Die Grüne vom Land

Oberländerin Christine Häsler ist Sozialpolitikerin mit Leib und Seele. Jetzt muss die grüne Regierungsratskandidatin nur noch beweisen, dass ihr auch das Fortkommen des Kantons am Herzen liegt.

Im Innern des Kraftwerks Innertkirchen 1: Häsler ist überzeugt, dass die Wasserkraft beim Atomausstieg eine zentrale Rolle spielt.

Im Innern des Kraftwerks Innertkirchen 1: Häsler ist überzeugt, dass die Wasserkraft beim Atomausstieg eine zentrale Rolle spielt. Bild: Franziska Rothenbühler

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Auf den ersten Blick scheint der Fall klar: Christine Häsler ist eine Lobbyistin ihrer Region, wie es in der Kantonspolitik viele davon gibt. Sie kämpfte für den Erhalt des Regionalgerichtes in Interlaken und der Pfarrstelle in Gadmen. Oder für bessere Zugverbindungen ins Berner Oberland. Sogar im Job scheint sie regionale vor übergeordnete oder grüne Anliegen zu stellen. So ist sie vor einigen Jahren in die Kommunikation der Kraftwerke Oberhasli (KWO) gewechselt und hat damit den Kampf für die umstrittene Erhöhung der Grimsel-Staumauer zu ihrem eigenen gemacht.

Im Berner Oberland werden Häslers Wahlplakate denn auch kaum überklebt oder abgerissen, wie das sonst bei rot-grünen Politikern oft der Fall ist. Denn für die Oberländer ist Häsler eine von ihnen. Dass sie in der «lätzen Partii» ist, spielt dabei keine Rolle. Denn die Tochter eines Kraftwerksangestellten stammt aus Burglauenen, einem Dorf im Tal der Lütschine, das vier Monate pro Jahr ohne Sonne ist. «Oberland first ist bei Häsler wichtiger als die Partei», sagt Thomas Fuchs (SVP), ihr langjähriger Kontrahent im Grossen Rat. Aber der erste Blick bei der Land-Grünen täuscht.

Weich im Ton, hart in der Sache

Denn der Mutter von vier erwachsenen Kindern liegen vor allem soziale Anliegen am Herzen. Und sie ist in diesem Sinne «klar links», sagt Adrian Haas, Fraktionschef der FDP im Grossen Rat. Dabei ist die grüne Politikerin derart konziliant im Ton, dass ihr auch hartgesottene Bürgerliche aufmerksam zuhören. So war es zum Beispiel in der Debatte um eine Steuer von 25 Prozent auf Erbschaften von über einer Million Franken. Grossrat Fuchs erinnert sich noch heute an jenen Juni-Morgen vor bald sechs Jahren, als Häsler im Berner Rathaus für die entsprechende Umverteilung zugunsten der AHV eintrat. Klar, das sei eine ziemlich radikale Forderung gewesen, sagt Fuchs. Häsler habe sie aber völlig emotionslos vorgetragen. «Sie ist nicht überheblich. Mit ihr kann man reden.» Für Banker Fuchs steckt dahinter aber auch eine Strategie: «Sie hat sich stets sehr geschickt verhalten, um regierungstauglich zu wirken.»

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Häsler selber stellt eine Karriereplanung in Abrede. Natürlich hatte sie mehrmals für den Grossen Rat kandidiert, bis es vor sechzehn Jahren dank Proporzglück endlich klappte. Und auch die drei guten Wiederwahlen hatte sie sich redlich erarbeitet – unter anderem als langjährige Präsidentin der grünen Fraktion. Aber an den Scheidepunkten ihrer Karriere half oft der Zufall mit, ist Häsler überzeugt. So zog sie wenige Monate vor den letzten Nationalratswahlen für den zurücktretenden Alec von Graffenried ins Bundeshaus ein und wurde so als Bisherige wiedergewählt. Und auch die Kandidatur für den Regierungsrat kommt für sie überraschend – ausgelöst durch den Verzicht des grünen Erziehungsdirektors Bernhard Pulver auf eine erneute Kandidatur.

Häsler hört es nicht gerne, dass sie mit der Nomination auf der rot-grünen Liste so gut wie gewählt ist, weil die Bürgerlichen die drei rot-grünen Sitze in der Regierung nicht infrage stellen. Aber sie räumt ein, dass die Nomination als grüne Kandidatin die grosse Hürde gewesen sei, zumal auch Grünen-Präsidentin Regula Rytz dafür im Gespräch war. Häslers Nomination kam erst durch den Verzicht von Rytz zustande. «Damit kann ich sehr gut leben. Regula Rytz ist eine ausgezeichnete Politikerin», sagt Häsler. Die Bescheidenheit in dieser Aussage ist kaum als Kalkül zu werten. Schliesslich hat Häsler in jungen Jahren einsehen müssen, dass eine Einzelperson die Welt kaum retten kann.

