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Neuer LyrikbandDie Ferne beginnt vor dem Gartentor

Von Wichtrach bis Wald im Appenzell: Der Berner Dichter Erwin Messmer reist in seinem neuen Gedichtband durch die Schweiz – und durch seine muntere Fantasie.

Sanfter Melancholiker: Erwin Messmer  verliert in seinen Gedichten die Bodenhaftung nicht.
Sanfter Melancholiker: Erwin Messmer verliert in seinen Gedichten die Bodenhaftung nicht.
Foto: Marc Dahinden

Wer hätte sich nicht auch schon einen Zauberteppich gewünscht, der ihn hinwegtrüge. Doch man weiss es ja, dass das Gute nicht allein in der Ferne liegt. Erwin Messmer, 1950 in Staad SG am Bodensee geboren und seit langem in Bern lebend, wo er eine reiche Tätigkeit als Organist und Autor entfaltet hat, ist ein leidenschaftlicher Reisender. Ihn locken nicht aussereuropäische Kontinente, sondern Städte, vor allem Paris, ebenso Wien, Weimar, Oslo, Bologna, Salzburg oder Taormina auf Sizilien. Indessen muss er gar nicht so weit schweifen, um lyrisch angeregt zu werden. Selbst Wichtrach, wo spätnachts der letzte Zug bereits abgefahren ist, verleitet ihn zu einer Humoreske: «Doch ach / ich seh ihm nach / Die Welt kann uns / Wichtrach und mich / aus ihrer Liste streichen.»

Erwin Messmer ist einer der wenigen im Land, die in ihren Gedichten auf der Klaviatur des Witzes zu spielen wissen, ohne in die Fallen der Banalität zu tappen. Daher liest man seine Verse mit Genuss, langweilt sich keineswegs und stösst auch nicht an jene Wände, welche die Verständlichkeit behindern und die Lesenden missmutig zurücklassen. Dennoch liegt unter der Oberfläche ein Tiefsinn verborgen, nach dem man nicht lange suchen muss. Wenn einer zum Beispiel nur eine Tagesreise weiter westlich fährt, so gilt trotzdem: «Du bleibst / der du bist / Verteidiger deines / Bezirks der an / Durchlässigkeit zu wünschen übrig / lässt von aussen / wie auch von innen.»

Vom Fernweh kosten

Er solle immer schön auf dem Teppich bleiben, mahnen die Freunde, und diesen Satz greift Erwin Messmer auf, um ihn weiterzuentwickeln. Ja, wo soll er denn sonst bleiben, wenn nicht auf dem Teppich, und was geschieht, wenn dieser Teppich ohne ihn abhebt? Darin liegt eine der Stärken dieser Gedichte: Sie spinnen dank der Kraft einer munteren Fantasie Aussagen, Begegnungen, Szenen, Beobachtungen weiter, bis der Autor den Ausgangspunkt verlassen hat und an einem inneren Ort landet, der nicht vorauszusehen war.

Fast wehmütig stösst das lyrische Ich die Schublade zu, in der die Reiseprospekte liegen.

Manche dieser Gedichte, oft zur finalen Pointe zugespitzt, veranstalten Reisen im Gedankenreich. Fast wehmütig stösst das lyrische Ich einmal die Schublade zu, in der die Reiseprospekte liegen: «War ein bisschen in den / Bildern unterwegs / Nur ein Versuch / sozusagen ein Ausbruch.» Wer hat nicht gerade in jüngster Zeit dieses Gefühl empfunden, vom Fernweh gekostet?

In Erwin Messmers Gedichten, die häufig eine kleine Geschichte entfalten, liegen die Gegensätze nah beieinander, oft bestürzend nah. Idylle und Ernüchterung verschwistern sich überraschend in «Wald AR. Gasthaus». Gegenwart und Vergänglichkeit kreuzen sich im «Neujahrsspaziergang», an einer Schnittstelle zwischen den Jahren: «Den Augenblick / würdigen / als schön und / schon vorbei.» Der Autor mit seinem unverkennbaren Schalk erweist sich auch als sanfter Melancholiker.

Erwin Messmer: Und wenn mein Teppich plötzlich flöge. Gedichte von unterwegs. Mit Bildern von Christa Schmutz. Mäd Book Lyrik vier. Basel 2020, 98 S., ca. 16 Fr.