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Mamablog: Herausforderung PubertätDie Kunst des Loslassens

Das Leben mit Teenagern ist wie Walzertanzen: Ein Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz. Wie kommt man da heil wieder raus?

Grenzen setzen oder machen lassen? Das ist nur eine von vielen Fragen, die sich Eltern von Jugendlichen stellen.
Grenzen setzen oder machen lassen? Das ist nur eine von vielen Fragen, die sich Eltern von Jugendlichen stellen.
Foto: Getty Images

«Wenn Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie gross sind, verleih ihnen Flügel.» Ein Spruch, eine Weisheit, die allen Eltern bekannt sein dürfte. Nun, mir scheint der Teil mit den Wurzeln recht einfach zu sein, schwieriger wird es mit den Flügeln! Zumindest mir geht es so. Meine Kinder sind drauf und dran, vermehrt ihre Flügel auszubreiten und loszufliegen. Und ich stelle mir die Frage: Hatten Sie genug Flugstunden? Und die Antwort, die ich mir gebe, ist: Nein, fliegen kann man nur alleine. Dann stelle ich mir die Frage: Sollte ich nicht ihr Co-Pilot sein? Und eine Stimme in mir sagt: Nö, aber gutes Bodenpersonal kann nicht schaden.

Was nun also, wenn die Kinder in der Pubertät Federn lassen und flügge werden? Wie, wann und wo soll man Grenzen setzen, begleiten oder eigene Erfahrungen machen lassen? Und welche Hüpfer, Sprünge, Berg- und Talfahrten durchleben eigentlich die Eltern in der Zeit des Loslassens?

Den Zug nicht verpassen

Nicht allein die Heranwachsenden durchleben die Phase der Pubertät. Dies gilt ebenso für Väter und Mütter. Ja, auch die Familie «pubertiert», ist im Wandel, muss sich neu orientieren, neu organisieren. Die Eltern sollten sich dem Wandel anpassen, Schritt halten mit ihren Kindern, die den Kinderschuhen langsam entwachsen. Sie sollten aber auch stehenbleiben, innehalten, sich mehr auf sich selbst besinnen und auf die Partnerschaft, die wieder anders gelebt werden kann.

Diesen Zug sollte man nicht verpassen und aufspringen, wenn der Intercity einfährt. Im Idealfall als Paar, das sich gut versteht, nicht bloss Bahnhof. Und um bei der Metapher zu bleiben – die Weichen für eine gelingende, beständige Partnerschaft sollten beizeiten gestellt werden.

Eltern sollten mit ihren Teenagern in Kontakt und jederzeit gesprächsbereit bleiben, was schwierig sein kann. Meine Tochter beispielsweise kann den ganzen Tag sehr wortkarg sein, dann aber um halb elf Uhr nachts ein ganz dringendes Redebedürfnis haben. Dann quatschen wir, wenns nötig ist bis in alle Nächte. Egal. Das «egal» habe ich übrigens situationsbedingt von ihr kopiert und gelernt, dass «egal» manchmal genau die richtige Einstellung sein kann.

Kleiderberge und leere Coladosen

Wir Eltern sollten unseren Jugendlichen unbedingt Grenzen setzen, aber dabei flexibel bleiben. Will heissen, Nein sagen zu Dingen, die zu gefährlich sind, und Ja sagen zu neuen Erfahrungen, für die das Kind alt genug ist. Flexibel sein bedeutet: Bei Dingen reagieren, die wirklich wichtig sind. Und Dinge ignorieren, die nicht so wichtig oder ernst sind. Auch wenn die Kleiderberge und leeren Coladosen nerven.

Es gilt also stets zu wissen, welche Knöpfe man gerade drücken muss. Doch manchmal weiss man das nicht so genau. Wichtig ist wohl, dass man überhaupt einen Knopf drückt und sich nicht von der Erziehungsaufgabe verabschiedet und damit aus der Eltern-Kind-Beziehung rausschleicht.

Wichtig ist, dass man sich nicht von der Erziehungsaufgabe verabschiedet.

Das Zusammenleben mit Teenies kommt mir manchmal vor wie Walzertanzen. Man geht einen Schritt aufeinander zu, wieder drei zurück. Man hält sich an den Händen, macht eine Drehung und lässt einander los. Dass Pubertierende und Eltern dabei nicht im Gleichtakt tanzen, steht ausser Frage. Wichtiger ist das Loslassen. Das immer wieder loslassen.

In Abwesenheit dasein

Ich ertappe mich in letzter Zeit dabei, wie in mir Bilder meiner Töchter, als sie noch ganz klein waren, hochkommen. Ich sehe Fotos von ihnen, mit Nuggi im Gesicht, Flügeli an den Armen, mit grossen fragenden Augen und skeptischem Blick. Es scheint Lichtjahre her, diese Zeit. Den Spruch «Wie die Zeit verfliegt, eben waren sie doch noch klein» kann ich nicht bestätigen. Zu intensiv waren die vielen Jahre dazwischen, in denen ich sie begleitet habe und den Weg mit ihnen gegangen bin. Dass ich mich vermehrt wieder an die Zeit erinnere, als die Kinder noch klein waren, zeigt mir, dass ich am Abschiednehmen bin, am Loslassen.

Loslassen hat etwas mit abgeben zu tun. Ich übergebe meinen Töchtern mehr und mehr Eigenverantwortung (für ihr Zimmer, ihre Wäsche, ihren Schulkram, den Umgang mit ihren Mitmenschen) und ziehe mich dadurch Stück für Stück aus ihrem Leben zurück. Vieles geht Mami nämlich nichts mehr an! Dieses Nicht-mehr-über-alles-Bescheid-wissen wird ersetzt durch gegenseitiges Vertrauen. Gegenseitig finde ich dabei wichtig. Schliesslich sollen unsere «Halbwüchsigen» auch darauf vertrauen dürfen, jederzeit zu uns zu kommen, auch wenn, und gerade dann, wenn mal etwas schief läuft.

Nun, ich werde meine Töchter natürlich noch lange, lange begleiten – einfach ohne dass sie es immer merken! Ja, Eltern von Teenies beherrschen diese Zaubertricks: Klavier spielen, ohne die Tasten zu drücken, sich mitteilen ohne Worte, leiten ohne Leine, die Bindung lockern, aber das unsichtbare Band stärken und ... da sein, auch in Abwesenheit.

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4 Kommentare
    Ralf Schrader

    Nur wer loslässt hat beide Hände frei zum Klammern.