Zum Hauptinhalt springen

Reaktion auf PolizeigewaltDer weinende NBA-Coach findet klare Worte gegen Rassismus und Trump

Doc Rivers trainiert das Basketball-Team der Los Angeles Clippers. Das Porträt eines Mannes, der sich fragt, warum sein Land ihn nicht zurückliebt.

Doc Rivers wird emotional: Der Coach der Los Angeles Clippers spricht über die aktuellen Entwicklungen in den USA.
Video: LegionHoops via Twitter

«Wir sind diejenigen, die getötet werden. Wir sind diejenigen, die erschossen werden. Wie können Republikaner es wagen, von Angst zu sprechen? Wir sind es, die Angst haben müssen.» Während diese Worte Don Rivers’ Lippen verlassen, überschlägt sich seine Stimme. Der 1,93 Meter grosse Hüne mit der Glatze und dem grau melierten Bart, er wirkt emotional zerbrechlich, als er am Dienstag nach dem NBA-Playoff-Spiel seiner Los Angeles Clippers gegen die Dallas Mavericks vor die Medien tritt und sich dabei die Schutzmaske vom Gesicht reisst. Alle sollen sie die bebenden Lippen und das Wasser in den Augen des 58-jährigen Coachs sehen.

Rivers zählt zu den People of Color. Seit 2013 trainiert er die Clippers, für die er einst auch auf dem Parkett stand, als Point Guard während der 1990er-Jahre. Vor den Clippers führte er 2008 die Boston Celtics zu ihrem letzten Meistertitel. Und dieses Jahr muss er nicht nur aufgrund des weltweit grassierenden Coronavirus mit seinem Team das Playoff in der «Bubble» von Disney World in Florida bestreiten. Er muss auch mit einer Form von Rassismus und Polizeigewalt gegen dunkelhäutige Amerikaner klarkommen, wie sie das Land lange nicht erlebt hat. Seit dem gewaltsamen, von Polizisten herbeigeführten Erstickungstod des Afroamerikaners George Floyd sind die Themen Rassismus und Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten omnipräsent und haben weltweit zu zahlreichen «Black Lives Matter»-Demonstrationen mit Hunderttausenden Teilnehmern geführt.

Erst Floyd, jetzt Blake

Die Protestwelle, sie erreichte in zahlreichen Erscheinungsformen den Sport und natürlich auch die beste Basketballliga der Welt, in welcher in der Saison 2018/19 nicht weniger als 82 Prozent aller Spieler und jeder dritte Headcoach zu den People of Color gehörte.

Spricht mit seinen Spielern, welche mit Trikot-Aufdrucken gegen Rassismus protestieren: Clippers-Coach Doc Rivers.
Spricht mit seinen Spielern, welche mit Trikot-Aufdrucken gegen Rassismus protestieren: Clippers-Coach Doc Rivers.
Foto: Kim Klement-Pool (Getty Images)

Vom Kniefall, wie ihn NFL-Quarterback Colin Kaepernick als erster Sportler während des Abspielens der Nationalhymne vor vier Jahren am 26. August 2016 beging. Über bedruckte Einlauf-Shirts mit dem Schriftzug «Black Lives Matter». Bis zu diesem Mittwoch, als die Protestwelle einen historischen Höhepunkt erreichte, indem die Milwaukee Bucks als Boykott nicht zu ihrem Playoff-Spiel gegen Orlando Magic antraten und in der Kabine blieben.

«Du musst nicht schwarz sein, damit dich dieses Video schockiert. Du musst Amerikaner sein.»

Doc Rivers, Clippers-Coach

Grund für die anscheinend nicht gross geplante Aktion: Am Sonntag war der 29 Jahre alte Familienvater Jacob Blake durch Schüsse der Polizei in seinen Rücken schwer verletzt worden. Auf einem Video ist zu sehen, wie Blake zu seinem Auto geht, gefolgt von zwei Polizisten mit gezogenen Waffen. Eine der Waffen ist auf seinen Rücken gerichtet. Als Blake die Fahrertür öffnet und sich ins Auto beugt, fallen Schüsse. Nach Angaben des Anwalts der Familie sassen in dem Auto Blakes Kinder im Alter von drei, fünf und acht Jahren. Wie Blakes Vater und dessen Anwalt angaben, ist er infolge der Schüsse von der Hüfte abwärts gelähmt.

«Du musst nicht schwarz sein, damit dich dieses Video schockiert. Du musst Amerikaner sein», sagte Rivers, der sich erst nach dem Spiel zu dem Vorfall hatte äussern wollen. Und sichtlich mit seinen Emotionen angesichts der Tat zu kämpfen hatte.

Aufgestochene Reifen, niedergebranntes Haus

Das Schreckensszenario, es erinnerte den 58-jährigen Sohn eines Polizisten auch an seine persönlichen Erfahrungen: aufgeschlitzte Reifen am Auto seiner weissen Ehefrau Kris Campion, rassistische Schmierereien draussen vor dem Haus ihrer Eltern auf dem Bürgersteig. Als er in den 90er-Jahren für die San Antonio Spurs auflief, wurde sein Haus bis auf die Mauern niedergebrannt. In dem Moment, als die Flammen alles verschluckten, was er besass, spielte Rivers Golf in Seattle, Frau und Kinder besuchten deren Familie in Wisconsin.

«Als ich zum Haus fuhr, war mein Kopf leer», sagte Rivers. «Ich habe gerade gesehen, wie mein Haus entkernt wurde. Dann dachte ich an meinen Hund, Ginger. Meine Frau schenkte mir den Hund vor dem ersten Spiel meines Rookie-Jahres. Später fanden sie den Hund tot in den Trümmern. Alles andere in diesem Haus waren nur Sachen. Die Kleidung, die Möbel. Ich verlor alles.» Die Polizei vermutete damals keinen rassistischen Hintergrund, ging aber von Brandstiftung aus. Verdächtigt wurden Teenager. «Aber sie taten es mit meinem Haus. Ich bin schwarz.»

Lob von einem Präsidenten

Rivers zählt mit über 20 Jahren an der Seitenlinie zu den erfahrensten und meistrespektierten Trainern der NBA. Er ist kein Mann, der das grosse Rampenlicht sucht. Als er mit Boston 2008 die Meisterschaft gewann und seine Spieler mit Champagner in der Garderobe feierten, schloss er sich in seinem Büro ein und erlag den Tränen, als er über den Tod seines Vaters nachdachte, der sich früher in jenem Jahr ereignet hatte.

«Wenn es einen Fehler in meiner ganzen Sportkarriere gibt, dann den, dass ich nicht die Möglichkeit hatte, zu sehen, was ich tue oder getan habe. Ich glaube, ich bin der einzige Coach in der Geschichte, der nicht Teil der Champagner-Dusche war. Ich habe einfach nicht darüber nachgedacht.» Auch als am Dienstag die Worte aus Rivers Mund kamen, dürfte er nicht gross nachgedacht haben. Mit zitternder Stimme brachte er seinen Schmerz und seine Wut zum Ausdruck, als er sagte: «Es ist für mich erstaunlich, warum wir dieses Land weiterhin lieben und dieses Land uns nicht zurückliebt.»

Mit seinem emotionalen Auftritt trat Coach Rivers für Werte ein, die längst nicht mehr überall als selbstverständlich gelten. Dafür wurde er gelobt. Unter anderem von einem ehemaligen Präsidenten der USA, Barack Obama. Auch er ist schwarz.