Von der Weltrettung in die Politik

Damals habe sie manchmal «echt an dieser Welt gelitten». Trotzdem hatte die Kauffrau früh eine Familie gegründet und im kriegsversehrten Bosnien in mehreren Einsätzen Hilfsgüter verteilt. Zudem hatten die einstige Gemeindeschreiberin von Lütschental und ihr damaliger Mann drei Kinder grossgezogen und ein behindertes Kind aus Indien adoptiert. Den Weg vom direkten Engagement für die Menschen in die Politik will Häsler aber nicht als Resignation verstanden wissen. Sie sei vielmehr zum Schluss gekommen, dass es nicht Aufgabe des Einzelnen sein könne, die globalen Probleme zu lösen. «Es geht eher darum, die Schweiz so mitzugestalten, dass sie sich auch um die Lösung der grossen Probleme kümmert.»

In einer bürgerlich dominierten Kantonsregierung ist der Spielraum dafür aber beschränkt. Häsler wird Entscheide mittragen müssen, die ihr nicht behagen. Bei der Überweisung des SVP-Vorstosses zur Kürzung des Grundbedarfs in der Sozialhilfe sprach sie in einer Kolumne von einer Entscheidung, «die wehtut», und erinnerte daran, dass in der Schweiz 250 000 Kinder in Armut leben. Beim nächsten derartigen Entscheid wird sie als Regierungsmitglied schweigen müssen, selbst wenn es «wehtut». Häsler sagt, sie sei sich dessen bewusst. Falls ein derart unangenehmer Entscheid aber ihren Einflussbereich beträfe, würde sie sich darum bemühen, ihn mit Augenmass umzusetzen. Die nötigen Fähigkeiten als Vermittlerin werden ihr jedenfalls attestiert. So bezeichnet die einstige grüne Grossrätin Barbara Mühlheim sie als «führungsstark, respektvoll und undogmatisch». Dies ist bemerkenswert, weil Mühlheim in Häslers Ära als Fraktionschefin zu den Grünliberalen gewechselt ist.

Zwischen Stadt und Land

Bei der Frage nach neuen Ideen für einen Kanton, der seit jeher am Tropf des Finanzausgleichs hängt, wird die Kommunikatorin schweigsamer. Wie alle rot-grünen Politikerinnen hält sie nichts vom Steuerwettbewerb um Firmen. Sie will lieber Fachkräfte und Steuerzahler durch eine Anhebung der Lebensqualität anlocken. Natürlich sieht auch Häsler, dass ein Wachstum des Kantons nur über die Förderung der Zentren möglich ist. Aber deswegen dürfe das Land nicht vernachlässigt werden. «Man muss die Versorgung auf dem Land sicherstellen, ohne die Kosten explodieren zu lassen», sagt Häsler. (Der Bund)

Erstellt: 23.02.2018, 06:31 Uhr

Foto: Kraftwerk Innertkirchen 1

Häslers unspektakuläres Büro bei den Kraftwerken Oberhasli (KWO) steht in scharfem Kontrast zur eindrucksvollen Szenerie rund um Innertkirchen. Daher hat sie sich fürs Foto im nahe gelegenen Kraftwerk Innertkirchen 1 entschieden. Der kurze Spaziergang führt zu einem Eingang unter den jähen Flühen des Bänzlauistocks. Am Ende eines Stollens stehen fünf Pelton-Turbinen aus den Vierzigerjahren, durch die Wasser aus der Grimselregion fliesst.
Christine Häsler reagiert auf drei provokante Aussagen: haesler.derbund.ch. (bob)Foto im Kraftwerk

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Wer sind Berns Regierungsräte, die am 25. März wieder gewählt werden wollen? Wer will neu in die Regierung? Der «Bund» präsentiert alle Kandidierenden. Im Vordergrund stehen die Bisherigen Christoph Ammann, SP, Christoph Neuhaus, SVP, Pierre Alain Schnegg, SVP, Beatrice Simon, BDP sowie die chancenreichsten Neubewerber Evi Allemann, SP, Christine Häsler, Grüne, Philippe Müller, FDP. Es folgen die Herausforderer Christophe Gagnebin, SP, Michael Köpfli, GLP, Hans Kipfer, EVP, sowie die Aussenseiter. Alle Texte: bernerwahlen.derbund.ch.

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