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Wer achtsamer lebt, hat weniger StressDie Kraft der Gelassenheit

In Gedanken planen wir oft schon die Zukunft oder sinnen Vergangenem nach. Ganz im Moment leben will gelernt sein.

Meditieren ist überall möglich, auf einem Spaziergang, auf einem Bett liegend oder – wie hier im Bild – in einem Park sitzend.
Meditieren ist überall möglich, auf einem Spaziergang, auf einem Bett liegend oder – wie hier im Bild – in einem Park sitzend.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Aufbrausend sei sie oft gewesen, sagt Karin Hug*. In stressigen Situationen habe sie andere mit ihrer zackigen Art überfordert oder verletzt. «Ich habe gemerkt, dass ich zuweilen arrogant wirkte. Und auch in der Partnerschaft wurden diese Eigenschaften zum Problem.» Zudem sei sie häufig unzufrieden gewesen. «In Gedanken war ich meist schon beim nächsten Schritt.»

Mittlerweile gibt es zahlreiche wissenschaftliche Studien, die auf gesundheitliche Vorteile einer achtsamen Lebensweise hinweisen.

Mit dem Wunsch, aus diesem Hamsterrad auszubrechen, meldete sich die 50-Jährige aus der Region Bern für einen Kurs an am Zentrum für Achtsamkeit in Bern. Während zweier Monate nahm sie wöchentlich an einer Schulung in Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) teil, führte Tagebuch über ihren Stresslevel und meditierte zu Hause unter Anleitung täglich 45 Minuten.

Im Sitzen atmete sie bewusst und spürte ihren Körperempfindungen nach. «Das war eine sehr intensive Zeit. Doch ich wollte es gründlich machen und Resultate sehen», sagt die kaufmännische Angestellte. Weil sie gerade ihre Stelle gekündigt hatte, nutzte sie die Zeit bis zur neuen Anstellung, um sich mit ihren Lebensmustern auseinanderzusetzen.

Zu Beginn fiel es schwer, zur Ruhe zu kommen. «Ich bin eigentlich gar nicht der spirituelle Typ», gesteht Hug. Sie habe immer viel Sport getrieben und dabei oft einen Leistungsdruck verspürt. Mit dem regelmässigen Üben gelang das Meditieren aber immer besser. «Ich freue mich richtiggehend auf diese Zeit, in der ich ganz bei mir bin.»

Der Blutdruck sinkt

Die Idee der Achtsamkeit ist eigentlich sehr einfach – aber trotzdem herausfordernd: Kurz zusammengefasst, geht es darum, mit der Aufmerksamkeit ganz im Hier und Jetzt zu bleiben und die gegenwärtigen Empfindungen bewusst wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten. Das Konzept stammt aus dem Buddhismus. In westlichen Kulturen ist es in den letzten Jahren immer populärer geworden, wird aber meist losgelöst von religiösen Vorlagen praktiziert.

Gerade in der zurzeit aussergewöhnlichen Situation suchen viele Zuflucht in der achtsamen Lebensweise. Sie wollen lernen, besser mit Ängsten umzugehen und Freude in den kleinen, alltäglichen Handlungen zu entdecken – etwa eine Tasse Tee geniessen.

Mittlerweile gibt es zahlreiche wissenschaftliche Studien, die auf gesundheitliche Vorteile hinweisen. Zum Beispiel soll der Spiegel des Stresshormons Cortisol sinken und somit auch der Blutdruck. Das Immunsystem wird gestärkt, Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnis verbessern sich, derweil das Risiko für Depressionen und Ängste abnimmt. Eine Doktorarbeit an der Universität Zürich konnte letztes Jahr nachweisen, dass Dankbarkeit, Wertschätzung, Liebe und Spiritualität bei Menschen nach einem zweimonatigen Training ausgeprägter waren als bei einer Kontrollgruppe.

Zuhören statt widersprechen

«Achtsamkeit ist die Fähigkeit, wach und präsent zu bleiben», erklärt Yuka Nakamura, Psychologin und MBSR-Lehrerin am Zentrum für Achtsamkeit. Im Normalzustand handle und denke man meist gewohnheitsmässig und reagiere automatisch. Dies sei besonders in Stresssituationen ungünstig.

«Meditationen sind ein effizientes Mittel dafür, sich bewusster zu werden, was bei uns selber und anderen abläuft – und entsprechend geschickter zu agieren», sagt Nakamura. Viele würden zum Beispiel schwierige Gefühle wie etwa Neid oder Ärger schnell wegdrücken oder sie ausagieren, statt sie zunächst einmal einfach wahrzunehmen. Dies verschlimmere die Situation meist. Und im Umgang mit anderen fehle oft das echte Interesse. «Wir urteilen schnell und denken: Was für ein Idiot!» Statt dem Gegenüber richtig zuzuhören, seien wir in Gedanken oft schon einen Schritt weiter und würden uns Gegenargumente überlegen.

