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Kunst in den BergenDie Schmetterlinge fliegen wieder

Lange war das Wandbild des Künstlers Alex Walter Diggelmann im Bahnhof Mürren von einem Werbeplakat verdeckt. Jetzt wurde es von einer Gruppe prominenter Mürren-Fans wieder sichtbar gemacht.

Die Befreier und ihre Helfer: Tom Kummer (3 v. links), Hans Hoppeler (Mitte), Peter und Gisela Vollmer (3./4. von rechts). F
Die Befreier und ihre Helfer: Tom Kummer (3 v. links), Hans Hoppeler (Mitte), Peter und Gisela Vollmer (3./4. von rechts). F
zvg

Der Wachtchef des Polizeipostens Lauterbrunnen begab sich höchstpersönlich hinauf nach Mürren für einen Augenschein. Das gibt es ja nicht aller Tage, wird sich Konrad Suter vielleicht gesagt haben: Die «Befreiung» eines in Vergessenheit geratenen Wandbilds durch eine Gruppe durchaus honoriger Personen. Der Betriebsleiter der Bergbahn Lauterbrunnen-Mürren (BLM) hatte den Polizisten vorgängig telefonisch informiert, dass eine Gruppe im Bahnhof am vergangenen Sonntag eigenmächtig eine Werbetafel der Jungfraubahn («Top of Europe») demontiert habe. Ziel dieser Aktion: das seit 12 Jahren darunterliegende Wandbild des in Unterseen bei Interlaken geborenen Künstlers und Grafikers Alex Walter Diggelmann (1902–1987) wieder sichtbar zu machen.

Diggelmann ist einer der bekanntesten Schweizer Gebrauchsgrafiker des 20. Jahrhunderts; er entwarf unter anderem die bis heute vergebenen Medaillen bei Ski-Weltmeisterschaften und gestaltete in poppigen Farben und mit expressionistischen Perspektiven zahllose Sport- und Tourismusplakate für Schweizer Winterdestinationen. 1936 wurde er an den Olympischen Spielen in Berlin – angewandte Kunst war damals noch olympisch – gar mit einer Goldmedaille prämiert. 1931 schuf er auch das erste Plakat für eine Ski-Weltmeisterschaft, die in Mürren stattfand.

Zurück in die Gegenwart: In einer Pressemitteilung hatte sich «eine kleine Gruppe von Mürren-Fans und Kunstliebhaber» zur Befreiungsaktion bekannt– darunter der Berner Schriftsteller Tom Kummer («Von schlechten Eltern»), Alt-SP-Nationalrat Peter Vollmer und seine Frau Gisela sowie der emeritierte Berner Medizinprofessor Hans Hoppeler; allesamt sind sie Mürren seit vielen Jahrzehnten verbunden. Vollmer und seine Frau gehörten 2014 zu einer Gruppe, die das Belle-Epoque-Hotel Regina kauften und so den Weiterbetrieb sicherstellten.

Kein Verständnis für den «Streich»

Kantonspolizist Konrad Suter stiess am Tatort auf das freigelegte Wandbild über dem Warteraum, eine bunte Meditation in Blumen, Schmetterlingen und Schneeflocken. «Entstanden ist dieses kleine Wunder im Jahr 1966», heisst es in der Medienmitteilung, «es war die Zeit von Flower-Power – das heute wieder aktuelle Bewusstsein der Blumenkinder drückt durch». Die Täterschaft blieb friedlich und liess sich nicht zu Sachbeschädigungen hinreissen: An der angrenzenden Wand konnte der Gesetzeshüter das sorgfältig abmontierte Werbeplakat der Jungfraubahn sicherstellen.

Der BLM-Betriebsleiter war indes gar nicht amüsiert und hielt im Namen seines Arbeitgebers fest, dass die Geschäftsleitung der Jungfraubahn Holding AG absolut nicht einverstanden sei mit diesem Vorgehen. Die Geschäftsleitung habe nie ihr Einverständnis zu dieser Aktion gegeben. Eine Strafanzeige wegen Sachbeschädigung behalte man sich deshalb vor. Kathrin Nägeli, die Medienverantwortliche der Jungfraubahn Holding, bestätigt dies auf Anfrage: «Wir sind der Ansicht, dass dieses Vorgehen geahndet werden sollte.» Die rechtliche Qualifikation dieses «Streichs» obliege den Behörden. Die Jungfraubahn-Holding beharrt darauf, dass die ursprüngliche Situation vor der Demontage wieder hergestellt wird. «Die Kosten muss die Täterschaft tragen», sagt Kathrin Nägeli.

«Es geht um ein Lebensgefühl»

Diese Aktion sei weder ein «Kunstanschlag gegen die Betreiber des Bahnhofs noch als politisches Statement zu verstehen», heisst es in der Medienmitteilung. «Es geht um ein Lebensgefühl», sagt Tom Kummer, der Sprecher der Gruppe. «Wir werden jetzt im Bahnhof Mürren nicht mehr von einer Werbefläche empfangen, sondern von einem zeitlos märchenhaften Symbol für den alpinen Geist.»

Tom Kummer kann sich noch daran erinnern, wie er als Fünfjähriger am Mürrener Bahnhof stand und einem Mann in einem Overall zuschaute, der auf einer Leiter stand und, flankiert von Farbtöpfen, an diesem «mural» arbeitete. Kummer betont, man habe die Jungfraubahn vorgängig um eine Zusammenarbeit angefragt und die Aktion auch angekündigt. «Es kam aber nie eine Rückmeldung.» Kathrin Nägeli von der Jungfrau Holding widerspricht: «Wir hatten keine Kenntnis von der Aktion.»

Die Befreier des «murals» setzen nun auf den Dialog und haben der Jungfrau Holding einen Gesprächstermin für nächste Woche vorgeschlagen. Wie es in Zukunft mit dem Wandbild weitergehe, werde sich zeigen, sagt Mediensprecherin Kathrin Nägeli. Sie verweist auf die anstehende Neugestaltung der Station Mürren, die gemäss eidgenössischem Behindertengleichstellungsgesetz bis 2023 barrierefrei sein müsse. Fragt sich nur, ob die Schmetterlinge beim anstehenden Bahnhofsumbau eher als Hindernisse oder vielleicht doch als beflügelndes visuelles Element betrachtet werden.

Alpiner Logenplatz: Ein Mürren-Plakat Diggelmanns (ca. 1930).
Alpiner Logenplatz: Ein Mürren-Plakat Diggelmanns (ca. 1930).
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5 Kommentare
    Anna R. Lüthi

    Dieses schöne, lebensfrohe Bild wird sicher manches Herz erwärmen und so auch in Zusammenhang mit "Top of Europe" einen gebührenden Eindruck hinterlassen.