Die unmoralische Anstalt

Auch Film und Theater, die doch für das Schöne, Gute, Wahre stehen sollen, sind nicht vor Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen gefeit.

Szene aus «Onkel Wanja» von Matthias Hartmann am Burgtheater Wien; in der Inszenierung wirkten mehrere Schauspieler mit, die den viel diskutierten Offenen Brief über Hartmanns Stil unterzeichneten. Foto: Werner Reinhard

Szene aus «Onkel Wanja» von Matthias Hartmann am Burgtheater Wien; in der Inszenierung wirkten mehrere Schauspieler mit, die den viel diskutierten Offenen Brief über Hartmanns Stil unterzeichneten. Foto: Werner Reinhard

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Bei Brecht heissts ja über das Elend der Armen: «Man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.» Jetzt hat sich gezeigt: Selbst die im Licht hat man lange nicht richtig gesehen – die im Scheinwerferlicht der Filmstudios genauso wenig wie die im Rampenlicht der Bühnen. Ausgerechnet! Das Leid, die Erniedrigungen derer, die doch wider Unterdrückung und für eine bessere Welt auf den Brettern stehen, wurden oft als «Business as usual» ausgeblendet.

Friedrich Schiller, um den alten Idealisten zu bemühen, hatte das Theater ja als Instrument zur Zuschauer-Veredelung, als moralische Anstalt gefeiert, in der in den schönsten Momenten die Menschen «durch eine allwebende Sympathie verbrüdert» würden. Dass mit der angestrebten Veredelung des Publikums die Verunmenschlichung des Betriebs, die Verunedelung seiner Entscheidungsträger einherging, interessierte ihn weniger. Schauspielerinnen im 18. Jahrhundert hatten wenig zu lachen. Im Namen von Kunst einerseits und Betriebslogik anderseits hat das klassische Ensembletheater dem Machtmissbrauch Tür und Tor geöffnet.

Nun ist es nicht dasselbe, ob bei einer Theaterprobe sexistische Witze fallen, wie das bei Intendant Matthias Hartmann (Schauspielhaus Zürich, Burgtheater Wien) geschah, oder ob es um Vergewaltigung geht wie bei Filmregisseur Dieter Wedel. In beiden Fällen freilich fand ein Machtmissbrauch statt, über den jeder Bescheid wusste, die meisten aber hinwegsahen.

Erschrecken und Scham

So drücken in einem eben publizierten offenen Brief Mitarbeiter des Wiener Burgtheaters Erschrecken und Scham darüber aus, derart lange geschwiegen zu haben. Und dies nicht nur über Hartmanns Verfehlungen, sondern über die systemimmanente Gefahr des Missbrauchs im Theater. Man wolle Hartmann nicht als einzigen Missetäter unter fairen Künstler brandmarken, halten sie fest. «Viele Regisseure und Regisseurinnen» verwendeten die Demütigung als «probates Mittel», das «durch das ‹eigene künstlerische Genie› entschuldigt» sei.

Die Burg-Leute sehen ein wesentliches Problem in der Personalunion von Regisseur und Intendant. Sie bedeute, dass die Person, mit der man sich im künstlerischen Prozess auf Augenhöhe auseinandersetzen solle, zugleich die sei, die über Rollenbesetzungen entscheiden und Kündigungen aussprechen könne: eine Crux, zu der sich Barbara Frey, Intendantin-Regisseurin am Schauspielhaus, derzeit aufgrund von Probenstress nicht äussert. Generell, so sagen nicht nur die Wiener, sei in der Gruppendynamik einer Inszenierung persönliche Grenzziehung «fragil und schwer zu fassen». Die «Zeit» spricht vom Phänomen der Inszenierungs-Familie, die sich während der Proben herausbilden könne und in welcher der schlechte Charakter des «Vaters» als Bedingung überlegener Kreativität verkauft werde.

Wann ist eine Berührung ein Übergriff?

Von solchen Schwierigkeiten berichtete Katharina von Bock in dieser Zeitung: Wann etwa ist eine Pointe kein Jux mehr, sondern ein ahndenswerter Angriff, wo doch in jedem Witz ein Tick Aggression steckt? Wann ist eine Berührung ein Übergriff, wo gerade am Theater Körpersprache und körperliche Nähe vom Bühnenkuss bis zum Speichelregen quasi zum Jobprofil gehören? Sind die Leute wachsamer geworden – oder schlicht hysterisch?

Drei berühmte Catherines – die Deneuve, die Robbe-Grillet und die Millet – verurteilen die «Exzesse» der #MeToo-Bewegung. Ist der sensible Blick auf den nicht härtefreien Theateralltag so ein Exzess? Auf keinen Fall! Damit verdammen wir aber nicht grundsätzlich jedes Machtgefälle am Theater. Auch egalitäre Mitbestimmungsmodelle haben grosse Konfliktpotenziale, wie neulich etwa Regisseur Peter Stein sagte. Doch eine strukturelle Notbremse ist zu wünschen; vielleicht auch die reguläre Einrichtung einer unabhängigen Stelle für Theaterangestellte in Not – die es hierzulande auch an kleineren Theatern gegeben hat.

«Wir begreifen Theater als gesellschaftliches, unterhaltendes und bildendes Reflexionsmedium», formulierten die Theaterleute in Wien: Das muss nach innen wie nach aussen gelten, «allwebend» sozusagen. Regieführende werden in einer Inszenierung, für die am Ende sie geradestehen, das letzte Wort sprechen dürfen – und müssen. Aber ob dieses Wort konstruktiv oder im destruktiven Hartmann-Stil entwickelt und geäussert wird, macht den Unterschied. C’est le ton qui fait la musique: Wer wüsste das besser als die Künstler?

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