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Freude in BerlinDeutschland sieht Biden als «grosse Chance»

Nirgends war Trump so verhasst wie in Deutschland, entsprechend gross ist nun die Erleichterung über dessen Abwahl.

Trumps Lieblingsgegnerin lacht am längsten: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einer Woche vor der Berliner Hauptstadtpresse.
Trumps Lieblingsgegnerin lacht am längsten: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einer Woche vor der Berliner Hauptstadtpresse.
Foto: Henning Schacht (Getty Images)

«China will mich loswerden, der Iran will mich loswerden, Deutschland will mich loswerden», rief Donald Trump noch kurz vor der Wahl seinen Fans zu. Den Verbündeten in Europa nannte er in einer Reihe mit einem Feind und einem Rivalen.

Trump hatte Angela Merkel schon früh zu seiner Lieblingsgegnerin erkoren. Ihre Asylpolitik nannte er «wahnsinnig»: Deutschland gebe lieber Milliarden für Flüchtlinge aus, als Amerikas militärischen Schutz angemessen zu entgelten. Er drohte mit Strafzöllen gegen deutsche Autos und ergriff Sanktionen wegen der deutsch-russischen Gaspipeline Nord Stream 2, wie es sie sonst nur gegen Länder wie Nordkorea gibt.

Zerrüttetes Verhältnis

Trumps Tiraden kamen an: Nirgends war der US-Präsident zuletzt verhasster als in Deutschland. Nach einer Umfrage des ZDF wünschten nur 4 Prozent der Deutschen seine Wiederwahl. In einer US-Umfrage sagten vier von fünf Deutschen, sie hätten kein Vertrauen in seine Aussenpolitik. Noch schlechter waren die Zahlen, was den Umgang mit der Corona-Pandemie angeht. In Trumps Amtszeit stürzte der Anteil der Deutschen, die von den USA eine gute Meinung hatten, von 57 auf 26 Prozent. Schlechter war das deutsch-amerikanische Verhältnis seit Ende des Zweiten Weltkriegs nie.

Vor diesem düsteren Hintergrund erstaunte es wenig, dass in Deutschland die meisten Menschen mit Freude und Erleichterung auf Trumps Abwahl reagierten. Bereits 90 Minuten nach den Meldungen aus den USA reagierte am Samstagabend Kanzlerin Merkel mit Glückwünschen an Joe Biden und Kamala Harris. «Unsere transatlantische Freundschaft ist unersetzlich, wenn wir die grossen Herausforderungen dieser Zeit bewältigen wollen», schrieb Merkel.

Aussenminister Heiko Maas (SPD) und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) boten Biden umgehend einen «neuen Deal» an, um die transatlantische Werte- und Sicherheitsgemeinschaft wieder zu erneuern. Sie versprachen dazu auch zusätzliche Anstrengungen Deutschlands.

«Beschädigt, aber noch nicht zerstört»: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sieht die Wahl Bidens als «grosse Chance» für das transatlantische Verhältnis.
«Beschädigt, aber noch nicht zerstört»: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sieht die Wahl Bidens als «grosse Chance» für das transatlantische Verhältnis.
Foto: Andreas Gora (Getty Images)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier reagierte mit einem Gastbeitrag in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Bidens Wahl biete Deutschland und Europa «grosse Chancen»: um das Vertrauen in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wieder zu stärken und gemeinsam das Ziel einer besseren und gerechteren Welt zu verfolgen. Europa habe mit Trump in den zurückliegenden Jahren «in den Abgrund» der transatlantischen Gemeinschaft geblickt. Vieles sei «beschädigt, aber noch nicht zerstört». Deutschland müsse alles dafür tun, um Europa und dessen Verhältnis zu den USA wieder zu stärken.

Dabei macht sich in Deutschland niemand Illusionen. Biden muss vor allem Amerika befrieden, das Verhältnis zu Europa wird nicht seine erste Sorge sein. Auch ist der neue Präsident so wenig ein «Freihändler» und «Globalist» wie der alte. Anders als Trump wird er aber deswegen kaum einen Zollkrieg gegen Verbündete vom Zaun brechen. Vor allem aber ist Biden, was die Welt angeht, ein Multilateralist, zudem ein «Transatlantiker vom alten Schlage». Darauf müsste sich doch etwas aufbauen lassen, hofft man in Berlin.

8 Kommentare
    Markus Helfer

    "Freude in Berlin

    Deutschland sieht Biden als «grosse Chance»"

    In Berlin lebend sollte schon aufgefallen sein, dass das politische Berlin bei weitem nicht die Meinung von Deutschland repräsentiert.