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Verteidiger Mirco MüllerDer Weg in die NHL führt über einen Campingplatz in Schweden

Der 26-jährige Winterthurer erhielt von New Jersey keinen Vertrag mehr. In der Abgeschiedenheit von Leksand erstaunt er nicht nur mit einer Karrieren-Premiere.

Mirco Müller am Tag seines Hattricks mit Leksand gegen Rögle
Mirco Müller am Tag seines Hattricks mit Leksand gegen Rögle
Foto: Imago

Mirco Müller kann bestätigen, was das Internet behauptet: Mit dem Auto benötigt man dreieinhalb Stunden, um von Stockholm nach Leksand zu gelangen – «wenn der Osterverkehr schon eingesetzt hat, noch ein bisschen mehr». Am Montag war für Leksand und Müller die Qualifikation in der Schwedischen Hockey Liga (SHL) mit einem 4:1 über Malmö zu Ende gegangen; zusammen mit seiner Frau nützte er die paar freien Tage für einen Besuch in der Hauptstadt. Die Corona-Massnahmen in Schweden sind zwar strikter geworden, aber im Vergleich zur Schweiz immer noch locker. «Die Restaurants sind offen», berichtet Müller nach seinem Stockholm-Ausflug, «allerdings schliessen sie um 20.30 Uhr.»

Die Abwechslung Stockholm tat gut. Der 26-Jährige sagt über Leksand: «Es ist ein guter Ort, um sich auf Eishockey zu konzentrieren.» Das ist eine schöne Umschreibung der unromantischen Realität: Leksand, nordwestlich von Stockholm, präsentiert sich im Winter nicht als Destination mit unbegrenzten Möglichkeiten. Die Nummer 1 und Stolz des Hauptorts der Provinz Dalarna ist der Eishockeyverein Leksands IF. Hervorgegangen ist er aus der Leksands Idrottsförening, dem lokalen Sportverein. Die Nummer 2 im Ort gehört Leksands Knäckebröd, dem nach Wasa zweitgrössten Knäckebrot-Produzent des Landes. «Dann gibt es noch eine Bäckerei, wo man Kuchen und Kaffee kriegt, sowie einige Restaurants», berichtet Müller.

Und leicht ausserhalb befindet sich «Leksand Strand Camping & Resort». Die Campingplätze öffnen zwar erst Ende April, aber dieser eine ist winterfest, man kann dort «Stugor» (Ferienhäuser) mieten. In einem solchen Haus hat der Verein Mirco Müller untergebracht, «mit dem Auto bin ich in fünf Minuten in der Arena.»

Seit diesem Jahr setzt er auf einen kanadischen Agenten

Müllers Weg zurück in die NHL soll also via Leksand und diesen Campingplatz in Schweden führen. Nach drei Jahren San José und drei Jahren in New Jersey erhielt er im Oktober letzten Jahres von den Devils keinen Vertrag mehr. Was ihn doch auch erstaunte, denn in der zweiten Saisonhälfte hatte er viel Eiszeit und einen Platz an der Seite eines prominenten Verteidigers – P.K. Subban – gehabt.

«Ohne Corona wäre ich sicher noch irgendwo untergekommen» sagt der 1,90 m grosse Müller. Dass die Clubs weniger Geld zur Verfügung hatten, dass sie zu den Trainingscamps nur 35 statt 55 Spieler einluden, waren Gründe. «Kein Geld oder kein Platz waren die Rückmeldungen, die ich erhielt.» Doch auch erstaunlich für einen wie Müller, der bei der WM 2018 als einer der drei besten Spieler im grossartigen Schweizer Silberteam ausgezeichnet worden war. Bereits im letzten Sommer hatte ein Schweizer Verein sein Interesse angemeldet, später kamen weitere hinzu. «Doch in meinen Augen bietet die schwedische Liga die besten Chancen, wieder einen Platz in der NHL zu finden. Sie steht in einem besseren Scheinwerferlicht.»

Die Destination Leksand wurde nicht von seinem langjährigen Agenten André Rufener angesteuert. Müller hat sich vom Schweizer getrennt und ist neu Kunde des Kanadiers Rick Valette aus der Octagon-Gruppe. Für seinen bekanntesten Spieler, Ryan Nugent-Hopkins, erarbeitete Valette 2013 mit Edmonton einen Siebenjahres-Vertrag in der Höhe von 42 Millionen Dollar.

Elf Monate lang ohne Spielpraxis

Als die NHL am 13. Januar ohne ihn begann, wurde es für Müller Zeit, einen guten Platz zu finden, um noch ein letztes Drittel der europäischen Saison Eishockey zu spielen. Als er Anfang Februar dann in Leksand eintraf, empfingen ihn nicht nur frostige 18 Minusgrade, sondern er wusste auch: Elf Monate lang hatte er kein Spiel ausgetragen, sondern nur trainiert. Am 12. März 2020 war wegen Corona die Saison abgebrochen worden, die Devils verpassten das Pre-Playoff deutlich, das im Spätsommer stattfand. Müller trainierte in Vancouver. Dort hatte er seine Freundin Kris Redmond vor seinem ersten Profijahr kennengelernt, im Dezember 2020 heirateten die beiden.

«Ich weiss wirklich nicht, ob ich vorher überhaupt jemals in einem Spiel dreimal getroffen habe»

Mirco Müller

Leksand hat sich bisher als ein Erfolg in allen Bereichen erwiesen. Seit Müller für den Traditionsverein spielt, gab es in 13 Matches nur eine Niederlage. Mit der Serie von acht Siegen in Folge sicherte sich Leksand, zuvor mehrere Jahre lang ein typischer Liftclub, Rang 3 und erstmals einen Platz in der Champions League. Die letzten sechs Partien kassierte Leksand keinen Treffer in Unterzahl, erzielte aber drei Goals. Was sehr wohl auch das Verdienst des Schweizers ist. Er kam im Schnitt auf 20:36 Minuten Eiszeit pro Match, ist ein Boxplay-Spezialist – und seit Runde 51 auch Hattrick-Torschütze.

Schwester Alina hat das Talent des Toreschiessens

Beim 3:1-Sieg von Leksand in der Halle von Leader Rögle erzielte der Verteidiger alle drei Goals. Ein Ereignis, das Wellen warf. «Ich bin ja nicht so bekannt als Torschütze», sagt er, schickt ein Lachen hinterher und muss dann forfait geben: «Ich weiss wirklich nicht, ob ich vorher überhaupt jemals in einen Spiel dreimal getroffen habe, auch aus der Juniorenzeit erinnere ich mich nicht an ein solches Ereignis.» Das Talent des Toreschiessens hat eher Schwester Alina, die momentan als eine der besten Spielerinnen der Welt gilt.

Schwester Alina Müller hat das Talent des Toreschiessen.
Schwester Alina Müller hat das Talent des Toreschiessen.
Foto: Keystone

Offensives Talent zeichnete auch Leksand-Assistenztrainer Mikael Karlberg aus, der vor 18 Jahren für Fribourg-Gottéron 48 Assists in einer Saison erzielte, mit den ZSC Lions 2006 gegen den Abstieg kämpfte. «Aber er kümmert sich vor allem um die Stürmer», erklärt Müller.

Doch im Spiel nach vorne soll und will er noch mehr aus sich herausholen, das bringt ihn der NHL wieder näher. «Ich weiss, dass ich es zurückschaffen kann. Die Karten werden neu gemischt, ich habe es in meinen eigenen Händen.»

Ein gutes Playoff mit Leksand würde helfen. Es muss ja nicht immer gleich ein Hattrick sein.