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Meinung zur Vaterschaftsurlaub-AbstimmungDie Gegner bleiben stumm

Zahlreiche Politiker und Unternehmer haben sich dem Referendum gegen den Vaterschaftsurlaub angeschlossen. Doch öffentlich darüber reden wollen sie nicht.

Väter spielen bei der Betreuung eines Neugeborenen eine immer grössere Rolle.
Väter spielen bei der Betreuung eines Neugeborenen eine immer grössere Rolle.
Foto: Gaetan Bally (Keystone)


Vor 16 Jahren wurde die Mutterschaftsversicherung eingeführt. Nun stimmen wir Ende September über die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs ab. Leute, die sich nicht mit Politik beschäftigen, fragen: «Wie viel Urlaub? Ein Monat, zwei Monate?» Nein, es sind nur zwei Wochen. Ein Siebtel dessen, was Mütter haben; ein Bruchteil dessen, was Väter in Ländern bekommen, die ähnlich entwickelt sind wie die Schweiz.

Die Initianten, die für die eidgenössische Volksinitiative oder für eine der kantonalen Initiativen, die derzeit pendent sind, Unterschriften gesammelt haben, berichten von erfreulichen Erlebnissen. Sie bekamen auf der Strasse viel Zuspruch, die Unterschriften waren schnell beisammen. Noch vor wenigen Jahren hatte ein gesetzlicher Vaterschaftsurlaub im Parlament kaum Chancen. Nun hat er kaum noch Gegner. Oder sie zeigen sich nicht.

Die Ferien als Ausrede

Es war spielend leicht, einen Unternehmer zu finden, der den Vaterschaftsurlaub befürwortet und sich für ein Porträt in dieser Zeitung zur Verfügung stellt. Doch es war sehr schwierig, einen Unternehmer zu finden, der den Vaterschaftsurlaub ablehnt. Dabei haben sich zahlreiche Unternehmer und bürgerliche Politiker dem Referendum angeschlossen, darunter prominente Wirtschaftsführer und Parlamentarier. Ihr Name steht auf der Liste der Komiteemitglieder. Doch öffentlich äussern wollen sie sich zum Thema Vaterschaftsurlaub lieber nicht.

Rund ein Dutzend Anfragen an gegnerische Unternehmer blieben entweder unbeantwortet, oder die Betreffenden sagten ab mit der Begründung, sie seien in den Ferien. Einer sagte, er sei zwar Komiteemitglied, wolle aber zu dem Thema keine Interviews geben. Die Ferien sind derzeit eine dankbare Ausrede. Doch es ist klar: Wer mit Herzblut für eine Sache einsteht, steht auch während der Ferien für ein Gespräch zur Verfügung.

Der Vaterschaftsurlaub ist offenbar ein unverrückbarer Glaubensgrundsatz geworden. Man darf nicht mehr dagegen sein. Das ist schade. Und es verdient deshalb umso mehr Anerkennung, dass ein paar Mutige dennoch hinstehen und sagen, was sie denken. Angefangen bei den SVP-Politikerinnen Diana Gutjahr und Susanne Brunner, die das Referendum ergriffen haben. Dass sie bereit sind, sich notfalls auch unbeliebt zu machen.

Politikverdrossenheit ist eine der grössten Gefahren für die Demokratie.

Die Demokratie lebt von der Meinungsvielfalt und der Freiheit, eine missliebige und unpopuläre Meinung äussern zu können. Sie lebt auch von der Kritik. Wo keine missliebige Meinung, da keine Kritik, keine Auseinandersetzung, keine Debatte. Politikverdrossenheit ist eine der grössten Gefahren für die Demokratie, und sie ist ein reales Phänomen. Das lässt sich an der Stimmbeteiligung ablesen, am Desinteresse breiter Bevölkerungskreise, was Politik angeht. Zahlreiche Studien zeugen davon.

Desinteresse und Politikverdrossenheit bedeuten auch weniger Verantwortungsgefühl gegenüber dem Staat, der Gesellschaft, weniger Gemeinsinn. Das Bewusstsein, dass unsere Gesetze das Resultat eines Konsenses sind, den wir nach entschiedener Abstimmung alle mittragen – es schwindet.

Vielleicht war es das, was der französische Philosoph Voltaire seinerzeit meinte, als er sagte, das Meinungsäusserungsrecht seines politischen Gegners verteidigen zu wollen. Ob er dafür gleich sein Leben hergeben wollte oder nicht, das bleibe offen. Doch wichtig ist es jedenfalls.

20 Kommentare
    Andreas Bollner

    Ich bin den beiden Damen für das Referendum gegen das Papi-Gesetz sehr dankbar. Die Wirtschaft lebt von Leistung, nicht von Ferien. Im Übrigen sind die freien Zeiten ohnehin schon recht grosszügig bemessen. Wenn ein Papi etwas davon in seine Familienaufgabe investiert, erscheint mir dies als selbstverständlich.