Zum Hauptinhalt springen

Plan B: Wie die Kultur der Krise trotztDichterschlacht ohne Dichtestress

Auch der Poetry-Slam weicht derzeit auf das Internet aus: Der charmant-chaotische «Physical Distance Poetry Slam» auf Youtube ist durchaus ein Ticket wert, und beim Mundart-«Quarantäneslam» von Radio SRF steht das Finale an.

Pesche Heiniger und Valerio Moser sind die Showmaster des neuen «Physical Distance Poetry Slam» auf Youtube.
Pesche Heiniger und Valerio Moser sind die Showmaster des neuen «Physical Distance Poetry Slam» auf Youtube.
Screenshot

Ein Flamingo lugt neben Valerio Moser ins Bild. Discokugeln drehen sich an der Zimmerdecke. Warum nicht. Mal was anderes als die omnipräsenten Bücherwand-Hintergründe. Co-Moderator Pesche Heiniger am anderen Ende der Liveschaltung hat seinerseits eine psychedelische Lampe angeknipst, die aber in schärferem Kontrast zur erdigen Einrichtung steht: ein Sessel, daneben ein Glas Rotwein auf einem Beistelltisch. Der Emmentaler Heiniger parliert in gemütlichem Tempo mit Moser in Langenthal.

Eilig haben sie es nicht, wofür auch. Langer Zwischenapplaus wird heute wegfallen, ebenso die Verspätung nach der Pause, in der die Schlangen vor der Bar und den Toiletten zu lang waren. Die beiden begrüssen zum «Physical Distance Poetry Slam» auf Youtube. Denn im Moment gilt: «Frisur vor Kultur» – Heiniger spielt in seiner Anmoderation auf die ersten Lockerungen der Corona-Massnahmen fürs Gewerbe an. Bis wann der Bundesrat die Kulturstätten geschlossen lässt und vor allem ab wann wieder grössere Anlässe erlaubt sind, ist schwierig vorauszusagen. Darum ist neben anderen Kunstformen auch der Poetry-Slam, der Wettstreit der performten Worte, von seinen üblichen Bars und Theatern vorübergehend aufs Internet ausgewichen. «Ich rechne nicht damit, dass ich bis Ende Jahr wieder auf einer grösseren Bühne stehen werde», sagt Moser. Er habe mit seiner «Informatik-Vergangenheit» ohnehin Spass am Entwickeln neuer digitaler Formate.

Laute Vögel

Die Bühne ist jetzt also die Wohnung der Slammerinnen und Slammer. Das Duo Lorem Ipsum trauert im Bett fläzend der Jugend nach, Gina Walter wird von Vogelgezwitscher übertönt, als sie erklärt, warum sie pensioniert sein möchte, und sowohl der amtierende Schweizer Slam-Champion Marco Gurtner (mit Löwenmähne) als auch Nadine Steiner (im Schneidersitz) greifen die – offenbar virulente – Coiffeurthematik auf. Die Videos, die jeder vorher aufgenommen hat, spielen Moser und Heiniger nacheinander ab. Am Schluss kürt das Publikum seine Lieblingsperformance in einer Onlineabstimmung.

Sturm-und-Drang-Dichter: Lukas Becker.
Sturm-und-Drang-Dichter: Lukas Becker.
Screenshot: Youtube

Zwar fällt die ausgelassene Stimmung eines vollen Saals weg, und es stört ab und zu eine technische Panne. Zudem ist beim digitalen Poetry-Slam nicht wirklich das zu spüren, was Valerio Moser am Liveauftritt so schätzt: «wie es langsam warm wird im Raum». Doch die Frage, welche Texte und Präsentationen mehr Leute erreichen als andere, ist auch hier spannend. Vor allem der begnadete Geschichtenerzähler Marco Gurtner und der Sturm-und-Drang-Dichter Lukas Becker bleiben in Erinnerung, oder auch die satirisch-politischen Performances von Lisa Christ und Gregor Stäheli. Bei der ersten Ausgabe erhält Gurtner am meisten Stimmen, bei der zweiten ist es die Bernerin Fabienne Krähenbühl. Dabei entscheidet auch mit, wer am meisten Unterstützer mobilisieren kann.

Unfreiwillig komisch

Beim «Quarantäne-Slam», einem Format der Mundartsendung «Schnabelweid» von Radio SRF 1, vergeben die Zuschauerinnen und Zuschauer pro Kandidatin und Kandidat einen bis fünf Sterne. Der Redaktor André Perler hat den Radio-Slam im April gestartet, nachdem die Schweizer Meisterschaft im Poetry-Slam im März abgesagt worden war. Im Unterschied zum Do-it-yourself-Charme von Mosers und Heinigers Show bettet der «Quarantäne-Slam» die Beiträge redaktionell ein. Die Moderation ist dafür weniger lustig, ausser vielleicht unfreiwillig: wenn etwa die Radiomacher zugeben müssen, dass sie die jugendliche Anrede «G», die in einem Text vorkommt, googeln mussten.

Aus Holland zugeschaltet: Miriam Schöb.
Aus Holland zugeschaltet: Miriam Schöb.
Screenshot: SRF

Im Finale des SRF-Slams stehen Miriam Schöb, Alessandra Willi, Valerio Moser und Andreas Kessler. Bis heute Abend kann noch auf der Website der Sendung abgestimmt werden.

Beim «Quarantäne-Slam» bekommen die Slammerinnen und Slammer eine fixe Gage. Bei der «Physical Distance Poetry Slam»-Reihe werden erst am Ende alle gespendeten Eintritte unter den Künstlern aufgeteilt. Bislang würde jeder 50 Franken erhalten. Zur zweiten Folge schalteten mit rund 80 Zuschauenden bereits doppelt so viele ein wie zur Premiere. «Gäbe jeder schon nur 5 Franken», rechnet Valerio Moser vor, «käme immerhin etwas zusammen.» Nach zwei Ausgaben lässt sich sagen: Sogar bei langweiliger Zimmerdekoration würde sich das Einschalten lohnen.

Alle Beiträge des «Quarantäne-Slam» kann man bei SRF nachschauen. Der Sieger-Text wurde in der Sendung «Schnabelweid» am 7. Mai bekannt gegeben. Der nächste «Physical Distance Slam» ist am 16. Mai um 21 Uhr auf Youtube.