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Feste feiern in Zeiten von CoronaDie illegale Party ist ein Erfolg

Die Ankündigung, dass eine 95-Jährige auf ihr Geburtstagsfest nicht verzichten will, hat für Empörung gesorgt. Nun hat das Fest tatsächlich stattgefunden – und weitere Fragen aufgeworfen. Eine Kolumne von Dieter Stamm.

Giulietta Masina in einer Szene des Fellini-Films «Le notti di Cabiria».
Giulietta Masina in einer Szene des Fellini-Films «Le notti di Cabiria».

Ich war kürzlich zu einem 95. Geburtstag einer älteren Dame eingeladen. Es handelte sich um die Grossmutter eines alten Freundes, und ausser ihr war nur wenigen so richtig wohl bei der Sache. Am allerwenigsten meinem alten Freund, dem als ältester Enkel die Aufgabe zugefallen war, das Fest zu organisieren. Er sorgte sich um die Gesundheit der Eingeladenen und auch etwas um seinen Leumund. Schliesslich war es verboten, private Veranstaltungen mit mehr als zehn Personen durchzuführen.

Wir standen im Wohnzimmer und mein Freund, selbstverständlich mit Maske, blickte aus dem Fenster.

«Jetzt schau nicht ständig aus diesem blöden Fenster», sagte seine Grossmutter. «Es kommt schon keine Polizei, und wenn, dann halten wir das aus.»

Dem Anlass waren ein paar Unstimmigkeiten vorausgegangen. Mein Freund hatte seine Grossmutter bedrängt, eine Auswahl der Gäste vorzunehmen, damit es am Ende nicht allzu viele sein würden. Und als sie dafür kein Gehör hatte, hatte er gesagt: «Sonst musst du dich entscheiden: Das Kind, das du am wenigsten gern hast, darf nicht kommen. Samt Enkeln und Urenkeln.»

«Ich habe schon nicht alle gleich gern», hatte sie nur erwidert. «Aber erstens mag ich vielleicht das Kind weniger, dafür aber den Enkel umso mehr. Und ausserdem geht es ja nicht nur um mich, sondern auch um die anderen. Was, wenn mich keiner weniger gern hat als der andere?»

Jetzt sass sie im Wohnzimmer in ihrem Lieblingssessel, auf einer kleinen Leinwand lief ihr Lieblingsfilm «Le notti di Cabiria», der im Dirnenmilieu spielt (Fellini, 1957), und neben ihr sass ihr Lieblingsurenkel, dessen Hand sie tätschelte.

«Jetzt zieh doch mal diese hässliche Maske aus», sagte sie zu ihm, «man sieht ja dein hübsches Gesicht gar nicht.» Mein Freund hatte allen eingebläut, in ihrer Gegenwart Maske zu tragen, weil sie mit 95 der Risikogruppe angehört.

Auf dem Sofa und auf Stühlen sassen Leute, die ich nicht kannte. Kinder, Enkel und Urenkel eben. «Weisst du, Reden ist der Sex des Alters», sagte jemand zum Lieblingsurenkel. «Da muss man den Mund schon sehen.»

Mein alter Freund schüttelte den Kopf. «Jetzt verteilt euch doch wenigstens», sagte er. «Beim Bücherregal gibt es noch freie Stühle. Und du sitzt deiner Urgrossmutter ja fast auf dem Schoss, das ist nun wirklich nicht auch noch nötig.»

«Aber sicher ist das nötig», sagte die Urgrossmutter.

Jemand warf ein: «Ich finde, im Alter darf man so tun, als ob es keine Gefahren gibt.»

«Nein», widersprach mein Freund. «Im Alter sollte man ein Vorbild sein.»

Worauf eine Diskussion entbrannte, ob und wann Alte Vorbilder sein sollten.

Jemand sagte: «Wie sollen die Alten beim Gesundbleiben denn bitteschön Vorbilder sein? Das ist ja schon von Natur aus völlig unglaubwürdig.»

Eine blondierte Frau sagte: «Die Jungen sind sowieso viel zu brav. Das Letzte, was sie brauchen, sind Alte, die auch noch brav sind.»

«Mein Gott, ist das ein dummes Geschwätz», erwiderte eine andere. «Menschen sterben!»

«Ja, und?», sagte die Blondierte. «Es sterben immer Menschen, und als dein Mann starb, hast du auch nicht so eine Sache gemacht.»

Worauf die Grossmutter in die Hände klatschte und rief: «Schön, endlich ein Fest wie immer!»

Seither fragt sich der Schreibende, ob und inwiefern es eine Rolle spielt, woran alte Menschen sterben. Die Schmerzfrage natürlich ausgenommen.

6 Kommentare
    Martin Krummacher

    Wir sterben alle, versprochen. Wie? Keine Ahnung. Wann? Erst recht nicht.

    Wie werden wir bis dahin gelebt haben? Die Urgrossmutter hat für sich entschieden.

    Geht es in der Kolumne nicht darum?