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Jugendliche wollen an die Urne«Die meisten denken doch einfach, wir hätten keine Ahnung»

Im Kanton Bern kommt das Stimmrechtsalter 16 wieder auf die Agenda. Wollen Jugendliche das? Gespräch mit Jugendparlamentsmitgliedern.

Politisch sind sie sich zwar nicht immer einig, das Stimmrechtsalter 16 wollen sie aber alle: Saskia Rebsamen (links), Wanda Suter und Jason Steinman.
Politisch sind sie sich zwar nicht immer einig, das Stimmrechtsalter 16 wollen sie aber alle: Saskia Rebsamen (links), Wanda Suter und Jason Steinman.
Foto: Franziska Rothenbühler

Jason Steinmann, 14, Schüler
Saskia Rebsamen, 17, Gymnasiastin
Wanda Suter, 20, Studentin

Jetzt einmal ehrlich: Welchen Stellenwert hat die Politik im Leben von Jugendlichen?

Saskia Rebsamen (17): Klar, es gibt für Jugendliche Dinge, die gerade wichtiger sind als Politik. Dennoch hat die Klimastreikbewegung gezeigt, dass Jugendliche durchaus politisch sein können. Das finde ich wichtig. Schliesslich ist es die Lebensphase, in der man sich selber findet. Da sollte auch ein politisches Bewusstsein entwickelt werden.
Jason Steinmann (14): Ich habe meine Eltern bereits mit 13 über politische Abläufe ausgefragt und bin seit einem Jahr im Jugendparlament.
Wanda Suter (20): Mit 16 habe ich wilde Dinge gemacht, aber mich auch für Politik interessiert. Jedoch war ich traurig darüber, dass mir die Möglichkeit fehlte, mich daran beteiligen zu können. Mich störte es, wegen meines Alters von der Demokratie ausgeschlossen zu werden.

Als 1991 das nationale Stimmrechtsalter von 20 auf 18 Jahre gesenkt wurde, war die Wahlbeteiligung der Neuwähler eher bescheiden. Wieso sollte das bei eurer Generation anders sein?

Wanda: Mich wundert es, dass das fehlende politische Interesse immer auf die Jugend bezogen wird. Die Wahlbeteiligung ist doch schon seit Jahren erschreckend tief. Natürlich wird es Jugendliche geben, die keinen Gebrauch vom Stimmrechtsalter 16 machen werden. Aber jene auszuschliessen, die das wollen, wäre doch fies.
Saskia: Die Senkung kann doch auch eine Chance sein. Dadurch würden Jugendliche früher für politische Themen sensibilisiert. Ich bin sogar dafür, dass das Stimmrechtsalter noch mehr gesenkt wird. Jason dürfte als 14-Jähriger auch dann noch nicht abstimmen, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gibt.
Jason: Da bin ich dagegen. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen interessiert sich wohl eher nicht für Politik. Fehlt das Interesse, besteht die Gefahr, dass sie von ihren Eltern beeinflusst werden. Dadurch werden Ansichten übernommen, obwohl man vielleicht etwas ganz anderes denkt.

Inwiefern unterscheidet sich denn eure politische Einstellung von jener eurer Eltern?

Saskia: Ich glaube nicht, dass das für diese Diskussion besonders relevant ist. Ich habe zwar mehr oder weniger die gleiche Meinung wie meine Mutter. Aber die hatte ich schon vor zwei Jahren und werde ich auch noch in zwei Jahren haben. Daher ist es in dieser Frage egal, ob man 16 oder 18 ist.
Wanda: Man wird ja von den Eltern sozialisiert. Deshalb kann es sein, dass man ähnlich wählt. Bei mir ist das jedenfalls der Fall. Aber ich habe sicher genug kritisches Denken mitbekommen, um mir eine eigene Meinung bilden zu können.
Jason: Mein Vater hat völlig andere Ansichten als ich. Wir sind da recht verschieden, diskutieren aber oft über politische Dinge.

2009 wurde das Stimmrechtsalter 16 im Kanton Bern deutlich abgelehnt. Wieso sollte es beim zweiten Anlauf anders kommen?