Unter dem Vermeiden von Bewertungen sei aber keinesfalls eine unkritische Haltung zu verstehen, stellt Nakamura klar. «Es ist absolut wichtig, ethisch verwerfliche Praktiken abzulehnen und sich dagegen zu engagieren.»

Mit zehn Minuten beginnen

Mit dem regelmässigen Meditieren entwickle der Geist mehr Ruhe und Zufriedenheit, und die Gelassenheit nehme auch im Alltag zu, verspricht die Achtsamkeitslehrerin. «Man schenkt auch banalen Dingen mehr Aufmerksamkeit. Wenn man etwas tut, ist man ganz bei der Sache – egal ob am Computer arbeiten oder die Toilette putzen.»

Sie selber meditiert täglich etwa eineinhalb Stunden. Wenn man mit zehn Minuten beginne, sei das aber bereits ein guter Anfang, ermutigt Nakamura Menschen mit weniger Zeit und Musse. Meditieren sei im Liegen, Sitzen, beim Yoga oder im Gehen möglich. Zudem könne man kurze Übungen in den Alltag integrieren – zum Beispiel, achtsam eine Treppe hochsteigen oder einen Apfel essen. Im Prinzip könne man auch achtsam Joggen, wenn man in Gedanken voll beim Atem, dem Kontakt mit dem Boden und dem Herzschlag sei – statt über Probleme zu grübeln. Dennoch erreiche man dabei wohl nicht die gleiche Ruhe wie im Sitzen oder Liegen: «je ruhiger der Köper, desto ruhiger der Geist.»

Firmen entdecken Achtsamkeit

Achtsamkeitstrainings finden auch immer mehr Beachtung in Unternehmen. «Die Digitalisierung hat die Arbeitswelt beschleunigt. Gerade deshalb ist es enorm wichtig, dass wir innerlich wieder zur Ruhe kommen», sagt Alexander W. Hunziker, Dozent für Achtsamkeit an der Berner Fachhochschule und Trainer für Führungskräfte. Noch immer werde Achtsamkeit häufig mit Räucherstäbchen und Wollsocken assoziiert. Dabei sei die Lebenshaltung gerade für die Zusammenarbeit in Unternehmen ein gewaltiger Vorteil: Wenn Leitungspersonen mehr Gelassenheit ausstrahlen und ihren Mitarbeitenden Wertschätzung entgegenbringen, wirke sich dies positiv auf Leistungsfähigkeit, Kreativität und Diskussionskultur aus.

«Einige sind anfangs skeptisch und machen nur mit, weil es halt dazugehört.»

Alexander W. Hunziker, Dozent für Achtsamkeit an der Berner Fachhochschule

Deshalb will er diese Haltung auch seinen Studierenden mit auf den Weg geben. In zwei Business-Studiengängen halten sie täglich zehn Minuten inne und führen ein Journal über ihren Gemütszustand. «Einige sind anfangs skeptisch und machen nur mit, weil es halt dazugehört», ist sich Hunziker bewusst. Fast alle seien aber am Schluss überzeugt, etwas Entscheidendes für ihre Karriere gelernt zu haben.

«Ich bin immer noch die gleiche Person, aber ich habe mich mit mir angefreundet.»

Karin Hug

In Karin Hugs Leben hat die Meditation unterdessen einen festen Platz gefunden. Wichtig ist ihr, den ganzen Tag über eine gewisse Ruhe zu bewahren. An der neuen Stelle nimmt sie sich vor einer Sitzung öfters mal Zeit für eine kurze Atemübung. «Ich bin immer noch die gleiche Person, aber ich habe mich mit mir angefreundet» sagt Hug. Und natürlich gelinge das Gelassenbleiben nicht jeden Tag gleich. «Es wird ein lebenslanges Üben sein.»

*Name geändert

17 Kommentare
    Ralf Metz

    Achtsamkeit, Meditation und Co. sind für mich in meinem Leben wichtige Elemente.

    Die Frage bleibt aber letztlich immer nach der Absicht dahinter.

    Will ich als Mensch meine Leistung dadurch erhöhen? Das geht in jedem Fall.

    Oder z.B. ein zufriedeneres, friedvolleres Leben führen? Das wäre nach meinem Verständnis die eigentlich Idee dahinter.

    Ein Aspekt - gerade im Firmenumfeld - stimmt mich immer wieder nachdenklich. Geht es tatsächlich um das Wohlbefinden des Mitarbeitenden? Oder z.B. mehr um eine Möglichkeit, dass diese mit einem stress-schaffenden System besser lernen umzugehen? Also statt die Ursachen anzugehen, wirkt man auf die Symptome ein.