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Erste Premiere nach dem ShutdownDie Hinterbühne der Macht

Das Theater an der Effingerstrasse ist wieder offen: In «Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel» stehen drei Diktatorengattinnen im Rampenlicht.

Die Schauspielerinnen Kornelia Lüdorff, Nicola Trub und Gabriele Fischer zeichnen ihre Figuren treffsicher.
Die Schauspielerinnen Kornelia Lüdorff, Nicola Trub und Gabriele Fischer zeichnen ihre Figuren treffsicher.
Severin Nowacki

Frau Margot sieht sich als Idee. «Politik ist ein Zustand», sagt sie. Ihr geht es um «Wahrheit». Im biederen Wollrock und mit weisser Perücke, der Blick stramm geradeaus und selbst im hohen Alter noch stur Parteisoldat, ist sie sich sicher: «40 Jahre Gerechtigkeit reichen nicht aus, um die Welt zu überzeugen.» Frau Imelda dagegen liebt Blumen und ist allergisch gegen alles Hässliche. Sie sagt, sie sei schon immer gegen den Tod gewesen — ausser in der Oper. In jungen Jahren hatte sie die Nora von Ibsen gespielt, jetzt ist sie überzeugt, ihr Leben müsste gesungen werden.

Frau Leila hat französische Literatur studiert und will ihre Gedichte vortragen. Tragik gehört für sie zur Weltgeschichte. Dass ihr Mann vor dem internationalen Strafgericht steht, findet sie grotesk. In dem Stück «Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel» lässt die deutsche Autorin Theresia Walser die drei Frauen zusammen auftreten. Die Figuren sind an reale Vorbilder angelehnt: an Margot Honegger aus der DDR, an die philippinische Diktatorengattin Imelda Marcos, an Leila Ben Ali aus Tunesien und weitere Frauen von arabischen Despoten. Mit der Komödie eröffnet das Theater an der Effingerstrasse nach dem Shutdown vor der Sommerpause noch einmal die Bühne.

Nichtse der Weltgeschichte

Die Bühne ist in diesem Fall jedoch Hinterbühne: Das Leben der Diktatorengattinnen soll verfilmt werden. Eine Pressekonferenz steht an, bei der die Frauen vor Hunderten von Journalisten ihre Wahrheit in die Welt hinaustragen sollen. Noch ist es nicht so weit. Während sie warten, dass der Vorhang aufgeht, steht ihnen ein Dolmetscher zur Seite. Mehr als Wörter und Sätze dolmetscht dieser jedoch die gegensätzlichen Weltbilder von links und rechts, die so unterschiedlich gar nicht sind. Frau Margot will nichts zu tun haben mit den «Blutsaugerhyänen», die ihr Volk bis zum letzten Tropfen ausgepresst haben. Frau Imelda und Frau Leila halten entgegen, die Stalinistin habe ihre Uhr nicht umgestellt. Der Dolmetscher übersetzt, wie es ihm opportun scheint, er komprimiert, steigert und manipuliert und bringt sich selbst ins Spiel hinein. «Dolmetscher sind die wahren Kriegstreiber», sagt Frau Margot, «sie spielen keine Rolle, und das mittendrin. Nullen im Rampenlicht. Nichtse der Weltgeschichte.»

Die Hauptrolle auf der Hinterbühne spielt die Sprache.

Nichtse der Weltgeschichte sind auch die Frauen, die für einmal im Rampenlicht stehen. Treffsicher zeichnen die Schauspielerinnen Kornelia Lüdorff, Nicola Trub und Gabriele Fischer ihre Figuren: die spröde Margot in ihrer Klugheit und Verblendung, die Möchtegern-Operndiva Imelda, die Leila als flatterhaftes Dummchen. Die Hauptrolle auf der Hinterbühne spielt jedoch die Sprache. Wenn Frau Imelda sagt, ein paar Hundert Maurer hätten sich in den flüssigen Beton gestürzt, damit sie im Fundament des Opernhauses von Manila begraben seien, und bei Frau Margot hätten sich die Leute an der Mauer erschiessen lassen, um Märtyrer zu werden, huscht der Zynismus vorbei. Und es erstaunt kaum, dass der Dolmetscher am Schluss die Pressekonferenz durch ein Missgeschick verpatzt.

Weitere Vorstellungen bis 11. Juli