Wanda: Die Jugend hat mit der Klimastreikbewegung bewiesen, dass sie politisch sein will. Sie hat gezeigt, dass sie weiss, wovon sie redet, und das mit regelmässiger Präsenz untermauert. Sie hat demonstriert, dass ihr mehr zuzutrauen ist als bisher.
Saskia: Ich glaube, bei den Erwachsenen ist es langsam angekommen, dass wir die Stimme der Zukunft sind. Und die Zukunft sollen schliesslich jene bestimmen, die in ihr leben werden.
Jason: Ich befürchte, dass es erneut ein Nein geben wird. Die politische Mitbestimmung wird uns nach wie vor nicht zugetraut. Die Erwachsenen wollen lieber alleine bestimmen und dabei denken, sie entscheiden bloss das Beste für uns.

«Die Jugend hat mit der Klimastreikbewegung bewiesen, dass sie politisch sein will.»

Wanda Suter

Die Jugend wird also diskriminiert?

Jason: Ja. Wieso dürfen Leute abstimmen, die in ein paar Jahren pensioniert werden, aber Jugendlichen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, wird dieses Recht verweigert?
Saskia: Ich stelle schon ein gewisses Jugendbashing fest. Das hat es wohl schon immer gegeben, ist aber unbegründet. Ältere wollen manchmal einfach nicht wahrhaben, dass Jugendliche oft in der Lage sind, mit ihnen auf Augenhöhe zu reden. Da geht es bestimmt auch darum, die eigene Machtposition zu verteidigen.
Wanda: Es ist doch unfair, dass Jugendliche Steuererklärungen ausfüllen müssen, aber nicht mitentscheiden können, wofür Steuergelder ausgegeben werden sollen. Bei Erwachsenen herrscht da manchmal eine gewisse Demenz. Sie vergessen schnell, wie schwierig die Jugend sein kann. Man wird oft noch wie ein Kind behandelt, muss aber gleichzeitig ähnlich viel Verantwortung tragen wie Erwachsene.

Die Jugend trug zwar im vergangenen Jahr viele Forderungen auf die Strasse, das Stimmrechtsalter 16 wurde aber nie propagiert. Ist das Interesse doch eher gering?

Saskia: Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass junge Menschen eben noch nicht so viele Möglichkeiten haben, sich an institutioneller Politik zu beteiligen, und dadurch gar nicht erst auf die Idee kommen.
Wanda: Auch eine entsprechende Initiative einzureichen, scheint wohl für viele Jugendliche zu aufwendig. Denn bis diese vors Volk kommen würde, ist man ja schon lange 18 gewesen. Bei Dingen wie der Klimafrage konnte dagegen in sehr kurzer Zeit etwas bewegt werden. Das ist eben interessanter.

Das Kantonsparlament hat die Motion zur Stimmrechtssenkung mit 20 Stimmen Unterschied angenommen. Es gibt also durchaus Skeptiker. Wie geht ihr damit um?

Jason: Die meisten meinen doch einfach, wir hätten keine Ahnung und sollen zuerst etwas über Politik lernen. Aber die politische Bildung ist oft eher abschreckend als interessant. Das ist recht unsinnig.
Saskia: Bei der Abstimmung im Grossen Rat ist mir zudem aufgefallen, dass die Rechte dagegen war. Dabei ist es nicht per se ein linkes Anliegen, mit 16 abstimmen zu dürfen. Ich kann diese Ablehnung überhaupt nicht nachvollziehen. Es ist doch im Sinne der Demokratie, diese möglichst vielfältig zu gestalten.

Steht die bernische Jugend den bürgerlichen Politikern vielleicht zu weit links?

Wanda: Ich sehe da keinen direkten Zusammenhang. Die bürgerliche Seite war ja schon immer dagegen. Und es gibt bestimmt auch Jugendliche, die nicht links wählen. Die bürgerlichen Parteien verhindern also auch eigene Neuwähler.
Saskia: Es ist sowieso ein Vorurteil, dass Jugendliche nur links wählen. Also in der Stadt Bern ist das tendenziell sicher so, aber hier wählen auch viele ältere Menschen links. Aber selbst im Jugendparlament sind nicht alle links.
Jason: Ja, nur etwa 9 von 10 sind links. Ich bin es nicht.

