Zum Hauptinhalt springen

Doku über Schweizer Olympia-Hoffnung«Ich zitterte am ganzen Körper»

Jeannine Gmelin ist intelligent und erfolgreich – und hätte vor Tokio fast hingeschmissen. Ein DOK-Film zeichnet nach, wie die Ruderin die schwierigste Phase ihrer Karriere überstanden hat.

Plötzlich kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Die Stadt Uster hat zum Empfang geladen, kurz nach der WM, und Jeannine Gmelin dankt noch einmal ihrem Team für die Unterstützung «Tag und Nacht» in dieser turbulenten Zeit – da bricht es aus ihr heraus: «Es ist wahnsinnig, wenn ich zurückdenke, wo ich vor einem halben Jahr war und wie glücklich ich jetzt bin, dass ich die Freude am Rudern wieder gefunden habe.» Sie war Fünfte geworden, resultatmässig ein herber Rückschlag für die Weltmeisterin von 2017. Wer aber wusste, was sie alles durchgemacht hatte, dem war klar, dass das in diesem Moment sekundär war. Heute sagt sie: «Es war der erste grosse Test innerhalb von meinem Privatteam, und er ist gelungen. Es waren definitiv Tränen der Erleichterung.»

Die emotionalen Bilder sind Teil des Dokumentarfilms «Kämpfen für Olympia» (Donnerstag, 20.05 SRF 1), das Christian Labhart zusammen mit seiner Frau Heidi Schmid realisiert hat. Er kennt Gmelin, seit «sie ein kleines Mädchen war», sie besuchte in Wetzikon die gleiche Schule wie seine Kinder. Im Herbst 2018 sagte er ihr, er möchte ihren Weg nach Tokio filmisch begleiten. Auf die Idee war er wegen der Persönlichkeit der Ustermerin gekommen: «Jeannine hat sehr viel Tiefgang.»

Tatsächlich drehen sich Gespräche mit der gerade 30 Jahre jung gewordenen Zürcherin selten nur um Hundertstelsekunden und Schlagfrequenz. Nicht überraschend auch ihre Forderung: Authentizität sei zentral, es solle kein Schönwetterprojekt werden, sondern ein ungefärbtes Porträt. Deshalb sei das Herausschneiden dieser Szene auch kein Thema gewesen: «Diese Tränen gehören dazu.»

Der Film zeigt die Spitzenruderin oft ausserhalb ihrer Komfortzone, wie hier beim Abseilen bei einer Bergtour mit ihrem Bruder.
Der Film zeigt die Spitzenruderin oft ausserhalb ihrer Komfortzone, wie hier beim Abseilen bei einer Bergtour mit ihrem Bruder.
Foto: zvg

Ihr Weg sei doch nicht so speziell, hatte Gmelin anfänglich gedacht und einige Zeit gebraucht, sich mit Labharts Idee anzufreunden. Verständlich, sie liebt es nicht, im Zentrum zu stehen, und mit einem übersteigerten Ego fällt sie schon gar nicht auf. Zwei Bedingungen stellte sie: «Ich wollte die Charakteristiken des Rudersports möglichst genau weitergeben, mit Einblicken, die tiefer gehen. Zudem war es auch eine Chance, meinen Partnern etwas zurückzugeben und all jenen Danke zu sagen, die mich immer auf meinem Weg begleitet haben.»

Die Kamera, sie war fortan steter Begleiter, das sei am Anfang «extrem gewöhnungsbedürftig» gewesen. Um die Jahreswende wurden die ersten Trainingsbilder in Sarnen gedreht, und Labhart stellte sich darauf ein, bald oft im Kanton Obwalden zu sein, dort sind alle Eliteathleten von Swiss Rowing stationiert. Doch es kam anders: Der Verband entliess Gmelins Weltmeistertrainer Robin Dowell überraschend.

