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Papablog: Ach, Teenager!Die Paradoxie der Pubertät

Ein Stiefvater fragt sich, warum ihn das oft widersprüchliche Teenie-Getue dermassen nervt. Ist er womöglich zu genau dem Erwachsenen geworden, der er nie sein wollte?

Voller Widersprüche: Teenies  möchten nicht faul genannt werden, sind aber zu faul, um das Gegenteil zu beweisen.
Voller Widersprüche: Teenies möchten nicht faul genannt werden, sind aber zu faul, um das Gegenteil zu beweisen.
Foto: Getty Images

Die anstrengendsten (und gleichzeitig unangestrengtesten) Geschöpfe der Welt. Zerbrechlich, egozentrisch, voller Irrungen und Wirrungen. Gleichzeitig so aufmüpfig, so möchtegern. Sie sind kaum auszuhalten.

Ich meine: Wie kann man sich mit Alkohol und Drogen zudröhnen (ganz klar: Eskapismus!), obwohl man vom richtigen Leben noch nicht mal gekostet hat. Das ist ja wie sich für einen Sport zu dopen, für den man noch nicht mal trainiert hat. Oder zu spicken, bevor man versucht hat zu lernen. Muss beziehungsweise kann man das verstehen?

Faul, voller Komplexe, laut und überstellig

Teenager wollen erwachsen sein und ernst genommen werden, schaffen es aber trotz Wecker nicht rechtzeitig aus dem Bett. Sie möchten nicht faul genannt werden, sind aber zu faul, um zu beweisen, dass sie nicht zu faul sind. Insgeheim wollen sie nicht, dass man sie bewertet, da voller Komplexe, sind aber die ganze Zeit laut, auffällig, extrovertiert und überstellig. Aargh! Diese Widersprüche!

Es ist ein wenig wie mit den Wespen: richtig sauer sein kannst du auf sie nicht sein, weil ihr Hirn nicht richtig funktioniert, ausserdem sind sie schutzbedürftig, aber irgendwie schaffen sie es doch immer wieder, dich auf total penetrante Art und Weise in den Wahnsinn zu treiben. Weil sie zum Beispiel auch nach dem hundertsten Erklärungsversuch nicht schnallen, dass sie das Geschirr nach Gebrauch in den Spüler räumen sollen.

Aber genug gebasht und pauschalisiert (zumal es DEN Teenager genauso wenig gibt wie DEN Mann). Je öfter mich das Teenie-Getue nervt, desto intensiver spüre ich, dass es etwas mit mir zu tun haben muss. Warum triggert mich ein 15-Jähriger dermassen? Wie war ich damals? Habe ich meine Eltern auch so strapaziert? Muss das so sein? Bin ich zu meinem Vater geworden? Bin ich alt geworden? War das nicht genau das, was ich verhindern wollte?

Total paradox

Im Prinzip müsste ich doch darüberstehen können und sagen: Sie sind jung und leichtsinnig und das ist in Ordnung. Aber irgendwie schaffe ich das nicht. Vielleicht gerade weil ich ihr Verhalten auf mich selbst beziehe.

Konkretes Beispiel: Wenn ich ehrlich bin, will ich nicht, dass sich mein Stiefsohn so verhält wie ich damals. Ich glaube, weil ich mir rückblickend selbst unsympathisch bin. Mir fallen spontan ein paar Dinge ein, auf die ich nicht stolz bin und die ich rückblickend gerne nicht gemacht hätte (alles harmlos, z.B. hochmütig, eingebildet oder arschig gewesen – aber trotzdem). Andererseits: Ich habe daraus gelernt. Vielleicht ist genau das der Punkt: Womöglich möchte ich nicht, dass die Jungen dieselben Fehler machen, wie ich sie gemacht habe. Und das ist natürlich dämlich, denn sie müssen die Fehler (selber) machen, wie ich damals, sonst lernen sie ja nicht daraus.

 Teenager wollen nichts lieber als authentisch sein – dabei entwickeln sie gerade erst eine Persönlichkeit.
Teenager wollen nichts lieber als authentisch sein – dabei entwickeln sie gerade erst eine Persönlichkeit.
Foto: Getty Images

Obwohl ich vielleicht lockerer gewesen wäre, hätte ich als Teenie gewusst, was ich jetzt weiss. Wie erleichternd wäre es gewesen, hätte ich damals schon eingesehen, dass es viel wichtiger ist, mir selbst etwas zu beweisen als anderen. Oder dass es mehr bringt, authentisch zu sein als den Halbstarken zu spielen. Wobei fraglich ist, ob man in dem Alter überhaupt authentisch sein kann – die Persönlichkeit entwickelt sich ja erst; unter anderem, indem man viel ausprobiert und schaut, ob einem das auf lange Sicht entspricht oder nicht. Ich sag ja, total paradox.

Die Hölle sind die anderen

Vieles, was sich im Teenageralter etabliert, wird unsere Persönlichkeit für lange Zeit prägen. Umso unverständlicher, wie leichtfertig Teenies handeln. Völlig banales und harmloses Beispiel: Ein Junge aus meiner Klasse entwickelte als ungefähr 13-Jähriger einen stark wippenden Gang, den er bis heute erhalten hat respektive nicht losgeworden ist. Mit 13 vermittelte er: Ich bin cool. Heute: Ich laufe seltsam. Ist das schlimm? Natürlich nicht. Aber möchte ich wirklich etwas fürs Leben mitnehmen, was ich in meiner hirnrissigsten Phase entdeckt habe? Lieber auch nicht.

Folgenreicher ist allerdings das Rauchen: Sehr viele (vielleicht sogar die meisten) Kettenraucher haben doch als Teenie damit angefangen. Weil sie dazugehören, cool sein wollten, aus Gruppenzwang oder anderen fragwürdigen Gründen. Wie unvernünftig.

Davor würde ich gerne warnen, darf aber nicht helfen, weil es wichtig ist, dass Teenager Fehler machen – und daraus lernen. Vielleicht brauche eher ich Hilfe, der ich es ja nicht aushalte. «Die Hölle sind die anderen» ist einfach gesagt, aber jemand muss diese ja auch als Hölle empfinden. Ob ich selbst aus meiner Pubertät zu wenig gelernt habe? Oder zu viel? Es ist verflucht paradox.

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6 Kommentare
    Andreas Bollner

    Wir hatten weder die technischen noch die finanziellen Mittel, welche den Kindern und Jugendlichen heute zur Verfügung stehen. Deshalb ist ein konkreter Vergleich kaum möglich. Auf jeden Fall war die Brücke zwischen Alt und Jung weit existente als heute.