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Tatendrang am Jazzfestival Bern«Die Unsicherheit gehört zur neuen Veranstalter-Realität»

Das Jazzfestival Bern sollte im März starten – am Tag, als die Schweiz in Quarantäne geschickt wurde. Ab dem 29. September wird es nun über die Bühne gehen. Veranstalter Benny Zurbrügg über die Schwierigkeiten und den Antrieb, einen solchen Anlass zu stemmen.

«Jemand muss doch den Versuch wagen, wieder internationale Festivals zu organisieren»: Benny Zurbrügg, Leiter des Jazzfestivals Bern.
«Jemand muss doch den Versuch wagen, wieder internationale Festivals zu organisieren»: Benny Zurbrügg, Leiter des Jazzfestivals Bern.
Foto: Raphael Moser

Nachdem das Jazzfestival Bern im März den Corona-Massnahmen zum Opfer gefallen ist, gibts nun einen zweiten Versuch. Klappt es diesmal?

Von unserer Seite her ja. Es kann jedoch immer passieren, dass heute geltende Massnahmen von den Behörden angepasst werden. Aber diese Unsicherheit gehört nun wohl zur neuen Veranstalter-Realität.

Deswegen traut sich ja auch kaum ein Veranstalter, grössere internationale Festivals zu organisieren. Warum tun Sie es trotzdem?

Ganz einfach: Wir sind Veranstalter, nicht Absager. Es gibt unter Kulturschaffenden einen sonderbaren Zukunftsoptimismus, dass nächstes Jahr alles besser werden wird. Den teile ich nicht. Ich denke, die Situation mit dem Virus wird uns länger umtreiben. Wir werden lernen müssen, damit umzugehen. Für uns Veranstalter heisst das, dass wir den Mut aufbringen müssen, wieder aktiv zu werden. Sonst warten wir womöglich ewig.

«Es gibt keine Erfahrungswerte mehr, als Veranstalter tastet man sich durchs Ungewisse.»

Benny Zurbrügg

Was sind derzeit die grössten Veranstalter-Probleme?

Ich bin nun seit 25 Jahren in die Organisation dieses Festivals involviert. Dieses Jahr habe ich das Gefühl, diesen Job zum ersten Mal zu machen. Es gibt keine Erfahrungswerte mehr, man tastet sich durchs Ungewisse. Man hat mit Ansprechpartnern zu tun, die man zuvor nicht kannte, man muss sich Infos beschaffen wegen Visa und Passierscheinen, länderspezifische Quarantäne-Richtlinien, Flugmöglichkeiten, Sicherheitsvorgaben und so weiter. Dort, wo meine Arbeit für das Festival normalerweise beginnt, dort bin ich heute noch nicht.

Sie setzen traditionell vornehmlich auf amerikanischen Jazz. Wie gross ist derzeit die Verzweiflung der dortigen Musikerinnen und Musiker? Sind sie reisewillig?

Das ist sehr unterschiedlich. Die Situation für Jazzmusiker in den USA ist prekär. Es gibt kaum Unterstützung, die Jazz Foundation of America sucht verzweifelt nach Gönnern, um den Musikschaffenden zu helfen. Jene, die sich einen gewissen Wohlstand erspielt haben, haben alle Konzerte abgesagt, jene, die kaum Reserven haben, sind eher bereit, zu reisen. Andere haben Angst vor einer Ansteckung, weil sie einer Risikogruppe angehören. Doch die meisten waren froh zu erfahren, dass es irgendwo in der Schweiz noch einen Veranstalter gibt, der sein Festival durchziehen will.

Mittlerweile gilt die Schweiz in vielen Ländern als Hochrisiko-Land. Könnte es sein, dass die Musiker nach der Einreise in ihre Heimatländer in Quarantäne gesteckt werden?

In England ist dem beispielsweise so. Der Bassist von Monty Alexander, der von dort einreist, hat uns gesagt, dass er die Quarantäne in Kauf nimmt. Anderswo auftreten kann er ohnehin nicht. Wie gesagt: Als Veranstalter muss man von Woche zu Woche schauen, wie sich die Situation entwickelt.

Hand aufs Herz: Glauben Sie, dass alle affichierten Künstler den Weg nach Bern schaffen werden?

Ich hoffe natürlich, dass alle kommen werden. Ich bin bei einigen noch daran, Überzeugungsarbeit zu leisten. Doch die ersten Festivalwochen sind fix. Ausfälle würden wir adäquat ersetzen.

Haben Sie für das verschobene Festival im März eigentlich eine Ausfallentschädigung erhalten?

Ja, und die Hilfe kam wirklich rasch. Ohne das wäre es nicht möglich gewesen, in irgendeiner Form weiterzufahren.

«Die Situation für Jazzmusiker in den USA ist prekär. Es gibt kaum Unterstützung.»

Benny Zurbrügg

Die Eingabefrist für weitere Hilfsmassnahmen läuft Ende September aus. Für den neuerlichen Festival-Effort gibt es also keine Absicherung mehr?

Das ist so. Doch jemand muss doch den Versuch wagen, wieder internationale Festivals zu organisieren. Totale Planungssicherheit wird es bis auf weiteres nicht mehr geben.

Wie gedenken Sie, Ihr Publikum zu schützen?

Da wir im Club die Sicherheitsabstände nicht einhalten können, setzen wir auf Maskenpflicht und die Erhebung der Kontaktdaten. Essen und trinken ist nur zwischen den Konzerten möglich, und wir schauen, dass an kleineren Tischen nicht verschiedene Gruppen sitzen.

Wer wird im Festivalzelt spielen?

Die Hochschule der Künste Bern wird für die ganzen zehn Wochen ein Programm ausschliesslich mit Studierenden zusammenstellen. Wir wollen dem Berner Jazznachwuchs eine Plattform bieten.

Laut einer Studie des Bundesamts für Kultur will ein Drittel der Schweizer erst wieder kulturelle Veranstaltungen besuchen, nachdem die Corona-Krise vorbei ist. Gibt das zu denken?

Ich hoffe natürlich, dass unser Publikum zu den anderen zwei Dritteln gehört. Niemand weiss, wann diese Krise endgültig vorbei ist. Wenn man sich bis dann zu Hause einsperrt, wird man unter Umständen danach keine Lokale mehr vorfinden, die man besuchen könnte.

Das 45. Jazzfestival Bern im Marians Jazzroom startet am Dienstag, 29. September, und endet am 5. Dezember. Das stets aktualisierte Programm finden Sie hier.

1 Kommentar
    Rolf Helbling

    Darauf habe ich mich ja so gefreut, eigentlich, aber mit Maske besuche ich keine Veranstaltungen, so leid es mir tut.

    Warum im Jazzroom strengere Regeln gelten sollen als im Restaurant einen Stock höher (oder jedem anderen Restaurant oder Club) leuchtet mir jetzt nicht so ganz ein...