Verrat an Bundesrat und Parlament gleich, die es dabei bewenden liessen, die Unternehmen mit einem Gegenvorschlag bloss zur regelmässigen Berichterstattung zu verpflichten.

Solch liberale Bestimmungen bedingen, dass auch die gut vernetzten Hilfswerke, Umwelt- und Menschenrechtslobbys hartnäckig am Ball bleiben. Also den Druck hochhalten, damit die Unternehmen für Transparenz sorgen und ihre Versprechen einlösen. Versäumnisse benennen und anprangern, das bleibt eine wichtige Waffe im Kampf für Menschenrechte und Umweltschutz.

In ihre Glaubwürdigkeit müssen aber auch die Hilfswerke investieren. Im Abstimmungskampf haben sie übertrieben: mit manipulierten Bildern ebenso wie mit einem Diskurs, der die Gegner der Initiative pauschal zu schlechten Menschen machte. Das aggressive Moralisieren hat verschreckt und womöglich Stimmen gekostet. Hoffentlich sinkt jetzt bei den Hilfswerken die Temperatur rasch wieder. Mit kühlem Kopf lässt sich wirksamer für eine gute Sache kämpfen.

5 Kommentare
    Reto Hardegger

    Langsam begreifen die Bürger, dass in der Schweiz die Lobbies von Konzernen (nicht von KMUs, sondern von Versicherungen, internationalen Konzerne, KK, Banken) und Verwaltungen die Gesetze machen und die Politiker nur Befehlsempfänger sind. Die Bevölkerung selbst hat gar keine Interessenvertreter mehr.

    Die nächste solche Initiative kommt durch.