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Die Wahrheit überDie neue Wohnzimmerkultur-Epidemie

Unser Wahrheitskolumnist leidet an einer Überdosis an Spontan-Beiträgen aus der Kulturszene.

Ane Hebeisen

Es gibt einige neue Phänomene, die uns die momentane Krise beschert. Zum Beispiel ein paar hübsche, bisher kaum in aktiven Wortschätzen sich tummelnde Wortfügungen: Die «Herdenimmunität» ist wohl eine der schönsten. «Massendurchseuchung» ist auch recht mitreissend. Kinder führen auf einmal zu «Elternstress», von Behörden werden forsche Dinge wie «Abstand & Hygiene» und «Kontaktsperre» verordnet, und das Volk findet, dass man ruhig noch ein bisschen weiter gehen könnte. Forscherinnen empfehlen, das Virus zu häkeln, um den Kindern die Angst davor zu nehmen, und Astronauten geben Tipps, wie man sich so verhalten soll, wenn man eingesperrt ist (Astronauten-Grundtenor: Such dir ein Hobby!).

Ein Phänomen, das besonders in der Kulturszene gerade grassiert, ist der «Kreativstau». Und – wenn wir ganz ehrlich sind – beginnt der allmählich ein klitzekleines bisschen belastend zu werden. Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendein Musiker sich dabei filmen lässt, wie er sich am Küchentisch die Holzgitarre umschnallt und ein Liedchen zu den Themenbereichen Solidarität oder gesellschaftlicher Zusammenhalt anstimmt. Zunächst hat man das ja noch sympathisch gefunden. Man hat sich gesagt, ja ja, die Künstler. Wo wollen sie auch hin mit ihrer eingesperrten Kreativität? Wie allerliebst sie doch mit der Krise umgehen und den Menschen trotz aller Misslichkeiten ein Häppchen Kleinkunst auf die heimischen Fernsprech- oder elektronischen Datenverarbeitungsanlagen senden.

Das Dumme ist nur, dass die Menschen in Sachen Ablenkung gerade sehr empfänglich sind.

Doch spätestens als der hundertste Musikschul-Trompeter auf dem Balkon einen konzertanten Lagebericht seiner Grundkurs-Ausbildung abgegeben hat, nachdem das tausendste Wohnzimmerständchen in prekärer Handymikrofon-Tonqualität über den Bildschirm gerauscht ist, ist man sich gar nicht mehr so sicher, ob man diese Spontaneitätsepidemie aus der Kreativszene wirklich weiter begrüssen mag.

Das Dumme ist nur, dass die Menschen in Sachen Ablenkung gerade sehr empfänglich sind. Und so basteln sich die Homeoffice-Fernsehredaktoren aus den Videotrümmern der Quarantänemusikanten ihre Beiträge zusammen. In diesem Klima der kulturellen Gutgläubigkeit hat es kürzlich gar der hochgeschätzte Stephan Eicher in die Hauptausgabe der «Tagesschau» gebracht – also dorthin, wo man es als Popmusiker allerhöchstens schafft, wenn einem im KKL gerade irgendein Ehrenpreis fürs Lebenswerk ausgehändigt worden ist. Man konnte in Eichers «Tagesschau»-Handyvideobeitrag mitverfolgen, wie der Barde zu einem sonderbar überproduzierten Halb-Playback singend Gemüse kochte.

Eine andere Art, mit seiner Einsamkeit umzugehen, wählte DJ Antoine. Ihm gefiel es, aus seinem Eigenheim eine Einmannparty ins Netz zu übertragen, an welcher er neben dem Auflegen überraschungsarmer Tanzbodenmusik und dem Ausstossen begeisterter Stimmungsjuchzer, Champagnerflaschen entkorkte und mit seinem Handy noble Einrichtungsgegenstände abfilmte. Das Ganze erreichte etwa ähnliche Elendsdimensionen, als würde sich jemand dabei filmen, wie er alleine zu Hause Fasnacht feiert.

Wie hat unsere Michelle Hunziker in einer dieser Quarantäne-Improvisationssendungen kürzlich so falsch behauptet: «Unterhaltung ist doch einfach unsere Verantwortung.» Ist sie das? Warum nicht in den Keller steigen und am Song arbeiten, der die Welt dereinst aus den Fugen katapultieren wird? Warum nicht einfach kurz schweigen und die Menschheit damit auf den Moment heiss machen, in dem wieder laute, fette Konzerte mitsamt Körperkontakt möglich sind? Was, wenn die Leute sich an diese Wegwerf-Handykultur akklimatisieren? Was, wenn auf einmal auch Pyrotechniker oder Metzger glauben, sie müssten Filme davon produzieren, wie sie – dem Shutdown zum Trotz – im heimischen Wohnzimmer ihrer Berufsleidenschaft nachgehen? Fragen über Fragen. Und nur eine Antwort. Macht mal Pause!