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Grösste Brauerei-Dichte weltweitDer Schweizer Bier-Boom in Zahlen

Es gibt immer mehr Brauereien, die Vielfalt steigt, der Konsum nimmt zu. Doch die Corona-Krise könnte den jahrelangen Aufwärtstrend der Branche jäh stoppen.

Bier erfreut sich in der Schweiz wachsender Beliebtheit: Jerome Rebetez, Chef der jurassischen Brauerei BFM, probiert eine seiner eigenen Kreationen.
Bier erfreut sich in der Schweiz wachsender Beliebtheit: Jerome Rebetez, Chef der jurassischen Brauerei BFM, probiert eine seiner eigenen Kreationen.
Foto: Keystone

Am Freitag feiert der Schweizer Brauerei-Verband (SBV) den Tag des Schweizer Bieres und den offiziellen Start in die Saison 2020. Was normalerweise mit einer Veranstaltung zelebriert wird, muss heuer im privaten Rahmen stattfinden. Die Corona-Krise macht dem SBV einen Strich durch die Rechnung. Zu feiern hat er trotzdem genug. Denn der hiesige Biermarkt erlebt seit Jahren einen Boom, der seinesgleichen sucht. Das zeigt unsere Übersicht:

Es gibt immer mehr Brauereien

Die Zahl der Braustätten in der Schweiz ist in den letzten Jahren regelrecht explodiert. Als solche gilt, wer berufs- oder hobbymässig mehr als 4 Hektoliter (400 Liter) Bier pro Jahr braut oder dieses unabhängig von der Menge verkauft. Ende März 2020 führte die Eidgenössische Zollverwaltung insgesamt 1141 Betriebe in ihrem Verzeichnis. Das sind fast doppelt so viele wie noch vor fünf Jahren.

Eingesetzt hat dieser Boom 1991 mit dem Ende des Bierkartells, einer Vereinbarung zwischen fast allen Schweizer Brauereien unter Führung des heutigen SBV. Sie bestand seit 1935 und erlaubte eine umfassende Marktregulierung. Seit das Kartell vor gut 25 Jahren aufgelöst wurde, ist die Anzahl Neugründungen nach oben geschnellt. Laut dem SBV weist die Schweiz heute im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die grösste Dichte an Brauereien weltweit auf.

Mit der sogenannten Craft-Bier-Bewegung, die vor einigen Jahren aus den USA nach Europa geschwappt ist, hat sich die Entwicklung noch einmal beschleunigt. Darunter versteht man Biere, die handwerklich von einer unabhängigen Brauerei gebraut werden. Bei fast drei Vierteln der Betriebe in der Schweiz handelt es sich heute um Mikrobrauereien, die im Zuge dieser Bewegung entstanden sind und weniger als 20 Hektoliter im Jahr produzieren.

Der Konsum nimmt zu

Der Gesamtkonsum und damit auch der Produktionsausstoss von Bier steigt in der Schweiz laufend an. Im Braujahr 2019 (1. Oktober 2018 bis 30. September 2019) wurden über 4,7 Millionen Hektoliter getrunken, fast 13 Prozent mehr als noch um die Jahrtausendwende.

Gleichzeitig ist aber auch die Bevölkerung in der Schweiz gewachsen. Schaut man sich den Konsum pro Kopf an, sieht die Kurve anders aus: Sie hat seit der Jahrtausendwende leicht abgenommen, sich in letzter Zeit aber stabilisiert.

Marcel Kreber, SBV-Direktor, sieht die Entwicklung den Umständen entsprechend positiv: «Wenn man bedenkt, dass es in den letzten Jahren einen Fitnesstrend gab und die Menschen allgemein weniger Alkohol trinken, ist das ein gutes Resultat.» Früher habe man eher mal etwas am Mittag getrunken. Heute würden viele bewusster leben und geniessen, sagt Kreber.

Einheimisches Bier wird immer beliebter

Lange Zeit verlor einheimisches Bier an Terrain gegenüber Importprodukten, die sich wachsender Beliebtheit erfreuten. 2013 kehrte sich der Trend jedoch um. Während seither die Nachfrage nach importierten Bieren kontinuierlich abnimmt, legen die inländischen Brauereien laufend zu. «Das Verhältnis der Schweizer zu ihrem Bier hat sich in den letzten Jahren völlig verändert», freut sich Kreber.

Auch 2019 erlebten die hiesigen Brauereien ein gutes Jahr. Sie steigerten ihre Produktion um 2,3 Prozent und haben nun einen Gesamtmarktanteil von 77,8 Prozent. Den Rest machen die Bierimporte aus, die gegenüber dem Vorjahr ein Minus von 3,5 Prozent hinnehmen mussten.

Die Vielfalt nimmt zu

Dass einheimische Biere boomen, hat sicher auch mit der grösseren Auswahl zu tun. Weil die Anzahl an Brauereien zunimmt, wächst die Vielfalt ungebrochen. «Das Angebot der 23 SBV-Mitglieder hat sich in jüngster Zeit verdoppelt. Alleine sie haben beinahe 400 verschiedene Biere im Angebot», sagt Kreber. Rechnet man für jede weitere registrierte Brauerei in der Schweiz fünf Marken hinzu, resultieren etwa 6000 verschiedene Biere. Wahrscheinlich sind es noch mehr.

Eine genau Zahl zu nennen, ist fast unmöglich. Täglich kommen neue Varianten auf den Markt. Die Zeiten, in denen eine Brauerei sich auf einige wenige Bierstile konzentrierte, sind vorbei. Viele kleine Betriebe, sogenannte Mikrobrauereien, experimentieren und treffen damit den Nerv der Zeit. «Die Konsumenten sind heute bereit, Neues auszuprobieren. Das hat auch mit einem neuen, interessierten Publikum zu tun, zu dem mehr Frauen gehören», stellt Kreber fest.

So hat zum Beispiel jüngst der Absatz der alkoholfreien Biere zugelegt, von denen es immer mehr Varianten gibt. Spezialitätenbiere sind in den letzten Jahren ebenfalls immer beliebter geworden. Weiterhin wird aber klassisches Lager am häufigsten getrunken, das 72 Prozent des Konsums in der Schweiz ausmacht.

Braut ihr «Birra Mater» in der Mikrobrauerei im eigenen Garten: Die Tessinerin Sonja Rigamonti ist ein Beispiel für die Craft-Bier-Bewegung in der Schweiz.
Braut ihr «Birra Mater» in der Mikrobrauerei im eigenen Garten: Die Tessinerin Sonja Rigamonti ist ein Beispiel für die Craft-Bier-Bewegung in der Schweiz.
Foto: Keystone

Nach dem langen Aufwärtstrend kommen nun aber auch auf den Schweizer Biermarkt schwierige Zeiten zu. «Der Boom hat sich ein bisschen abgeschwächt, ist nicht mehr so dynamisch wie in den vergangenen Jahren», sagt Kreber. «Der Peak ist wohl erreicht.» Mehr als 1200, vielleicht 1500 Brauereien werde es in der Schweiz nicht geben, weil irgendwann schlicht die Nachfrage fehle.

In den letzten Jahren mussten laut dem SBV-Direktor mehr Betriebe schliessen als auch schon. Jetzt macht die Corona-Krise den Brauereien zu schaffen, weil der Absatz in der Gastronomie weggebrochen ist. Im Schnitt macht dieser 40 Prozent des Umsatzes aus. «Es wird Brauereien geben, die das nicht überleben, viele sind stark von der Gastronomie abhängig», warnt Kreber. Dass die positiven Auswirkungen des Booms nach der Krise einfach weg sind, glaubt er aber nicht.