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Verstärkt auftretender JudenhassWas Antisemitismus mit Corona-Rebellen zu tun hat

Seit dem Beginn der Corona-Krise häufen sich antisemitische Zwischenfälle. Schändungen von Synagogen in Biel, Genf und Lausanne sind der Höhepunkt einer neuen Entwicklung.

Attacke mit Schweinefleisch: Die Lausanner Synagoge wurde Ziel einer antisemitischen Aktion.
Attacke mit Schweinefleisch: Die Lausanner Synagoge wurde Ziel einer antisemitischen Aktion.
Foto: Keystone

Die Täter benützen Aliasnamen wie Aaron Rosenberg, Tom oder Hitler, um eine Onlineveranstaltung an der Universität Basel zu attackieren. Ziel ist das Fach «Jüdische Studien». Die Teilnehmenden werden Anfang Januar mit Videos von Hitler-Reden und SS-Paraden bombardiert. Dazu die Bildunterschrift «Der Holocaust war eine Lüge». Der zuständige Professor, Erik Petry, entfernt die Antisemiten zuerst aus der Veranstaltung und setzt seine Präsentation dann unbeirrt fort.

Solche «Zoom-Bombings» haben während der Corona-Krise stark zugenommen. Der Trend zu virtuellen Treffen am Bildschirm ist nicht nur ein gefundenes Fressen für Hacker, sondern auch für Rassisten. Wenn Zugangslinks zu virtuellen Sitzungen oder Vorlesungen öffentlich werden, können sich Neonazis leicht einloggen und ihren Hass verbreiten.

Neue Neonazi-Formationen

Allein im Januar kam es neben der Attacke in Basel noch zu einem zweiten Bombing auf eine Kulturveranstaltung der Jüdischen Liberalen Gemeinde in Zürich. Und an einer virtuellen 1.-Mai-Veranstaltung der Zürcher Jungsozialisten wurde 2020 der jüdische Aktivist Miklos Klaus Rozsa antisemitisch beschimpft. Später folgten Rufe wie «Sieg Heil» und «Tod den Juden».

Im Fall einer ähnlichen Attacke auf eine Onlinevorlesung an der Zürcher Hochschule der Künste im April 2020, an der unter anderem «Heil Hitler» gebrüllt wurde, scheint die Polizei inzwischen eine heisse Spur zu verfolgen. Ermittlungen deuten auf das Umfeld der Winterthurer Neonazi-Gruppe Eisenjugend, die inzwischen in einer etwas grösseren Formation namens «Junge Tat» aufgegangen ist. Anfang Januar wurden sechs Personen aus dem Umfeld der «Jungen Tat» verhaftet.

Ausserdem fällt die starke Zunahme der antisemitischen Vorfälle in der deutschen und französischen Schweiz seit Jahresbeginn auf. Am schlimmsten war dabei die Schändung der Bieler Synagoge durch ein eingeritztes Hakenkreuz und die Worte «Sieg Heil» und «Juden Pack».

Deutlich mehr antisemitische Schmierereien

Dass sich solche Zwischenfälle in den letzten Wochen häuften, hat auch mit dem am 22. Dezember verhängten Corona-Shutdown zu tun. Dieser lässt nicht nur die Emotionen über alle Parteigrenzen hinweg hochkochen, sondern erhöht auch das Risiko, dass Extremisten oder psychisch instabile Personen Grenzen überschreiten. Krisen führen immer wieder zur Suche nach Sündenböcken, wobei diese dann oft bei Minderheiten wie Juden oder Ausländern «gefunden» werden. Die zum Beispiel bei Impfgegnern kursierenden Verschwörungstheorien sind im Kern nicht selten antisemitisch.

Die schon seit einem Jahr andauernde Pandemie sei ein «Trigger», ein Auslöser von antisemitischem Verhalten in den sozialen Medien, schreiben der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) in ihrem Jahresbericht. Darin enthalten sind alle den beiden Organisationen gemeldeten antisemitischen Vorfälle in der Deutschschweiz. Sie sind 2020 im Vergleich zum Vorjahr leicht von 523 auf 532 gestiegen. Auffällig ist dabei vor allem die starke Zunahme der antisemitischen Schmierereien.

Lesen Sie dazu: Die Pnos hetzt gegen Juden.

Kein mehrheitsfähiges Gedankengut

Bei Verschwörungstheoretikern und Gruppen, die den Corona-Massnahmen der Behörden kritisch gegenüberstehen, kommt es in Gruppenchats – vor allem auf dem Messenger-Dienst Telegram – zu antisemitischen Entgleisungen. Fast ein Drittel aller vom Bericht erfassten Onlinevorfälle gehen auf Chats und Kanäle der «Corona-Rebellen» zurück. Trotzdem ziehen SIG und GRA ein überraschendes Fazit: «Antisemitismus ist in diesen Gruppen zwar vorhanden, jedoch – soweit analysiert – kein mehrheitsfähiges Gedankengut.» Die Teilnehmer in den Chatgruppen seien in ihren politischen Ansichten äusserst heterogen, und offenem Antisemitismus werde von anderen Gruppenmitgliedern meist entgegengetreten, oder dieser werde von Administratoren mit Sperrung sanktioniert.

Ähnliches lässt sich auch an Demonstrationen der Corona-Skeptiker beobachten: Rechtsextreme sind dort eine verschwindend kleine Minderheit, und sie bemühen sich ausserdem, nicht als Neonazis aufzufallen. Der Antisemitismusbericht kritisiert aber bei den Corona-Rebellen kursierende Parolen wie «Impfen macht frei» oder gelbe «Judensterne» mit der Aufschrift «ungeimpft» oder «Maskenattest». Solche Vergleiche seien deplatziert und zeigten ein Mangel an historischem Wissen. Der SIG sieht darin aber keine antisemitische Banalisierung des Holocaust, solange dieser nicht gezielt abgewertet wird.

113 Kommentare
    Laurens van Rooijen

    Kein Wort davon, dass an den Demonstrationen der selbsternannten Skeptiker gerne mal die Worthülsen Rothschilds und Soros in die Runde gesch(m)issen werden - was in meinen Augen eine grob antisemitische Steilvorlage ist? Etwas enttäuschend.

    Auch das Geraune vom Reset, von dem eine globale Elite profitieren soll, hat ein stark antisemitisches Geschmäckle für mich. Vor allem aber darf man annehmen, dass dieser Antisemitismus aus der Schweizer Mitte kommt und nicht importiert ist. Auch das keine Überraschung, leider.