Die lässliche Sünde von Robert Menasse

Der Schriftsteller und Europafreund hat Zitate eines Gründervaters Europas erfunden. Das ist unschön, aber kein Skandal. Und kein zweiter Fall Relotius. 

ImageCaption. Foto: Fotograf Der österreichische Autor Robert Menasse. Foto: Reiner Zensen (Imago)

ImageCaption. Foto: Fotograf Der österreichische Autor Robert Menasse. Foto: Reiner Zensen (Imago)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Der Deutsche Walter Hallstein ist unter den Gründervätern Europas wohl der vergessenste. Der erste Kommissionspräsident (1958 bis 1967) lebt am ehesten noch in der nach im benannten «Hallstein-Doktrin» fort: Nach der brach die Bundesrepublik Deutschland die diplomatischen Beziehungen zu jedem Land ab, das die DDR anerkannte.

Der Österreicher Robert Menasse ist unter den Europafreunden unserer Tage wohl der prominenteste. Der Träger des Deutschen Buchpreises (2017 für den EU-Roman «Die Hauptstadt») wirbt in Aufsätzen und Reden unermüdlich für mehr Europa: durch eine Überwindung der Nationalstaaten. Eigentliche Bezugsgrösse des Menschen sei ohnehin die Region.

In einem FAZ-Essay 2013 und auch später hat Menasse den alten Hallstein immer wieder als Kronzeugen für dieses Ziel aufgeboten, darunter mit programmatischen Sätzen wie diesem: «Die Abschaffung der Nationen ist die europäische Idee.» Oder diesem: «Was immer wir in den neu geschaffenen europäischen Institutionen beschliessen und durchzusetzen versuchen, Ziel ist und bleibt die Überwindung der Nationen und die Organi­sation eines nachnationalen Europas.»

Nur: Hallstein hat diese Sätze nie gesagt.

Wie praktisch, einen Pionier als Visionär präsentieren und ihn der kleinmütigen Gegenwart vorhalten zu können. Nur: Hallstein hat diese Sätze nie gesagt. Darauf hat 2017 der Historiker Heinrich August Winkler in einem «Spiegel»-Artikel hingewiesen und Menasse nach seinen Quellen befragt. Ohne eine Antwort zu erhalten. Hallstein hat auch nicht, wie Menasse ebenfalls behauptete, sein Plädoyer für die Überwindung der Nationen ausgerechnet in Auschwitz gehalten. Im kommunistischen Polen, 1958 – eine ziemlich abenteuerliche Vorstellung. Interessiert hat das aber niemanden.

Erst jetzt sorgt das Hantieren des Schriftstellers mit fiktiven Zitaten für Aufregung – im Gefolge des Claas-Relotius-Skandals. Der Reporter für den «Spiegel» und viele andere Publikationen hat ganze Storys und ihre Protagonisten schlicht erfunden. «Der nächste Fälschungsfall» titelt denn auch die TAZ, und andere ziehen die Parallele nach.

Es ist aber keine. Relotius ist Journalist, er hat das Ethos des Journalismus verraten und dem Berufsstand geschadet – höchstens könnte der Fall ein Weckruf gegen den unseligen Hang sein, alles als «Story» zu «tellen». Menasse dagegen ist in erster Linie Schriftsteller. Und gerade als solcher wird er gern für Reden und Essays gebucht. 

Es liegt kein «Fälschungsskandal» vor, sondern eine Genreverwechslung.

Journalisten müssen «facts» und «fiction» sorgfältig trennen, wenn man ihnen vertrauen soll. Schriftstellern vertraut man sich an, auch und gerade wenn sie uns in ein Zwischenreich entführen. In einem solchen kann man, wie im Roman «Die Hauptstadt», eine europäische Jubiläumsfeier in Auschwitz planen, um die Folgen des Nationalismus vorzuführen. Der Gedanke hat Menasse offenbar so hingerissen, dass er auch in Reden und Essays eingewandert ist. Genres, in denen nun wieder die Fakten stimmen müssen. Auch die Zitate. 

Mit deren Fake-Haftigkeit konfrontiert, hat sich Menasse auf sein Dichtertum herausgeredet und dass er Hallstein sinngemäss zitiert habe: «Der Sinn ist korrekt. Die Wahrheit ist belegbar. Die These ist fruchtbar. Was fehlt, ist das Geringste: das Wortwörtliche.» Ein kurioser Satz für einen Mann des Wortes. So kurios wie die ganze Chose: Da gräbt ein Intellektueller, der Europa voranbringen will, in den Reden eines mausetoten Politikers herum. Der zwar dafür war, dass die Nationalstaaten Kompetenzen abgeben, diese aber nicht abschaffen wollte – was zu seiner Zeit ohnehin jenseits des Denkmöglichen war. 

Menasse sollte Hallstein ruhen lassen und die erfundenen Zitate einem erfundenen Politiker schenken – in seinem nächsten Roman. Es liegt kein «Fälschungsskandal» vor, sondern eine Genreverwechslung. Gut katholisch gesprochen: eine lässliche Sünde. 

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