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Lebenshilfe aus dem TVDie drei Lektionen des Trash-Fernsehens

Es gibt TV-Formate, die auf den ersten Blick nur zum Fremdschämen sind. Doch Achtung: Wir lernen hier etwas fürs Leben.

Zwei Protagonisten der TLC-Reality-Serie «Mein Leben mit 300 Kilogramm», die Leute beim Abnehmen begleitet.
Zwei Protagonisten der TLC-Reality-Serie «Mein Leben mit 300 Kilogramm», die Leute beim Abnehmen begleitet.
Foto: TLC

Seien wir ehrlich, kein Mensch kann ausschliesslich Tagesschau und gescheite Dokus schauen. Manchmal muss es Trash-TV sein. Auch oder besonders in diesen Tagen. Ich habe in meiner Trash-TV-Karriere, die nun schon mehrere Jahre, gar Jahrzehnte dauert, verschiedene Phasen durchlaufen und einige wichtige Lektionen gelernt.

Nach anfänglicher Beinahesucht und zwischenzeitlicher Ablehnung – man wollte ja eloquent wirken – habe ich heute zusammen mit meinem Umfeld einen selbstbewussten Umgang mit Trash-TV gefunden. Wir mögen es zum Abschalten. Wir arbeiten ja die ganze Woche. Da darf man sich das gönnen.

«Germany’s Next Topmodel», «Zwischen Tüll und Tränen», «First Dates» oder ganz gross: «Goodbye Deutschland» – die Schweizer Version «Auf und davon» schauten wir natürlich auch, der Trash-Faktor ist dort jedoch kein Vergleich zu jenem im deutschen Fernsehen. Auch ganz hoch im Kurs bis heute: «Bachelor» und «Bachelorette», hier gerne die Schweizer Version von 3+. Sehr grosses Fremdschämpotenzial.

Gehts noch schlimmer?

Vor rund einem Jahr sah ich bei einem Bekannten was auf dem TV-Bildschirm, das ich nicht für möglich hielt: Reality-TV des amerikanischen Senders TLC, für die Schweiz auf Deutsch übersetzt und untertitelt. Auf diesem Sender gibt es Dinge wie «Mein Leben mit 300 Kilogramm» – Leute, die tatsächlich so viel wiegen, wollen abnehmen oder «Dr. Pimpel Popper». Hier werden Leuten grosse Pickel ausgedrückt und Geschwülste weggeschnitten.

Anfangs fand ich es erstens beinahe unmöglich und zweitens unethisch, mir das anzusehen und dabei zuzuschauen, wie andere entwürdigt und in misslichen Lagen gefilmt werden, weil sie schlicht zu schwer sind, um von selbst aus dem Spalt zwischen den Autositzen zu klettern, in den sie fielen und stecken blieben. Und im Anschluss daran dabei zuzuschauen, wie Leute sich für ihre entstellten Gesichter und Körperteile schämen und hoffen, von den Eiterbeulen befreit zu werden.

Doch irgendwie muss man hinschauen, dranbleiben. Stundenlang. Und plötzlich merkte ich: Ich bewundere diese Leute, die tatsächlich 200 Kilogramm abnehmen. 200 Kilogramm, das muss man sich mal vorstellen. Die Disziplin muss gewaltig sein. Die allermeisten jener, die in dieser TLC-Sendung mitmachen, hatten keine schöne Kindheit, erlebten schlimme Dinge. Man freut sich mit ihnen, wenn sie es endlich geschafft haben, wieder selbst spazieren zu gehen, mit ihren Kindern zu spielen, ihre Ehe zu retten.

Auch mit den Protagonisten bei «Dr. Pimpel Popper» fühlt man mit, fühlt sich betroffen, dass sie sich schämen, nur weil andere nicht dazu in der Lage sind, sie nicht hemmungslos anzustarren. Und auch hier freut man sich, wenn sie nach einem meist kleinen Eingriff, oft nicht länger als 15 Minuten, in ein neues Leben starten können. Befreit, selbstbewusst, glücklich.

Natürlich fasst man sich bei manch deutschen Auswanderern an den Kopf und fragt sich: Wieso bereitet der sich nicht besser vor? Lernt die Sprache? Immerhin: Der traut sich was. Beisst danach durch, arbeitet hart, verliert nicht den Glauben an seinen Traum während wir es uns in unseren geordneten Leben auf dem Sofa bequem machen und weiter davon träumen, was wir noch alles würden machen wollen, wenn nicht und dann fallen uns gleich 100 Gründe ein, die gar keine sein müssten.