«Eine Achterbahn, für die sie kein Ticket hatte»

Damit änderte auch das Skript des Films radikal. Vorbei die Stabilität, die sie stets ausgezeichnet hatte, stattdessen begann eine Achterbahnfahrt, für die sie kein Ticket hatte. «Aus Sicht des Filmers war das natürlich auch spannend», sagt Labhart. Er hatte schon rund 15 Dokumentarfilme gedreht, mehrheitlich im Bereich Gesellschaft und Musik, und wagte sich nun erstmals an ein Sportprojekt.

Gmelin aber war tief getroffen vom Entscheid des Verbands. Am Küchentisch gab sie ein paar Tage später Auskunft, Kerzen brannten, die Szenerie mystisch: «Im ersten Moment wusste ich gar nicht, was ich sagen soll. Es war Stillstand oder freier Fall. Und im zweiten Moment bin ich so erschrocken, dass ich merkte, ich zittere am ganzen Körper, weil mir bewusst wurde, dass meine wichtigste Bezugsperson weg ist.» Sie, die ihr ganzes Leben auf diesen harten Ausdauersport ausrichtete, war plötzlich ohne Leidenschaft und Motivation.

«Respekt, Ehrlichkeit, Offenheit, Wertschätzung gegenüber anderen, die sind sehr viel zu kurz gekommen.»

Jeannine Gmelin

Die Vertrauensbasis mit dem Verband, sie war weg, eine weitere engere Zusammenarbeit unmöglich. Gmelin drückt es so aus: «Respekt, Ehrlichkeit, Offenheit, Wertschätzung gegenüber anderen, die sind sehr viel zu kurz gekommen.»

Doch sich gegen Widerstände durchzusetzen, das hatte sie in ihrer Karriere oft gemacht, und so war aufgeben rasch kein Thema mehr. Bald ging es los mit der Gründung ihres Privatteams, die Kamera fast immer im Schlepptau, auch beim härtesten Intervalltraining in Magglingen oder beim Kochen in der Trainings-WG in Norditalien. Einzig bei den Verhandlungen mit dem Ruderverband legte die Athletin ihr Veto ein. «Wir waren uns manchmal nicht einig, aber haben uns immer gefunden», sagt Labhart.

«Die Natur zeigt uns immer wieder auf, dass wir eigentlich keine Ahnung haben.»

Jeannine Gmelin

«Er hat mich gut porträtiert», lobt Gmelin. Immer wieder gibt der 67-Jährige feine Einblicke in die von Respekt und Spass geprägte Beziehung zum Trainer, zudem kommen auch alle anderen Bezugspersonen und Familienangehörigen zu Wort: Beraterin Daniela Gisler, Sportpsychologe Daniel Birrer, Mutter Ruth sowie die Geschwister Valentin, Angelina und Dimitri.

Die Familie ist für Gmelin Hort der Inspiration. An einem ihrer raren trainingsfreien Tage begleitete sie ihre Brüder auf eine Bergtour in den Kanton Glarus mit Ziel Vrenelisgärtli. Auf dem Gipfel auf 2904 Metern erklärte sie ihren Respekt vor der Natur: «Wir Menschen haben immer das Gefühl, wir sind die Grössten, und wir können alles. Aber die Natur zeigt uns immer wieder auf, dass wir eigentlich keine Ahnung haben.»

Seit Dezember nur noch per Video

Ab Ende Jahr war das Dokumentieren nur noch aus der Distanz möglich. Gmelin war zuerst in Australien, musste aber das Trainingslager wegen der Buschbrände vorzeitig abbrechen. Gleiches wurde beim nächsten Trainingslager in der Lombardei nötig, weil die Region wegen Covid-19 plötzlich zur «roten Zone» wurde. Schliesslich fanden sie und Dowell wenige Stunden vor Grenzschliessung Exil in Slowenien. Und blieben drei Monate.

Endpunkt des Films sollte ursprünglich sein, wie Jeannine Gmelin in den Flieger nach Tokio steigt, verbunden mit der Frage: «Kann sie ihren Traum realisieren?» Die Antwort wird nun erst in einem Jahr gegeben, bis dann ist eine Fortsetzung des Films geplant. Und hoffentlich auch für Jeannine Gmelin eine Rückkehr zur Normalität nach eineinhalb verrückten Jahren.