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#MeToo-Debatte in SerbienDie Belgrader Schule des sexuellen Missbrauchs

Eine serbische Schauspielerin erzählt, wie sie als 17-Jährige von einem einflussreichen Regisseur vergewaltigt wurde – anscheinend kein Einzelfall.

Rüttelt die serbische Öffentlichkeit auf: Die Schauspielerin Milena Radulovic.
Rüttelt die serbische Öffentlichkeit auf: Die Schauspielerin Milena Radulovic.
Foto: Sergei Karpukhin (Getty)

Milena Radulovic ist eine junge und erfolgreiche Schauspielerin. Die Serbin (25) hat in einheimischen Serien und Filmen gespielt, seit ein paar Jahren macht sie Karriere in Russland. Die Belgrader Medien berichten regelmässig über ihre Rollen, ihr Talent und ihre Russischkenntnisse, die sie in Rekordzeit erworben habe.

Am vergangenen Wochenende schockierte Milena Radulovic die serbische Öffentlichkeit mit einem Interview in der Zeitung «Blic». Drei Jahre nach der grossen, weltweiten #MeToo-Debatte hat die Schauspielerin ihren ganzen Mut zusammengenommen und über die Zustände an einer privaten Schauspielschule in der serbischen Hauptstadt berichtet.

Die Mädchen mussten kurze Röcke tragen

«Ich war 17 Jahre alt, als mich der Regisseur Miroslav Aleksic vergewaltigt hat. Damals besuchte ich seine Schauspielschule», sagte Radulovic. Sie sei mehrmals sexuell missbraucht worden. Dahinter stecke ein seit Jahrzehnten aufgebautes System, Opfer von Aleksic seien viele junge Frauen, darunter auch minderjährige. Radulovic war elf Jahre alt, als sie in die Schule der Schauspielkunst aufgenommen wurde. Aleksic habe den Eltern klar gemacht, dass sie in seiner Schule nichts zu suchen hätten.

Dem Regisseur eilte der Ruf eines strengen Lehrers voraus. «In der Schule wurde die Religion propagiert, der Unterricht begann mit dem Vaterunser», so Radulovic. Schuldirektor Aleksic habe die Mädchen angewiesen, nur kurze Röcke zu tragen, Hosen seien im Klassenzimmer verboten gewesen. «Als wir 13, 14 Jahre alt waren, fragte er uns, ob wir Sex hätten und ob uns das gefällt. Wir konnten sehen, wie er die Mädchen in ein Nebenzimmer führte. Und dann passierte es», schilderte die Schauspielerin die Horrorerfahrungen.

Frauen werden stigmatisiert

Nach dem aufsehenerregenden Interview wird die serbische Gesellschaft von der #MeToo-Debatte erfasst. Fast alle Zeitungen des Landes berichteten am Montag ausführlich über den Fall. Für einmal zeigte sich auch die Boulevardpresse empört, die mit sexistischen Mobbinggeschichten Klicks generiert. Das heikle Thema beschäftigt auch die Medien in der Region, wo Frauen genauso stigmatisiert werden wie in Serbien, wenn sie sich über sexuelle Belästigung im Alltag beklagen.

In den vergangenen knapp zehn Jahren sollen etwa 3000 Mädchen und Knaben die Schauspielschule besucht haben.

Nach den Vorwürfen gegen Aleksic reagierten die serbischen Behörden erstaunlich schnell. Der mutmassliche Peiniger wurde festgenommen. Inzwischen haben sich zwei weitere Frauen ermutigt gefühlt, die Polizei über die Sexualdelikte des Regisseurs zu informieren. Das serbische Innenministerium teilte mit, der 68-jährige Aleksic werde verdächtigt, mehrere seiner Schülerinnen sexuell missbraucht zu haben, zwei davon seien zur Tatzeit minderjährig gewesen.

Unabhängige Journalisten in Belgrad sprachen vom grössten Skandal in der jüngsten Geschichte des Landes. Es wird damit gerechnet, dass in den nächsten Tagen oder Wochen noch mehr Opfer auspacken könnten. In den vergangenen knapp zehn Jahren sollen etwa 3000 Mädchen und Knaben die Schauspielschule besucht haben. Mehrere Schauspielerinnen berichteten am Montag, Aleksic sei ein übler Pädagoge gewesen. Seine Schülerinnen und Schüler habe er oft als dumm, dick und debil beleidigt.

Ein Freund des Kriegsverbrechers

Der Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler war offenbar so einflussreich, dass bisher keine seiner Schülerinnen sich getraut hat, ihn anzuprangern. Mitte der 90er-Jahre filmte er die serbische «Hochzeit des Jahrhunderts», als der Kriegsverbrecher und Gangster Zeljko Raznatovic alias «Arkan» die Turbofolk-Königin des Balkans, Svetlana «Ceca» Velickovic, heiratete. Zu Beginn der 80er-Jahre wurde Arkan in Basel verhaftet, brach aber nach kurzer Zeit aus der Berner Strafanstalt Thorberg aus.

Als in den 90er-Jahren Arkan mit seiner Freischärlerbande mordend und plündernd durch Kroatien und Bosnien zog, begleitete ihn der Regisseur Aleksic mit der Kamera. Damals kandidierte er auf der Liste von Arkans Partei der serbischen Einheit für das Parlament. Eine Schauspielerin erklärte, Aleksic sei während der Nato-Luftangriffe auf serbische Stellungen 1999 in einem Belgrader Theater in Militäruniform aufgetreten und habe den jungen Schauspielerinnen gesagt: «Ich bin jetzt euer Kommandant, und ihr seid meine Armee.»

Das Interview der Schauspielerin Milena Radulovic löste in Serbien grosse Betroffenheit aus. «Ich und die starken Mädchen Serbiens werden nicht aufgeben», sagte Radulovic. Am Montagnachmittag wollte die Belgrader Staatsanwaltschaft den Filmemacher einvernehmen. In manchen serbischen Medien ist das Urteil schon gefallen. Miroslav Aleksic wird nur noch als «Monster» bezeichnet.

7 Kommentare
    Gabi Frank

    Mein Eindruck ist, dass der Autor nicht darauf zielte den Fall der Vergewaltigungen jungen Mädchen genauer zu beschreiben, sondern die Freundschaft des Regisseurs mit einem Kriegsverbrecher. Der Artikel scheint mir nicht objektiv, aber zielgerichtet zu sein.

    Warum schreiben Sie nicht, dass ein wichtiger Zeuge (Albaner) vor ein paar Tagen im Kosovo getötet wurde, der gegen albanische Kriegsverbrecher aussagen sollte? Es war nicht der einzige Fall, in dem Zeugen getötet wurden.