Mehr als Voyeurismus

Ich bin froh, kann ich anderen zuschauen, wie sie sich mit ihren Leben quälen und am Ende allen zeigen, dass sie was geschafft haben, auch wenn niemand mehr an sie geglaubt hat. Sie zeigen auch mir, so billig das klingen mag: Du willst Sport machen? Du schaffst das. Die auf TLC habens auch geschafft. Heul nicht rum. Lektion 1.

Lektion 2: All diese Leute, die wir in diesen Formaten sehen, lehren uns, wie gnadenlos wir gegenüber jenen sind, die scheinbar aus der Norm fallen seien es Personen mit Übergewicht, mit wenig Geld, mit «zu grossen» Träumen, mit Schwierigkeiten, ihre Kinder zu erziehen und ihren Haushalt zu managen, die grosse Liebe zu finden. Als ob wir noch nie mit Ähnlichem oder demselben zu kämpfen gehabt hätten oder daran gescheitert wären.

Lektion 3: Wir wissen, dass einige Sendungsmacher auf dem Rücken jener, die es oft nicht leicht hatten im Leben oder die gerne ein Stück Glück finden möchten, Profit schlagen und sie ins Lächerliche ziehen. Trotzdem schauen wir die Sendungen, verabreden uns sogar, um uns gemeinsam über die Protagonisten lustig zu machen, anstatt uns darüber zu freuen, dass es in unserer Gesellschaft so viele unterschiedliche Persönlichkeiten gibt.

Es müssen ja nicht gleich alle Freunde werden, davon redet ja niemand. Aber zumindest Akzeptanz gegenüber Personen, die nicht in den sogenannten Mainstream passen, wäre angebracht. Dass viele Formate mit hohen Einschaltquoten genau das Gegenteil propagieren und wir das völlig normal finden, sollte uns nachdenklich machen.

Müssen wir deshalb auf TV-Unterhaltung verzichten? Realistischerweise würde das sowieso nicht passieren. Also: Nein. Einfach mit dem richtigen, einem kritischen, Blick schauen. «Spassverderberin», mögen nun einige von Ihnen denken. Tja, auch Spass gibts nicht umsonst. Ein bisschen Nachdenken ist ein fairer Preis für Unterhaltung, bei der immer die anderen unten durch müssen.

Fünf relativ unverfängliche Trash-TV-Tipps

Ist das richtige Brautkleid gefunden, gehen die Emotionen hoch bei «Zwischen Tüll und Tränen».
Ist das richtige Brautkleid gefunden, gehen die Emotionen hoch bei «Zwischen Tüll und Tränen».
Screenshot Sendung
  1. «First Dates»: Auf der Suche nach der grossen Liebe treffen sich Frauen und Männer in allen Kombinationen zum Essen – und sie haben sich davor noch nie gesehen. Ist die gemeinsame Zeit abgelaufen, müssen sie entscheiden, ob sie ein zweites Date wollen. Läuft auf Vox, online abrufbar über TV Now.
  2. «Revenge Body»: Instagram-Star Khloe Kardashian hilft Leuten, ihren Traumkörper zu bekommen, den Revenge Body, also den Rachekörper. Dies, um dem Ex oder anderen gemeinen Leuten, von denen die Kandidatinnen und Kandidaten gehänselt wurden, eins auszuwischen, indem sie am Ende der Show verboten gut aussehen. Die Resultate sind beeindruckend. Online abrufbar über Amazon Prime.
  3. «Zwischen Tüll und Tränen»: Verliebte, die bald heiraten, suchen hier das passende Kleid oder den passenden Anzug. Ins Brautmodengeschäft begleitet sie ein Tross aus Mutter, Schwiegermutter, Trauzeugin, bester Freundin, Tante und Patenkind. Ist das richtige Kleid nach all dem Probieren gefunden, fliessen Tränen. Davon kriegt man nie genug. Läuft auf Vox, online abrufbar über TV Now.
  4. «Shopping Queen»: Designer Guido Maria Kretschmer schickt pro Woche fünf Kandidatinnen mit je 500 Euro los, das perfekte Outfit zu finden. 4 Stunden Zeit, inklusive Haaren und Make-up. Alle Frauen shoppen zum selben Motto – Oktoberfest, Eisprinzessin, Sommerlook. Am Ende Modenschau und Punktevergabe. Gekreische, wenn die Siegerin feststeht. Läuft auf Vox, online abrufbar über TV Now.
  5. «Das perfekte Dinner»: Jeden Tag kocht wer anders für die anderen vier. Fünf Tage eine Chance, den perfekten kulinarischen Coup zu landen oder kolossal zu versagen – Braten verbrannt, Teig zusammengesackt, Püree versaut. Anderen beim Kochen zuschauen geht eigentlich immer. Läuft auf Vox, online abrufbar über TV Now.