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Corona-Krise in den USADie Wiederwahl prägt Trumps Corona-Politik

US-Präsident Donald Trump nimmt für die Wiederbelebung der Konjunktur einen Anstieg der Zahl der Toten in Kauf. Besonders die kleinen Leuten bezahlen den hohen Preis. Was ihn interessiert: seine Wiederwahl.

Donald Trump hält laut Webportal Axios die Anzahl der Corona-Toten für zu hoch.
Donald Trump hält laut Webportal Axios die Anzahl der Corona-Toten für zu hoch.
Foto: Alex Brandon/Keystone

Die Amerikaner, verlangte Donald Trump, sollten sich «als Krieger verstehen» bei der Abwehr des Coronavirus. Im Krieg gibt es natürlich Verluste, vor allem, wenn sich Inkompetenz mit leichtsinnigen und auf vorschnelle Erfolge bedachten Strategien paart. Weil die Präsidentschaftswahl naht und der Amtsinhaber auf eine robuste Erholung der Wirtschaft setzt, wird nun überall im Land gelockert.

Die Fachleute warnen, es gehe zu schnell. Denn die Infektionszahlen steigen in vielen Bundesstaaten. Werden die sinkenden Raten in New York, New Orleans und Detroit ausgeklammert, sieht es nicht sonderlich gut aus an der Front. Das aber hat die Washingtoner Regierung mitsamt manchen Gouverneuren nicht daran gehindert, eine schnelle Rückkehr zur Normalität anzustreben. Neue Richtlinien der US-Gesundheitsbehörde CDC zur Lockerung der Wirtschaft gingen dem Weissen Haus zu weit, weil sie Auflagen und Einschränkungen verlangten. Auf Anordnung von ganz oben sollen sie verwässert werden.

Der Krieg gegen das Virus, so scheint es, wird mit Knallerbsen und Luftgewehren geführt, um den Gesundheitszustand des wichtigsten Patienten, der Wirtschaft, ja nicht zu verschlechtern. Man muss dem Präsidenten zugutehalten, dass er keine Illusionen hat. Es sei «durchaus vorstellbar», dass die Wiederbelebung der Konjunktur die Zahl der Toten weiter erhöhen werde. Aber mehr als 30 Millionen neue Arbeitslose sowie der nahende Urnengang lassen ihm keine andere Wahl, glaubt Trump.

Präsident bezweifelt Corona-Todeszahlen

Vielleicht gibt es ja auch weniger Kriegsopfer als gedacht: Laut dem Webportal Axios bezweifelt der Präsident die Corona-Todeszahlen. Er hält sie für zu hoch. Die Krankenhäuser übertrieben, meint er. Im Vietnamkrieg lieferten amerikanische Geheimdienste und Militärs unwahre, weil zu hohe Zahlen getöteter Vietcong und Nordvietnamesen. Jetzt sind es amerikanische Hospitäler, die angeblich Falschmeldungen liefern. Wahrscheinlich sind ihre Angaben eher zu niedrig als zu hoch.

Zu viele Tote sind unerwünscht, denn der Erfolg im Kampf gegen das Virus wird auch an den Opferzahlen gemessen. Mal waren 50’000 tote Amerikaner ein Erfolg, dann 60’000. Inzwischen liegt die Messlatte im Millionenbereich. «Es sollte 2,2 Millionen Tote geben, jetzt sind es wesentlich weniger dank der grossartigen Arbeit der Coronavirus-Taskforce und der Führungsqualitäten von Präsident Trump», sagte unlängst Präsidentensprecherin Kayleigh McEnany.

Am Donnerstag überstieg die Zahl der Toten 75’000, ungefähr so viele Menschen, wie in der Stadt Canton in Ohio leben. Schlechte Prognosen aber sind in diesem Krieg unerwünscht: Nur Stunden, nachdem Arizonas republikanischer Gouverneur Doug Ducey angekündigt hatte, der Staat bewege sich «in die richtige Richtung», wurden Gesundheitsexperten der University of Arizona und der Arizona State University von Duceys Gesundheitsbehörde mundtot gemacht. Im Auftrag der Gesundheitsbehörde des Staates hatten sie einen Anstieg der Infektionen prophezeit und sich damit des Defätismus schuldig gemacht.

Grosse Opfer von kleinen Leuten

Egal, ob die Infektionsraten steigen oder konstant bleiben: Im amerikanischen Seuchenkapitalismus muss seine Haut zu Markte tragen, wer Einkommen und Brot will. Das Risiko, krank zu werden, muss eingegangen werden. Weigern sich Arbeiter, an die Fliessbänder durchseuchter Grossschlachtereien im Mittleren Westen zurückzukehren, sollen sie kein Arbeitslosengeld erhalten. Das Land braucht Hamburger und Steaks, weshalb der Präsident die Fleischindustrie als systemrevelant eingestuft hat. Ihre Arbeiter sind zu Tausenden infiziert.

Es sind die kleinen Leute, denen die grössten Opfer abverlangt werden: Busfahrer und Krankenschwestern, Auslieferer und Lagerarbeiter, Polizisten, Reinigungskräfte und Verkaufspersonal. Gemeinnützige Organisationen melden, dass Hunger zu einem Problem wird. Vor den Tafeln im Land bilden sich kilometerlange Autoschlangen.

Über mehr als zwei Jahrhunderte hätten die Vereinigten Staaten beim Rest der Welt «eine breite Palette von Gefühlen ausgelöst - Liebe und Hass, Furcht und Hoffnung, Neid und Verachtung, Ehrfurcht und Zorn», schrieb der irische Journalist und Essayist Fintan O’Toole neulich in der «Irish Times». «Aber es gibt eine neue Emotion, die bisher noch nie gegenüber den USA empfunden wurde: Mitleid», so O’Toole.