Die Mitglieder des Jugendparlaments der Stadt Bern wünschen sich, ab 16 Jahren bereits wählen und abstimmen zu können: Saskia Rebsamen, Co-Praesi, Wanda Suter, Co-Praesi, und Jason Steinmann (von links).
Die Mitglieder des Jugendparlaments der Stadt Bern wünschen sich, ab 16 Jahren bereits wählen und abstimmen zu können: Saskia Rebsamen, Co-Praesi, Wanda Suter, Co-Praesi, und Jason Steinmann (von links).
Foto: Franziska Rothenbühler

Würdet ihr euch auch für das Stimmrechtsalter 16 einsetzen, wenn der Grossteil der Jugend das Gegenteil eurer Meinung vertreten würde.

Saskia: Schwierige Frage. Wenn ich wüsste, dass alle Jugendliche rechts wählen würden, dann wäre ich persönlich wohl schon nicht dafür. Aber zum Glück ist das ja nicht so.
Wanda: Auch wenn jemand mehr Atomkraftwerke fordert, finde ich, dass diese Stimmen gehört werden muss. Mit der Demokratie kann man ja auch ganz viel Blödsinn machen, wie zum Beispiel der Brexit gezeigt hat. Aber letztlich gehört es zu einer Demokratie, dass alle mitreden können und der Wille der Mehrheit umgesetzt wird.

Worin liegt denn der gesellschaftliche Nutzen, wenn 16-Jährige abstimmen dürfen?

Wanda: Dadurch wird eine ganze Altersgruppe nicht mehr von der Demokratie ausgeschlossen. Es ist ja immer bequem, wenn andere nicht mitreden dürfen. So bleibt mehr Entscheidungskraft für einen selbst. Aber es ist eben auch sehr unfair.
Saskia: Wer dagegen ist, hat das Prinzip der Demokratie falsch verstanden. Alter ist doch kein Grund, um jemanden von ihr auszuschliessen. Ich kann ja verstehen, dass Babys nicht abstimmen dürfen. Aber mit 16 ist man absolut zurechnungsfähig und in der Lage, sich über politische Themen zu informieren.

Welche kantonspolitischen Themen brennen der Jugend denn unter den Nägeln?

Saskia: Viele Dinge nehmen Jugendliche vielleicht nicht einmal als politisch wahr. Zum Beispiel das Bedürfnis, den öffentlichen Raum mitgestalten zu können. Gerade in der Stadt Bern ist dieses extrem vorhanden. Den Wunsch nach mehr Sportplätzen höre ich zum Beispiel oft.
Jason: Politik basiert ja nicht nur auf Parteidenken. Man muss nicht zwingend einer Partei angehören, um politisch zu sein.

Herrscht bei der Jugend also eine Parteiverdrossenheit?

Saskia: Parteien haftet das Bild an, dass man erst ab 18 mitmachen kann. Deshalb wird die Option von vielen wohl von vornherein ausgeschlossen.
Wanda: Und es kann ja auch Angst machen, sich einer Partei anzuschliessen. Wer kann sich schon zu 100 Prozent mit allen Entscheiden einer Partei identifizieren?

«Eine Einzelperson kann durch Abstimmen kaum einen Schaden anrichten.»

Saskia Rebsamen

Sollte nicht nur das Stimmrechtsalter, sondern auch die Volljährigkeit gesenkt werden?

Jason: Ich wäre dagegen. Mit 16 soll man noch nicht Auto fahren oder Verträge unterzeichnen dürfen. Das ist schon etwas anderes als abstimmen.
Saskia: Ich denke auch, dass das bei vielen Jugendlichen für eine Überforderung sorgen könnte. Mit 16 kannst zwar zu einer Entscheidung für die Gesellschaft beitragen, aber für dich selber entscheiden können solltest du erst ab 18. Eine Einzelperson kann durch Abstimmen kaum einen Schaden anrichten. Bei einer Unterzeichnung eines Vertrags ist das anders.
Wanda: Das Wahlrecht ist ja zudem etwas Freiwilliges. Wer sich bereit dafür fühlt, kann es benutzen. Mit einem Ja würde nun die Stimmbevölkerung zeigen, dass sie das nötige Vertrauen in die Jugend hat.